Savoir vivre halt eben …

Miesmuscheln (Quelle: Pexels)Es ist fast Mitte November, draußen ist es neblig trüb, nass und kalt. Ich sitze im Büro vor dem Computer, der Kopf raucht, die Fußboden-Heizung bullert – eigentlich ist es warm, aber ich habe die Füße kalt. Echt ein schei*** Tag, Zeit für einen Stimmungsaufheller in diesen trüben November-Tagen? Einfach einen kleine Nonsense-Geschichte der Art ‚Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen‘. Und ich hab mich da halt mal ein wenig in Richtung ‚Savoir vivre‘ und Südfrankreich gebeamt. Denn heute ist Mittwoch, da ist bei uns im Städtchen Markt, samt Fischhändler …


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und schon sind wir mitten in der Geschichte. Als wir Anfang der 80er Jahre von Bremen ins Umland Frankfurts zogen, herrschte da in Bezug auf Wochenmärkte und Frischfisch ‚Disaspora‘. Selbst losen Käse gab es in den Märkten keinen – nur in Feinkostläden zu horrenden Preisen. Für Frischfisch und losen guten Käse hätte man nach Frankfurt gemusst.

Das hat sich aber arg gebessert – irgendwann fing es an, dass Supermärkte Käsetheken bekamen – und plötzlich gab es auch einen Wochenmarkt mit guten Fischhändlern und Käseständen. Und so heißt es Mittwochs für meine Frau ‚Einkaufen auf dem Wochenmarkt sowie im Hofladen eines lokalen Bauern‘. Gelegentlich darf ich (bei guter Führung) sogar mit – O-Ton: ‚Aber gibt nix außer der Reihe, ich kenn dich ja, Weinstand, Käsestand, Feinkost beim Griechen und dann zum Fischhändler …‘. Heute hatte meine Frau beim Fischhändler frische Miesmuscheln und beim Griechen Tarama (gesalzener Fischroggen) bekommen.

Miesmuscheln (Quelle: Pexels)
Miesmuscheln (Quelle: Pexels Nick Bondarev)

Ergo gab es zu Mittag Tarama als Aufstrich zu Brötchen, Miesmuscheln in Gemüsesud mit Spaghetti und einem Glas Pfälzer Riesling … man gönnt sich ja sonst nichts. So ein Stückchen Savoir vivre an einem kalten, trüben November-Tag. Und schon begannen die Gedanken zu fliegen, zurück in die Vergangenheit.

So von 1979 bis 1981 habe ich als junger Ingenieur in Bremen gearbeitet, da war ich natürlich bezüglich Frischfisch, Muscheln, Krabben etc. sozusagen an der Quelle. In unserer Zeit in Bremen gab es häufiger die Sessions mit Freunden, wo dann entweder Schnecken in der Pfanne, oder Granat (ungepulte Krabben) oder eben Miesmuscheln in einer Pfanne oder einem Topf auf den Küchentisch kamen. Dazu Baguette und Weißwein … lecker. Als ich dann von Bremen weg gezogen und im Frankfurter Umland diesbezüglich ‚in der Diaspora gelandet‘ bin, habe ich festgestellt, dass ich in Bremen eigentlich viel zu selten Fisch gegessen hatte.

Aber als wir nach Bremen zogen, war das Thema Frischfisch noch nicht so auf der Agenda. Als Kind der Eifel hieß es bei ‚gibt heut Fisch‘ Reißaus-nehmen, denn die Küche stank nach dem Zeugs (Fischstäbchen gab es damals erinnerungsmäßig noch nicht). Nur Bratheringe, die Mutter kaufte, mochte ich als Kind. Ich erinnere mich noch genau an den Laster, der über die Dörfer und Höfe fuhr, und Nudeln, Reis, Gurken, Mehl sowie andere Grundnahrungsmittel aus Säcken, Eimern und Fässern lose verkaufte. Und dieser Händler hatte halt auch Bratheringe, und wenn Mutter fragte ‚was soll ich dir denn kaufen‘, war klar, was ich antwortete.

Als Studenten konnten wir uns Muscheln, Frischfisch oder Tarama vom Markt nicht leisten. Da war es ein Highlight, wenn wir mal alle 3-6 Monate nach Aachen zum Griechen fuhren und Kokkinisto auf Kalbsbasis mit Fritten und Salat gegessen haben. Und gelegentlich waren wir in Jülich beim Jugoslawen (war aber zu fleischlastig). Ach ja, mit einigen Nebenjobs als Elektriker mit Kühltürme am Wochenende schweißen oder Elektroninstallationen in Reinigungen verlegen habe ich es dann hin bekommen, dass meine Frau und meine Wenigkeit im letzten Studienjahr per Bus für eine Woche nach Paris reisen konnten. Die Stadt war schon cool, nur haben wir vergeblich das ‚gute Essen der Franzosen‘ gesucht.


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Das habe ich dann später kennen gelernt. Witziger weise beim ersten Mal in England auf einer Schulung so Anfang 1989, als wir in ein französisches Restaurant eingeladen wurden. Bestes französisches Essen, was ich bisher (erinnerungsmäßig) bekommen habe. Und dann gab es da noch den ‚Encounter mit dem savoir vivre‘ in Aix-en-Provence – es muss so 1987/1988 gewesen sein. Ich hatte für meinen damaligen Arbeitgeber eine Bewerbung für ein EU-Projekt im Bereich Computer Integrated Manuafacturing (CIM) eingereicht. Im Konsortium dabei war auch eine französische Firma, und ich bin zu Projektabstimmungen gelegentlich nach Frankreich gereist. Einmal ging es dann nach Aix en Provence, wo ein Kollege, Moniseur Arnaoud, uns einige Tage französisch bewirtete – das war schon Spitze.

Zurück ging es dann übrigens über den Flugplatz von Nizza. Erinnere mich, dass Franz Beckenbauer im kleinen Lear Jet vor mir saß – der Kaiser war auch nur ein normaler Mensch …

mit dem EU-Projekt ist es dann übrigens nichts geworden … ein anderes Team bekam wohl den Zuschlag (c’est la vie). Und hier ist immer noch ein Mist-Wetter mit Nebel. Hilft ja alles nichts mit ‚die Seele auf Wanderschaft schicken und sich warme Gedanken machen‘, die Füße bleiben kalt. Na gut, ich werde jetzt mal aufstehen und mir dicke, gestrickte Socken überziehen … soviel zum ‚Ausflug in die Welt‘ .


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2 Antworten zu Savoir vivre halt eben …

  1. Mance sagt:

    Kalte Füsse trotz Fussbodenheizung – das ist kein gutes Zeichen. Ein halbe Stunde strammer Fussmarsch würde wahrscheinlich helfen. Durch das viele Sitzen bekommt man Durchblutungsstörungen in den Beinen; da nützen auch dicke Socken nichts ;-)

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