Gruß aus dem Karbon, oder wie ich Huflattich für Bärlapp hielt

HuflattichWir haben ja Frühling, und seit Wochen hielt ich im Wald, an einer bestimmten Wegstelle Ausschau nach den Blüten des Huflattich. Das ist ja normalerweise ein Frühjahrsbote – aber dieses Jahr wollte es nicht klappen. Bis ich Ende März plötzlich doch noch einen blühenden Huflattich am Straßenrand, in meiner Nachbarschaft, gesehen und fotografiert habe. Da fiel mir die Geschichte vom Huflattich ein, und wie ich als „alter Botaniker“ den glatt als Bärlapp aus dem Karbon eingeordnet hatte. Ja, ich weiß, von nix eine Ahnung, davon aber viel – wird schlimm mit mir enden – ist aber für eine kleine Geschichte gut.


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Der Huflattich gehört zu den Gewächsen, die schon früh im Jahr ihre gelben Blüten öffnen. Wenn ich mit meiner Frau spazieren gehe, kommen wir an einem Waldweg an einer bestimmten Stelle vorbei, wo wir in den vergangenen Jahren immer mal wieder Huflattich blühen sahen. Ist eine Stelle, wo ein Wasserspeicher der Gemeinde für die Wasserversorgung unserer Kommune steht und eine lichte Stelle im Wald geschaffen hat. Und dort blühte im März, am Wegesrand, eine kleine gelbe Blume, ohne dass ich deren Namen kannte. Aber ich habe mich gefreut, wenn ich diese kleinen Blüten sah – denn das hieß „es ist Frühling“.

Huflattich
Huflattich, 26.3.2021

Und als ich vor knapp vier Wochen die obigen Blüten gesehen und fotografiert habe, fiel mir wieder die Geschichte ein, wie ich den Huflattich als Pflanze mit Namen kennen lernte. Es muss fasst 10 Jahre her sein, als ich wieder im Wald an der besagten Stelle vorbei kam und die gelben Blüten sah. „Kuck mal, wie schön die gelbe Blume da blüht“ rief ich zu meiner Frau und beugte mich über der Stelle, um die Blüten näher zu bestaunen.

Da kam ein älter Herr vorbei, Typ Oberlehrer, mit Brille – ob er einen Trenchcoat anhatte, weiß ich echt nicht mehr. „Junger Mann, Sie bestaunen die Pflanze – wisst ihr jungen Leute denn auch, was das ist?“ und schaute mich triumphierend an. Das „Junger Mann“ ging mir mit meinen fast 60 Jährchen natürlich runter wie Öl. Aber so herausgefordert, konnte ich das natürlich nicht auf mir sitzen lassen – obwohl ich keinen Schimmer hatte, was das für eine Pflanze wäre.

Also beugte ich mich fachmännisch nochmals nach vorne, beäugte die Blüten und den geschuppten Stängel, und hatte plötzlich eine Eingebung. Beim Schauen auf die Pflanze fingen meine Gene und Mitochondrien plötzlich an zu singen. „Höma, erinnere dich, als deinen Vor-Vor-Vorfahren als kleine Nager zwischen den Sauriern durch die Wälder des Karbon streiften, standen dort auch solche schuppigen Gewächse – die die Menschen heute als Bärlapp bezeichnen – früher waren die Teile groß wie Bäume …“

Also richtete ich mich triumphierend auf und dozierte „dat is ene Bärlapp, sieht man doch an dem schuppigen Stängel“. „Paperlapap, das ist ein Huflattich“ meinte der Herr und grinste. „Und ich hätte jetzt geschworen, es wäre ein Bärlapp, diese geschuppten Stängel, genau wie ich sie in der Kreidezeit gesehen habe, murmelte ich noch“, als sich der Oberlehrer umdrehte und kopfschüttelnd davon eilte.

Noch bin ich nicht ganz lern- und beratungsresistent, also habe ich mir gemerkt „dat is ene Huflattich“ – sicher war ich aber nicht. Erst als ich für den Blog-Beitrag hier recherchiert habe, stellte ich fest, dass der „Oberlehrer“ nicht geflunkert hatte.  Die Wikipedia weiß: Der Huflattich (Tussilago farfara) ist die einzige Pflanzenart der Gattung Tussilago aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Er gehört zu den ersten Frühjahrsblumen, deren Blüten vor der Entwicklung der Laubblätter erscheinen. Der Huflattich war in Deutschland die Heilpflanze des Jahres 1994.

Der Huflattich gilt als bedeutsame Heilpflanze bei Hustenreiz und wirkt schleimlösend. Könnte ich momentan gut brauchen, denn aktuell fliegen die Birkenpollen und ich habe Schnupfen, tränende Augen und einen Reizhusten mit Schleim auf den Bronchien. Wird hoffentlich in einigen Tagen vorbei sein. Allerdings möchte ich an dieser Stelle davon abraten, selbst Huflattich zu sammeln. Denn diese enthalten Pyrrolizidin-Alkaloide (PA), die als krebserregend und leberschädigend gelten. Also huste ich noch eine Runde weiter.


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Ich hatte Huflattich irgendwie intuitiv an Hand der Blätter anders verortet, denke aber, dass ich das mit Pestwurz verwechselt habe, den ich wuchernd an Bachläufen gesehen habe, und dessen Blätter an Rhabarber erinnern (ist aber giftig und wird mit den Blättern des Huflattich schon mal verwechselt). Ich sehe schon, ein Botaniker werde ich in diesem Leben nicht mehr.

Hab dann mal spaßeshalber nach Bärlapp im Internet gesucht und wurde in der Wikipedia fündig. Bärlappe (Lycopodium), auch Schlangenmoos, Drudenfuß, Wolfsfuß genannt, gibt es noch heute. Sieht aber doch deutlich anders als mein Huflattich aus.

Bärlapp
Bärlapp, Quelle: Christian Fischer, Wikipedia CC BY-SA 3.0

Aber da war doch noch was mit den Dinos? Ich habe dann im Internet gesucht, und bin auf diesen Artikel gestoßen, der meine Erinnerungen bestätigte. Auch der nachfolgende Tweet bestätigte mir, dass ich richtig erinnere, Bärlapp war Dino-Futter, sah damals aber gänzlich anders als heutige Bärlappe aus.

Bärlappe

Wie soll man da auch bestehen, wenn selbst auf die Pflanzen nicht mal mehr Verlass ist, und die nach kurzer Zeit ihre Formen ändern. Ich wusste gleich, vor 300 Millionen Jahren war einfach alles besser – da gab es keinen Oberlehrer – den hätten die Dinos schnell weg geputzt – der dich nach Huflattich gefragt hätte. Aber hey, ich weiß jetzt, was Huflattich ist, und wie Bärlapp früher und heute ausschaut. Schönen Start in die Woche – und seht ihr, niemand muss dumm sterben, zumindest wisst ihr jetzt, wie Huflattich ausschaut.

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