Lebenslinien: Fast wäre ich Papst geworden

Winker (gemeinfrei)Heute noch eine kleine Geschichte über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, wo kleinste Bemerkungen deinen persönlichen Lebensweg bestimmen können. Und plötzlich biegst Du an der falschen Stelle ab, um dich auf furchtbaren Umwegen wiederzufinden. Bei mir war es so, dass mich die Aussicht, Papst zu werden, vom Besuch eines Gymnasiums abgehalten hat. So musste ich einige Umwege bis zum Studium in Kauf nehmen. Und zum Schluss bin ich dann doch noch fast so etwas wie Papst geworden. Ist aber eine längere Geschichte, die mir wieder eingefallen ist, als ich meine Eltern 2015 kurz vor ihrem Tod besuchte und Mutter meinte "Du wolltest ja nicht auf's Gymnasium gehen …".


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Zuerst eine kleine Begriffsbestimmung aus der Wikipedia: Papst (von Papa) ist der deutschsprachige geistliche Titel für den Bischof von Rom als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Wer nicht so religiös ist, reduziert das alles auf Papst ist der Chef von den Katholiken, was das Ganze ja auch ganz gut ausdrückt. Und wer irgendwo ganz vorne steht, wird auch gerne schon mal als Papst für irgendwas bezeichnet …

Die Berufsbilder meiner Kindheit

Ich bin ja auf einem kleinen Bauernhof mit fünf Häusern in ländlicher Umgebung in den späten 50er/60er Jahren aufgewachsen. Damals fügten sich in meinem kindlichen Horizont so einige Berufsbilder ein, die ich als gut oder weniger gut einsortiert habe. Da war der Ferkelhändler, hager und mit blauem Kittel, der alle paar Wochen mit einer neuen Fuhre bei Vater anrollte, um dessen kleine Schweinezucht mit Nachschub zu versehen. Der Mann kam rum, aber so richtig knorke fand ich das wohl nicht. Ähnlich ging es mir mit dem Viehhändler, dem örtlichen Metzger und dem Landmaschinenverkäufer. Die fuhren zwar Mercedes und rauchten stinkende Zigarrren (sehe noch heute, wie die ihren dick beleibten Körper aus dem Auto herauswuchten mussten), aber der Funke "das ist ein Job für dich, wenn Du mal groß bist", wollte nicht überspringen.

Der Schmied im nahen Dorf war auch nicht so mein Ding. Die Esse, in der glühendes Eisen lag, um dann geschmiedet zu werden, faszinierte mich zwar. Aber die Schmiede war dunkel und schmutzig. KFZ-Schlosser wollte Mutter nicht – wie ich mal im Beitrag Der Jung soll was anständiges lernen ausgeführt habe. Bäcker war auch nix, da muss man so irre früh aufstehen. Die Schreinerei hätte mir gefallen – wenn ich von Vater losgeschickt wurde, nach der Schule im nahen Dorf beim Schreiner was auszurichten, mochte ich den Geruch der Hobelspäne sehr gerne. Und auch ein gehobeltes Stück Holz fühlte sich gut an. Maler mochte ich nicht wirklich, denn vom Geruch der Lacke wurde mir immer so "ganz anders". Zudem hatten die immer bekleckerte Kleidung.

Landwirt, wie Vater, da wäre bei mir Hopfen und Malz verloren gewesen – aber Vater nahm mir irgendwann den Stein von der Seele, der mir als Erstgeborener (der den Hof zu übernehmen hat) auf der Seele lastete. Er meinte "Jedes meiner Kinder lernt einen Beruf, und dann kann er entscheiden, ob er den Hof übernimmt, denn Zukunft hat das mit der Landwirtschaft nicht".

Aber alle oben gestreiften Berufe sah ich als ehrbar und "kann man zur Not machen", an. Es gab nur zwei Berufe, wo mich deren Vertreter bereits in den ersten Schuljahren überzeugt hatten, dass das gar nicht geht. Ein Berufsbild war Lehrer, gefühlt bin ich immer angeeckt – jedenfalls hatte ich kein positives Bild und manche Vertreter habe ich regelrecht verachtet. Änderte sich erst in der 12. Klasse beim Fachabitur, wo der Rektor Mathematik gab, sowie im Studium, wo ein junger Mathematiker und ein junger Physiker bei mir regelrechte Begeisterung weckten. Das waren Pädagogen, wie ich sie mir während meiner Schulzeit gewünscht hätte. Aber Volksschule war damals nicht so dolle bestückt.

Und der zweite Berufszweig waren Pfarrer. So in den ersten Klassen hatten die Vertreter der Katholiken letztendlich nur schlagende Argumente im Schulunterricht, im Kommunionunterricht und auch sonst. So in Richtung "Hand ausstrecken" und dann gab es für vermeintliches Fehlverhalten einen Schlag mit dem Lineal auf die Finger. Oder es hieß, sich über die Bank legen und der Hintern wurde mit dem Lineal verdroschen – war ich froh über meine Lederhose. Da war die Verachtung für diesen Berufsstand mit Händen greifbar …

Das Unheil nimmt seinen Lauf

Ich bin ja mit einer 8 1/2 jährigen Volksschullaufbahn (wegen eines Kurzschuljahrs) ins Leben gestartet. So in meiner Erinnerung war ich kein wirklich guter Schüler, erst mit dem Abschlusszeugnis der Volksschule habe ich sehr gute Noten vorgelegt. Aber die Lehrer waren wohl der Meinung, dass ich ein möglicher Kandidat fürs Gymnasium sei. Mit mir hatte erinnerungsmäßig nie jemand so darüber gesprochen, dass ich die Tragweite hätte einschätzen können – zumindest war mir das nicht bewusst. Es gibt nur eine vage Erinnerung "wenn Du auf das Gymnasium sollst, musst Du um 6 Uhr aufstehen, um sehr früh den Bus in die nahe Stadt zu kriegen" – hieß aber, 1,5 km per Rad zur Bushaltestelle zu radeln.


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Möglicherweise hätte ich mich bereiterklärt, diesen Aufwand doch noch auf mich zu nehmen und zum Gymnasium zu gehen. Die jüngere Schwester hat immerhin das mit der Realschule durchgezogen. Aber dann kam das Schicksal und hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zur Erstkommunion war der Cousin meiner Mutter auch zu Besuch. Der Mann war wohl als Priester beim Bischof oder im Dom zu Trier aktiv.

Der nahm mich zur Seite und meinte "Günter, gehe auf's Gymnasium und lerne gut, dann kannst Du Pastor werden …" – ich hörte nur "dann kannst Du Papst werden" und ab da war Gymnasium für mich ein No-Go. Meine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tod erzählt, dass ich mich mit Händen und Füßen gegen das Gymnasium gesträubt hätte (O-Ton: "Du hast gesagt, ich bin doch nicht verrückt, und plage mir den Kopf") – und mir fiel sofort diese Episode als Grund für die Weigerung ein.

Diese Reaktion war wohl essentiell meinem Bild von Priestern geschuldet, die ein No-Go für mich waren. Im Nachhinein tue dem Cousin meiner Mutter aber ziemliches Unrecht. Denn es handelte sich um den Theologen Klaus Kremer (wobei mein zweiter Vorname von väterlicher Seite vom Großvater und von mütterlicher Seite von diesem Theologen entlehnt wurde). Von 1. Mai 1965 bis zu seiner Emeritierung am 1. Oktober 1993 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie I der Theologischen Fakultät Trier inne.

In diesem Kontext war seine Frage sicherlich gut gemeint und in Ordnung – aber durch den schwarzen Anzug, den er als Priester trug, war da rational wenig zu machen, da der Muff von "da musst Du die Kirchenlaufbahn einschlagen" vor meinem Auge stand. Interessanterweise hat Klaus Kremer meinen Werdegang bis zu seinem Tod 2007 immer mit Interesse verfolgt und als Philosoph wäre er sicherlich ein interessanter Diskussionspartner geworden, wenn ich mich der humanistischen Bildung eines Gymnasiums ergeben hätte.

Kleiner Schlenker: Irgendwann in früher Jugend habe ich im Wohnzimmerschrank meiner Eltern eine vergilbte Papierrolle gefunden. Auf meine Frage, was das sei, hieß es "unser Stammbaum". Wurde erstellt von einem Cousin meines Vaters, der in den 40er Jahren ein Stipendium für ein Studium anstrebte und über den Stammbaum eine Abstammung von Peter Binsfeld (Bischof von Trier) belegen wollte. Peter Binsfeld war Sohn eines Bauern und Handwerkers, der in der nur wenige Kilometer von uns gelegenen Abtei Himmerod (siehe mein Beitrag Kloster/Abtei Himmerod (Eifel)) als Priester diente. Peter Binsfeld wurde im Mittelalter als Hexenschlächter und Ankläger der katholischen Kirche berüchtigt – da tun sich also Abgründe auf.

Wusste ich nicht – und die Abstammung unserer Familie von Peter Binsfeld wurde nie belegt. Später kam ich zur Erkenntnis, dass der Ersteller des Stammbaums auch die Abstammungslinien etwas "gebogen haben musste". Meine Schwester meinte kurz nach dem Tod der Eltern: Im Stammbaum stimmt da und da etwas nicht. Unser Vater hat erzählt, dass seine Großmutter da und da getraut wurde – die haben sich bei der Niederschrift im Kirchenbuch geirrt. Als ich dann die neue Abstammungslinie verfolgte, kam heraus, dass einer meiner Vorfahren im 17. Jahrhundert aus dem Saarland in die Eifel migrierte.

Doch noch Papst geworden …

Nun ja, das Gymnasium habe ich verweigert, um dann 8 1/2 Jahre Volksschule und danach eine Lehre im Elektrohandwerk zu absolvieren. Ferkelhändler bin ich also keiner geworden. Und weil es ganz gut lief, habe ich nach der Lehre meine mittlere Reife und die Fachhochschulreife über den zweiten Bildungsweg nachgeholt, um im Anschluss ein Ingenieur-Studium zu absolvieren. Einige Irren und Wirrungen dieser beruflichen Zeit habe ich vor einem Jahr drüben im IT-Blog im Beitrag Lebenslinien: Muurejubbel-Podcast mit Günter Born als Gast zum Besten gegeben.

Über einige Zwischenstufen in Firmen, in denen ich als Ingenieur im Bereich Computertechnik und Software-Entwicklung tätig war, bin ich seit 1993 als freiberuflicher Autor tätig und schreibe Bücher sowie Artikel zu Themen aus der Computertechnik. Zudem betreibe ich seit vielen Jahren auch Blogs zu diesem Themenfeld. In dieser Funktion habe ich auch zahlreiche Bücher zu Windows und anderen Programmen geschrieben.

Und dann war er plötzlich da, der Titel des Papsts. Irgendwann wurde mir eine Rezension eines meiner Windows-Bücher zugeschickt und beim Überfliegen las ich das "Windows-Papst Günter Born dies und jenes geschrieben hat …". Ich lege zwar nicht so viel Wert auf solche Titulierungen, die mehr Last als Lust bringen können- und es gibt jemanden anderen, der eine Webseite mit dem Titel betreibt.

Aber wow, jetzt war ich wohl Papst – hätte mir damals, als Klaus Kremer mir nahelegte, dass ich Papst werden könne, nicht träumen lassen. Irgendwie komme ich im Leben wohl nicht an diesem Titel oder Amt vorbei. Und damit wären wir beim nächsten "Du bist fast Papst geworden". Denn von Franz Müntefering, dem Ex-Generalsekretär der Partei SPD ist mir die Antwort auf die Reporterfrage "macht das eigentlich Spaß, den Generalsekretär einer solch störrischen Partei zu geben" noch geläufig. Franz grinste und meinte "Schönstes Amt neben Papst". Und wenn ich jetzt gefragt werde, warum ich im hohen Alter noch blogge, ist seit Jahren mein Standardspruch "Blogger, ist doch schönstes Amt neben Papst" … mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Und damit endet wieder eine total sinnlose Geschichte aus meinem Leben – ich glaube, Philospohie mit Prof. Klaus Kremer zu diskutieren, hätte schon Spaß machen können – hat aber nicht sein sollen.

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1 Antwort zu Lebenslinien: Fast wäre ich Papst geworden

  1. PattyG sagt:

    Um im Sprachgebrauch der Kirche zu bleiben: Danke für Deine Offenbarung ;-)
    Total sinnlose Geschichte aus Deinem Leben? Ganz im Gegenteil. Ein vermutlich recht wichtiger Teil Deines Lebens.
    Zudem sehr unterhaltsam geschrieben und somit Prädikat: lesenswert.
    Danke dafür!

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