Debatte um Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke: TÜV-Gutachten zerpflückt

Sollen die drei noch laufenden Atomkraftwerke – und  ggf. drei weitere, bereits abgeschaltete – deutsche Atomkraftwerke länger betrieben werden, um die "Gas-Krise" im Winter 2022/23 zu entschärfen? Einige Politiker fordern das und berufen sich auf ein "TÜV-Gutachten" – Fachleute und Betreiber winken dagegen ab. Mir ist nun eine Stellungnahme zum "TÜV-Gutachten" unter die Augen gekommen, die dieses als "Gefälligkeitsgutachten" nur so zerreißt.


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Es ist ein in der Politik heiß diskutiertes Thema: Sollen die drei noch laufenden Atomkraftwerke länger betrieben werden oder nicht. Auch die Presse mischt da kräftig mit – gelegentlich mit fetzigen Kommentaren, die zwar von Meinung, aber wenig Sachkenntnis geprägt sind (mir ist dieser Kommentar als Kuhandel-Vorschlag besonders in negativer Erinnerung). Ich hatte bereits im Blog-Beitrag Laufzeitverlängerung bei deutschen Atomkraftwerken: Möglich und sinnvoll? einige Punkte aufgegriffen und die Frage diskutiert. Fazit: Die Laufzeitverlängerung ist bei nüchterner Betrachtung einiger Fakten eine Quatschdiskussion, die das Sommerloch füllt und Mitarbeiter in Ministerien erdet.

Pressespiegel der letzten Tage

An dieser Stelle sind mir ad hoc, die nachfolgenden Artikel im Redaktionsnetzwerk Deutschland aufgefallen, die diese Gemengelage spiegeln:

Die ersten beiden Artikel spiegeln Aussagen der Befürworter wieder – der Chef des TÜV hat vermeintlich Gewicht und Herr Merz von der CDU tritt auch kraftvoll mit Forderungen auf – alles ganz einfach, man muss nur wollen. CSU-Chef Markus Söder ist da natürlich auch sofort dabei.

In den beiden letztgenannten Artikeln kommen dagegen zwei Expertinnen zu Wort, die das Vorhaben aus Energieversorgungsgesichtspunkten (ist das sinnvoll und hilft es?) sowie aus juristischer Sicht (ist das überhaupt juristisch machbar?) beleuchten. Ich lese aus diesen beiden Interviews heraus, dass Merz & Co. politische Hasardeure sind, die dem Steuerzahler ein riesiges finanzielles und juristisches Kuckucks-Ei ins Nest legen, gegen das das Maut-Desaster von Ex-Verkehrsminister Scheuer Peanuts sind. Ach ja, die FAZ ist natürlich ganz vorne dabei (Artikel vom März 2022, von einem ausgewiesenen Fachmann, seines Zeichens Wirtschaftsredakteur der FAZ, Text hinter einer Bezahlschranke).

"TÜV-Gutachten" von Juristen zerrissen

Von den Befürwortern der Laufzeitverlängerung wird ein vom Staat Bayern beauftragter TÜV Süd-"Gutachten" herangezogen, welches sogar die Wiederinbetriebnahme von drei bereits 2021 abgeschalteter Atomkraftwerke binnen Wochen oder Monaten skizziert. Für den unbedarften Laien hört sich das alles so einfach an – wir haben Energiemangel, also lassen wir einige AKWs, die noch gut sind, ein bisschen weiter laufen. Merz & Co. sind ja hochbezahlte Politiker, die wissen schon, was sie tun und haben bestimmt die Gutachten gelesen und bewertet.

Fachleute, die das 7-seitige und binnen weniger Wochen erstellte "Gutachten" des TÜV Süd im Auftrag von Greenpeace gelesen haben, lassen kein gutes Haar daran. Gut, streng genommen ist es kein Gutachten – wenn auch so in der Öffentlichkeit dargestellt – es handelt sich um eine Bestandsaufnahme samt Bewertung durch den TÜV Süd. Beim Querlesen fällt auf, dass das Ganze schon sehr dünne ist – aber der Tenor ist: Es sind keine gravierenden Punkte erkennbar, die einer Wiederinbetriebnahme/ Laufzeitverlängerung entgegen stehen. Wobei man klar sagen muss: Da gibt es viele Annahmen (Ersatzteile sind wahrscheinlich zur Genüge da, 2017 vorgelegte Konzepte von nicht mehr ausgeführten Sicherheitsüberprüfungen lassen keine gravierenden Probleme erwarten, Brennstoffstäbe wird man bekommen können usw.).


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Ein sauberes Gutachten, welche eine Risiko- sowie Kosten-Nutzenabwägung vornimmt und unparteiisch ausschaut, sieht anders aus. Und nur so etwas sollte Basis für eine Entscheidung sein – nicht ein mageres, als Bewertung getarntes, TÜV-Papier, was man als "Gefälligkeitsaussage" im Bad hinter den Spiegel stecken kann.

Greenpeace hat daher Juristen damit beauftragt, das TÜV-Papier zu analysieren und einzustufen. Die Kollegen von heise haben das in diesem Artikel dargestellt. Man kann sich das 21 seitige Rechtsgutachten der betreffenden Anwälte als PDF-Datei ansehen. Auch ohne große technische und juristische Fachkenntnisse lässt sich ein absoluter Verriss des TÜV-Papiers herauslesen. Als schlichtes Gemüt sehe ich es so, dass uns Politiker wie Merz, Lindner & Co. auf ein unsinniges Feld locken wollen, um ihre Kräfte mit Rot-Grün in der Ampel-Koalition zu messen. Dabei ist es den Herren egal, ob das sicherheitstechnisch oder juristisch überhaupt realisierbar ist – und um Kosten sowie Wirtschaftlichkeit oder Sinnhaftigkeit wird kein Wort verloren.

Um es klar auszudrücken: Ich bin kein Parteigänger von Rot oder Grün und auch kein FDP-Mitglied, sondern normaler Bürger, der sich politisch sogar eher als CDU-Wähler sieht, wenn deren Führungshansel denn wählbar wären. Aber mit Quatschköpfen kannst Du keinen Staat machen. Allerdings erkenne ich auch an, dass sich Leute in die Politik begeben, um Entscheidungen zu gestalten. Ich versuche daher, deren Positionen zu verstehen – tue mich aber im aktuellen Fall sehr schwer bzw. bin gegen die Wand gefahren (ähnlich wie beim Flughafenausbau Frankfurt, wo Milliarden versenkt wurden und das Ganze in der Coronavirus-Pandemie wie ein Kartenhaus zusammen klappte und mit weiteren Millionen gestützt werden musste – diese Ereignisse waren von uns 2001 bis 2004 prognostiziert worden). Andererseits lautet meine Selbsterkenntnis, dass ich nicht für die Politik, deren Kuhhändel und Hinterzimmer-Absprachen sowie endlosen und oft fruchtlosen Debatten geeignet bin. Es ist nicht meine Welt, dazu bin ich viel zu inkonziliant.

Ich bin kein Politiker – sonst würde ich sagen: "Mit solchen (Partei-)Freunden  braucht es keine Feinde mehr". Glücklicherweise obliegt die Entscheidung nicht den Herren Merz, Lindner & Co., sondern den zuständigen Ministerien und der Atomaufsicht. Der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, äußert sich hier skeptisch bezüglich der Laufzeitverlängerung. Der BUND sieht das Vorhaben hier als nicht genehmigungsfähig. Auch die Betreiber der Atomkraftwerke haben frühzeitig abgewunken – und sehen keinen Sinn in dieser Sache – die Risiken würde erneut der Steuerzahler tragen. Selbst FDP-Fraktionsvize Köhler sieht in Kernenergie keine Option für Deutschland.

Was bleibt? Eingangs hatte ich auf meinen Artikel zum Thema und das Fazit "Laufzeitverlängerung ist eine Quatschdebatte" verwiesen. Nur sind wir ein paar Tage weiter, haben ein TÜV-Papier und sind genau so weit: Es bleibt eine Quatschdebatte. Warten wir ab, ob da wider besseres Wissen und Erkenntnisse doch versucht wird, politisch was zu drehen. Und dann bliebe es spannend, ob wir in Folge Urteile von Verwaltungsgerichten wie für die AKWs in Kalkar (schneller Brüter), Mülheim-Kärlich (AKW bei Koblenz) oder THTR-300 in Hamm, sowie horrende Kosten zu sehen bekommen.

Aber ich habe noch etwas "Versöhnliches" im Gepäck – obiger Tweet ist mir beim Schreiben des Artikels unter die Augen gekommen. Der stammt zwar von 2017, die Redaktion von extra3 hat geradezu Prophetisches geleistet, trifft den Nagel aber irgendwie neben den Hammer – oder so (kann nicht sein, dass die CSU etwas Vernünftiges fordert, dann stände Bayern ja Kopf).

PostScript: Bei dem Thema fällt mir die Jugend wieder auf die Füße. Im Jahr 1976 stand ich vor der Wahl, welche Fachrichtung ich im Ingenieurstudium einschlage. Elektrotechnik hatte ich wegen der damals kritischen Beschäftigungslage von Elektroingenieuren für mich ausgeschlossen. Kerntechnik hätte mich interessiert, aber auf Grund der 1975 bereits aufkommenden Proteste gegen Atomkraftwerke, auch in Frankreich, haben mich Abstand nehmen lassen. Ich habe mich dann für das Studium der Physikalischen Technik in Jülich (direkt neben der damaligen Kernforschungsanlage) entschieden. Daher hatten wir teilweise die gleichen Dozenten wie die Kerntechnik-Studenten und es gab überlappende Vorlesungen für diverse Fächer – Strahlenschutz, zum Beispiel.

Wenn ich mir aus heutiger Sicht anschaue, wie viele Milliarden da mit der Technik in den Sand gesetzt wurden, sträuben sich mir die Haare. Der Hochtemperaturreaktor wurde von Prof. Schulten in Jülich als Pilotanlage (AVR-Jülich) entwickelt und dann in Hamm "in Groß" gebaut. Das Vorhaben gilt als größte Fehlinvestition der letzten 55 Jahre in Deutschland.

Uns Studenten wollte man in den Vorlesungen für diese Konzepte begeistern – hielt uns aber bezüglich der vielen technischen Probleme im Betrieb de AVR-Jülich regelrecht dumm. Erst Jahrzehnte später musste ich lesen, dass das Städtchen Jülich 1978 einer Katastrophe entgangen war. Der mit Helium gekühlte Hochtemperaturreaktor galt als immanent sicher – da kann nix passieren, hieß es. War ja kein Wasser als Moderator im Reaktorkern vorhanden, sondern Graphit, sowie Helium als Kühlmittel. Dummerweise drang aber tonnenweise Wasser über eine undichte Stelle in den Reaktorbehälter und wirkte dann als Moderator. Glücklicherweise wurde der Reaktor nicht kritisch und ist nicht durchgegangen.

Ich vergesse mein Leben auch nicht die Szene in einer Vorlesung, als von uns Studenten die Frage aufgeworfen wurde, dass Graphit ja Kohlenstoff sei und brenne und das gefährlich sei – die Kugeln des Hochtemperatur-Thorium-Reaktors bestanden aus Graphit. Der Professor meinte "Alles Quatsch der Atomkraftgegner, die keine Ahnung haben. Ich habe eine Kugel aus dem AVR mitgenommen und zuhause in meine Koksheizung geworfen, da brannte nix." 1979 habe ich mein Studium Physikalische Technik in Jülich beendet und bin als Ingenieur in den Flugzeugbau nach Bremen gewechselt. April 1976 hatten wir den AKW-Unfall von Tschernobyl – mit einem Graphit-Brand – kaum zu glauben. Da ging mir erstmals "Junge, was haben die dich bezüglich Kerntechnik im Studium in Jülich verarscht" durch den Kopf. Möglicherweise wussten die Dozenten es selbst nicht besser.

Die haarsträubenden und vertuschten Störfälle, die Überforderung des Betreibers des AVR-Reaktors beim Rückbau (der Staat musste übernehmen) etc. lassen sich in diesem Wikipedia-Artikel nachlesen. Mitte der 80er Jahren musste ich als junger Ingenieur für meine Direktoren in einem großen Chemiewerk Berechnungen über die Wirtschaftlichkeit von Atomstrom im Vergleich zu Kohlestrom durchführen. Wir hatten ein Berechnungsmodell für die Kosten im damals auf PCs verfügbaren Tabellenkalkulationsprogramm Lotos 1-2-3 erstellt. Als ich die ersten Zahlen eingab, lieferte das Modell das Ergebnis, dass Atomstrom bei weitem teurer als Kohlestrom war (CO2 spielte seinerzeit noch keine Rolle). Dann wurden die Zahlen (Kosten für Kohle) so lange manipuliert, bis Parität in den Kosten heraus kam. Es sollte ein Atomreaktor im Chemiewerk für Strom und Wärme sorgen. Schon damals wären Atomkraftwerke bei Bayer (Leverkusen), Hoechst (Frankfurt) und BASF (Ludwigshafen) wegen der Lage in Ballungsräumen nicht genehmigungsfähig gewesen. Der AKW-Unfall in Tschernobyl, 1986, machte dann diesen Plänen das endgültige Garaus.

Die obigen, im Nachgang öffentlich gewordenen Informationen, meine eigenen Erfahrungen mit der Materie, sowie die Störfälle in Tschernobyl und Fukushima (ich habe Anfang der 90er Jahre nicht sehr weit von Fukushima in Japan entfernt gearbeitet und gelebt, das Land hat riesiges Glück gehabt, dass Tokyo nicht kontaminiert wurde, von Tschernobyl sind wir in der Familie möglicherweise direkt betroffen, beweisbar ist es leider nicht) haben mich zum Skeptiker der Atomkraftwerkstechnik werden lassen. In obigem Text habe ich diese Themenfelder aber mit keinem Wort angerissen, sondern mich auf die genehmigungsrechtliche, betriebswirtschaftliche und betriebstechnische Sachebene im Kontext der TÜV-Bewertung bezogen. Das zeigt, wie komplex das Ganze im Grunde ist, wenn eine Abwägung pro Atomkraft getroffen werden müsste.

Nachtrag: Interessant sind auch die Besitzverhältnisse, was den TÜV Süd betrifft, die hier aufgezeichnet werden. Die Energiekonzerne E.ONVattenfall und EnBW sind Mitglieder des Vereins, der den TÜV Süd trägt.


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