Erste Europäer vor 1,4 Millionen Jahren

Es ist eine sensationelle neue Erkenntnis: Die ersten Frühmenschen erreichten Europa bereits vor 1,4 Millionen Jahren, gut 200.000 Jahre früher als bisher angenommen. Der Weg führt diese Frühmenschen über die heutige Ukraine, wie Datierungen von Steinwerkzeugen aus der Ausgrabungsstätte Korolewo ergeben haben.


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Homo erectus verlässt Afrika

"Unser frühester Vorfahre, der Homo erectus, war der erste Hominide, der vor etwa zwei Millionen Jahren Afrika verließ und in den Nahen Osten, nach Ostasien und Europa zog. Vor gut 1,4 Millionen Jahren kamen diese Hominiden in Europa an.

Die älteste menschliche Besiedlung Europas liegt (neuesten Erkenntnissen vom März 2024) nahe der ukrainischen Stadt Korolevo. Neue Erkenntnisse eines Teams unter Leitung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und mit Beteiligung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) bestätigen, dass Steinwerkzeuge aus der ältesten Ausgrabungsschicht in Korolevo 1,4 Millionen Jahre alt sind. Bisher galt Atapuerca in Spanien als der früheste bewohnte Ort in Europa, doch die Korolevo-Funde sind etwa zwei- bis dreihunderttausend Jahre älter. Die heute in "Nature" veröffentlichten Ergebnisse zeigen auch, dass die frühen Hominiden die warmen Zwischeneiszeiten nutzten, um Europa von Osten oder Südosten her zu besiedeln.

Was ist Korolevo?

Korolevo ist, so die Wikipedia, die in Fachkreisen übliche Bezeichnung für einen archäologischen Fundplatz auf dem Gebiet der Gemeinde Korolewo in der Oblast Transkarpatien im Westen der Ukraine, rund 10 Kilometer von der Stadt Wynohradiw entfernt. Sie liegt an jener markanten Stelle, wo die Theiß, ein Nebenfluss der Donau, aus den Vorgebirgen der Waldkarpaten in die Pannonische Tiefebene übertritt.

Die Freiland-Fundstätte Korolevo wurde 1974 vom Archäologen Vladislav N. Gladilin (1935–2015) entdeckt und bis Anfang der 1990er-Jahre unter seiner Leitung durch die Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine und in Zusammenarbeit mit der Nationaluniversität Uschhorod erforscht.

Steinbruch mit Steingeräten

Die Fundstätte befindet sich in einem Steinbruch, aus dessen Wänden Steingeräte unterschiedlicher Machart aus mehreren Schichten herauswittern. Ersten Befunden zufolge erstreckte sich das potentielle Fundgebiet über mehr als 100.000 Quadratmeter und umfasste neun Paläoböden innerhalb einer bis zu 14 m mächtigen Lössfolge. Schon allein wegen der anhaltenden Steinbruch-Arbeiten beschränkten sich die jährlichen Grabungen auf wenige Quadratmeter. 1989 wurden die knapp 30 gegeneinander abgrenzbaren Schichten in einer Übersichtsarbeit vorgestellt und die von einer Besiedelung zeugenden Schichten dem Acheuléen, dem Moustérien und dem Jungpaläolithikum zugeschrieben.

2010 wurde berichtet, dass die älteste von 15 kulturell – durch Werkzeug-Einlagerungen – beeinflussten Schichten älter als 800.000 Jahre ist. Diese Datierung gelang anhand des magnetostratigraphischen Nachweises der Brunhes-Matuyama-Umkehr in einem der unteren Löss-Paläoböden-Abschnitte (Paläoboden S7) der Fundstätte.[4] 2016 wurde diese Datierung anhand einer weiteren magnetostratigraphischen Studie bestätigt und die älteste Siedlungsschicht eingegrenzt auf ein Alter zwischen 986.000 und 780.000 Jahren vor heute.

Neue Erkenntnisse aus Altersbestimmungen

Im März 2024 wurde im Fachblatt Nature eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Steinwerkzeuge aus der ältesten Fundschicht 1,42 Millionen Jahre alt sind. Damit repräsentiert Korolevo "die früheste sicher datierte Anwesenheit von Homininen (Frühmenschen) in Europa.


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"Die radiometrische Datierung der ersten menschlichen Anwesenheit am Fundort Korolevo füllt nicht nur eine große räumliche Lücke zwischen dem Fundort Dmanisi in Georgien und Atapuerca in Spanien, sondern bestätigt auch die Hypothese, dass die Hominiden aus dem Osten oder Südosten nach Europa kamen", sagt Dr. Roman Garba von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften (CAS) in Prag zu seinen neuesten, vorgestellten Forschungsergebnissen.

"Auf der Grundlage eines Klimamodells und von Pollenanalysen haben wir drei mögliche interglaziale Warmzeiten identifiziert, in denen die ersten Hominiden Korolevo erreicht haben könnten, wobei sie höchstwahrscheinlich dem Migrationskorridor der Donau gefolgt sind", fügt Garba hinzu.

Was in der Wikipedia recht trocken und faktenbasiert herüberkommt, wird in diversen Artikeln mit etwas mehr Hintergrund gefüllt. Ich bin beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in diesem Artikel auf das Thema aufmerksam geworden. Der MDR hat in diesem Beitrag die Arbeit von die Forschern des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf gewidmet, die die Altersbestimmung mit einem Teilchenbeschleuniger ermöglichten. Schöne Beiträge zu den aktuellen Erkenntnissen finden sich auch auf spektrum.de sowie auf Geo. Die Pressemitteilung des Helmhotz Zentrums zum Thema lässt sich hier nachlesen.

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