ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office?

Ein Industriekonsortium, unter Führung des Cloud-Anbieters und Hosters IONOS, sowie dem Entwickler der Nextcloud, haben eine Kooperation zur Entwicklung einer europäischen Office-Alternative zu Microsoft Office angekündigt. Das Konsortium setzt dabei auf bereits vorhandenen Bausteinen auf und nutzt einen Fork von ONLYOFFICE, eine ehemals russische (OSS) Lösung. Jetzt hat sich ONLYOFFICE bei mir gemeldet und weist auf die AGPL (GNU Affero General Public License) hin, die einzuhalten sei.

Darum geht es bei Euro-Office

Im "Sommer" 2026 soll es so weit sein, das eine als "Euro-Office" bezeichnete Open Source-Lösung für Firmen bereit steht. Entwickelt wird das Ganze von einem Industriekonsortium rund um den Cloud-Anbieter IONOS und den Entwickler der Nextcloud. Ziel ist eine souveräne europäische Office-Lösung, um von Microsoft Office unabhängig zu werden.

Das Projekt wurde am 27. März 2026 in Berlin vor dem Bundestag vorgestellt – ich hatte im Blog-Beitrag Konsortium um IONOS und Nextcloud plant "Euro-Office" berichtet. Der Ansatz des Projekts basiert darauf, das die ursprünglich in Russland entwickelte Lösung ONLYOFFICE als Basis zu verwenden und als Fork in die Entwicklung einzuspeisen. ONLYOFFICE ist Open Source, bietet die grundlegenden Office-Funktionen (Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Präsentation) und wird unter AGPL (GNU Affero General Public License) breitgestellt. Sauber geforkt und umgesetzt könnte das funktionieren.

ONLYOFFICE mahnt Einhaltung der AGPL an

Genau in diesem Bereich, nämlich die saubere Umsetzung der Bedingungen der GNU Affero General Public License im Fork, scheint das Projekt bei ONLYOFFICE Bedenken hervor zu rufen. Am 30. März 2026 haben sich die ONLYOFFICE-Macher bei mir per E-Mail gemeldet und einen "Kommentar" zur Ankündigung der Gründung des Projekts "Euro-Office"  von Nextcloud und IONOS zukommen lassen.

Die Macher der Open-Source-Office-Lösung ONLYOFFICE (Ascensio System SIA) bewerten die Gründung des Projekts "Euro-Office" durch Nextcloud und IONOS als ein weiteres Signal für die wachsende Bedeutung digitaler Souveränität in Europa. Neue Initiativen in diesem Bereich könnten das Open-Source-Ökosystem stärken und zur Weiterentwicklung gemeinsamer technologischer Grundlagen beitragen, heißt es.

Dass dabei die Codebasis von ONLYOFFICE genutzt wird, loben die Entwickler sogar, unterstreiche dies doch zugleich die Relevanz und Qualität der von ihnen entwickelten Lösung. Als eine der führenden Open-Source-Office-Lösungen in Europa – mit einer über Jahre gewachsenen, substanziellen Entwicklungsleistung und breiter Nutzung in unterschiedlichsten Einsatzszenarien – kenne man bei ONLYOFFICE die erheblichen technischen und operativen Herausforderungen eines erfolgreichen Rollouts sehr genau und werde die Entwicklung von "Euro-Office" mit entsprechendem Interesse verfolgen.

Offene Technologie braucht verbindliche Rahmenbedingungen

Aber es ist ein wenig eine Art "vergiftetes Lob" der ONLYOFFICE-Macher, wenn ich deren Mitteilung weiter lese. Die Nutzung, Weiterentwicklung und Verbreitung von Software auf Basis bestehender Open-Source-Projekte sei ausdrücklich Teil des Open-Source-Prinzips und werde von ONLYOFFICE grundsätzlich begrüßt, halten die Entwickler fest.

Dann weisen Sie darauf hin, dass die rechtliche Grundlage hierfür die Lizenzierung des Quellcodes unter der GNU Affero General Public License v3 (AGPLv3) sei. Diese Lizenz gewährt zwar weitreichende Nutzungsrechte, knüpft diese jedoch ausdrücklich an konkrete Bedingungen. Dazu führen die ONLYOFFIE-Entwickler folgende Punke auf:

  • die Offenlegung von Modifikationen bei netzwerkbasierter Nutzung (Copyleft-Prinzip),
  • die Weitergabe unter denselben Lizenzbedingungen,
  • sowie die Einhaltung zusätzlicher Lizenzbestimmungen gemäß Abschnitt 7 AGPLv3.

ONLYOFFICE macht nun von der in Abschnitt 7 vorgesehenen Möglichkeit Gebrauch, zusätzliche Anforderungen festzulegen, insbesondere in Bezug auf:

  • die Beibehaltung urheberrechtlicher Hinweise,
  • die korrekte Attribution der ursprünglichen Software,
  • sowie die Verwendung und Sichtbarkeit von Marken- und Branding-Elementen (einschließlich des ONLYOFFICE-Logos).

ONLYOFFICE-Logo

Diese Anforderungen seien rechtlich verbindlicher Bestandteil der Lizenz, schreibt ONLYOFFICE. Ihre Einhaltung sei Voraussetzung für die rechtmäßige Nutzung, Veränderung und Weiterverbreitung der Software.

Lizenzen als Grundlage funktionierender Communities

"Die Entstehung neuer Open-Source-Projekte ist ein positives Signal – sowohl für das Ökosystem als auch für die digitale Souveränität Europas. Wenn dabei unsere Codebasis genutzt wird, verstehen wir das als Anerkennung unserer Entwicklungsarbeit", betont Galina Goduhina, Commercial Director von ONLYOFFICE. "Die AGPLv3 stellt sicher, dass Innovation geteilt wird. Die zusätzlichen Bedingungen schützen dabei die Integrität der Herkunft und die Nachvollziehbarkeit technologischer Entwicklungen. Beides zusammen ermöglicht ein stabiles und vertrauenswürdiges Ökosystem." Das ist eine ziemlich klare Aussage an das Euro-Office-Projekt.

Klare Erwartung an das Euro-Office-Projekt

Die Macher von ONLYOFFICE machen in ihrer Mail eine klare Ansage an das Euro-Office-Projekt.

"Vor diesem Hintergrund geht ONLYOFFICE davon aus, dass das Projekt 'Euro-Office' sämtliche Anforderungen der zugrunde liegenden Lizenz vollständig erfüllt.

Die Entwickler weisen explizit darauf hin, dass die AGPL insbesondere folgende Anforderungen umfasst:

  • die vollständige Einhaltung der AGPLv3 einschließlich Copyleft-Verpflichtungen,
  • die Umsetzung aller zusätzlichen Lizenzbedingungen gemäß Abschnitt 7,
  • sowie die korrekte und sichtbare Zuordnung der Technologie einschließlich Branding-Elementen.

ONLYOFFICE betont in seinem Text, dass dieses Lizenzmodell sich international in einer Vielzahl von Projekten bewährt habe und bewusst darauf ausgelegt ist, Innovation zu ermöglichen und gleichzeitig die Rechte der Urheber zu schützen.

Wenn diese gemeinsamen Regeln eingehalten werden, kann die Weiterentwicklung auf Basis bestehender Open-Source-Technologien einen nachhaltigen Beitrag zur digitalen Unabhängigkeit Europas leisten. Sieht für mich als "Schuss vor den Bug" des Euro-Office-Projekts aus, wo ONLYOFFICE die Gefahr sieht, dass die Projektbeteiligten es mit der Einhaltung der AGPL-Bedingungen nicht "ganz so genau" nehmen.

Tun sich juristische Abgründe auf?

Ich habe diese aktuellen Sachstand nicht analysiert und bin auch kein ausgebildeter Jurist, kann das final daher nicht beurteilen. Aber es lauern möglicherweise einige rechtliche Fallen in dem ganzen Euro-Office-Ansatz. Hier könnten Juristen durchaus auf die Idee kommen, dass Projektteile, die von Partnern des Euro-Office-Projekts eingebracht werden, auch die AGPL erfüllen müssen.

Im Jahr 2011 hatte ich mal die Chance, an einem Webinar "Android: Chancen und Komplexität" der Firma Blackduck teilzunehmen. Hier ein Zitat aus der damaligen Ankündigung:

Das Betriebssystem Android wurde in kürzester Zeit zu einem der populärsten und weit verbreitetsten Open Source Projekte… Während Android extrem populär ist, sind darauf aufbauende Entwicklungen nicht trivial und benötigen ernstzunehmendes Compliance-Management, nicht zuletzt wegen der Dynamik und ständig wechselnden Konstellation von Third-Party Code von unterschiedlichen Copyright-Trägern, welche die Android-Plattform bilden.

Warum ist das so? Viele Firmen gehen davon aus, dass Android unter der Apache 2.0 Lizenz steht: Die Realität ist aber sehr viel komplexer, …

Im Webinar haben dann Anwälte die vielfältigen Fallstricke der OpenSource-Lizenzierung am Beispiel von Android beschrieben. Kann man lösen, müsse aber höllisch aufpassen, nicht in rechtliche Fallen zu laufen. Hintergrund war wohl auch, dass sich in dieser Zeit US-Firmen mit Lizenzklagen, bei denen es um die Nutzung von Komponenten wie JAVA von Oracle in Android, überzogen haben. Ich habe die Eindrücke aus dem Webinar seinerzeit im Blog-Beitrag Android, als Rechtsrisiko par excellence? aufbereitet. Es sind im Oktober 2026 dann 15 Jahre her, dass ich am Webinar teilgenommen habe. Aber das Thema ist wohl nach wie vor eine "Fallgrube".

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9 Kommentare zu ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office?

  1. Rudi sagt:

    Da Fragt man sich warum nicht auf Libre Office als Basis setzt.

    • Günter Born sagt:

      Das hatten die Projekt-Initiierer im ursprünglichen Artikel erläutert – weiß nicht, ob ich es deutlich genug hervorgehoben habe: 15 Jahre alte Code-Basis, langsam, keinen Einfluss auf die Entwicklung und ähnliche Gründe führten dazu, dass man ONLYOFFICE geforkt hat.

      • Peter sagt:

        Die anscheinend bessere Kompatibilität zu Microsoft dürfte auch wichtig sein.
        Interessant im anderen Artikel bzgl. z.B. Libreoffice:

        "würden rechtliche Risiken bezüglich Lizenzierung und Markenrechten bergen"

        Vom Regen in die Traufe?

      • Hansi Meier sagt:

        Einfluss auf die Entwicklung kann man bestimmt nehmen, wenn der bereitgestellte Betrag gross genug ist ;)
        Aber dann könnte man nach der Verbreitung nicht absahnen, weil es immer noch frei wäre.

  2. Jens sagt:

    Mit SoftMaker Office aus Nürnberg gibt es doch bereits eine (sogar fränkische) Lösung für ein Office-Paket, das sich sogar bestens mit den Dateiformaten von M$-Office versteht …

  3. noagal sagt:

    Alles gut und richtig, aber was sagen IONOS und Nextcloud zu den Bedenken?

  4. Anonym sagt:

    Laut dieser Quelle https://stadt-bremerhaven.de/euro-office-in-der-klemme-onlyoffice-wirft-den-machern-lizenzverstoesse-vor/ hat das Konsortium die Lizenzfrage mit mehreren, mit der Lizenzthematik vertraute, Stellen gesprochen und sind zu keiner Lizenzverletzung gekommen.

  5. Froschkönig sagt:

    Heise ist schon gestern einen Schritt weiter gegangen und hat Statements von Ionos und Nextcloud eingeholt. Dort ist man anderer Meinung, gestützt durch die FSF, siehe dort.

    https://www.heise.de/news/Euro-Office-OnlyOffice-wirft-Projekt-Lizenzverletzungen-vor-11241092.html

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