DMEA 2026: Zukunftspläne zur ePA und "die Niederungen der Praxis"

Gesundheit (Pexels, frei verwendbar)Aktuell findet ja vom 21. bis 23. April 2026 die DMEA 2026, Europas führende Veranstaltung für digitale Gesundheit, auf dem Messegelände Berlin statt. Schirmherrin Nina Warken, ihres Zeichens Bundesgesundheitsministerin, will die Digitalisierung im Gesundheitswesen konsequent weiter vorantreiben und die elektronische Patientenakte weiter entwickeln. Gelegenheit mal einen Blick auf die Details zu werfen und Fragen zu stellen.

DEMA 2026 und Sonntagsreden?

Zum Start der DEMA 2026 am heutigen Tag ist mir auch eine Presseinformation zugegangen, die spontan den längeren Blog-Beitrag hier getriggert hat. Veranstalter der DMEA ist der Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V. und laut dessen Aussage treffen Entscheider aus sämtlichen Bereichen der Gesundheitsversorgung aufeinander. Das reiche von IT-Fachleuten über Ärzte, Führungskräfte aus Krankenhaus und Pflege, bis hin zu Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Messe kann mit rund 900 Ausstellern aus dem In- und Ausland sowie einem Programm mit rund 450 Speakern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aufwarten.

Die DEMA 2026 will ein starkes Signal für die digitale Transformation im Gesundheitswesen setzen. Die Schirmherrschaft sowie eine Keynote übernimmt Bundesgesundheitsministerin Nina Warken. Frau Warken wird in der Presseinformation aus ihrer Keynote so zitiert:

Wir werden die Digitalisierung im Gesundheitswesen konsequent weiter vorantreiben und für die Menschen spürbare Verbesserungen erreichen. Die elektronische Patientenakte als zentrales Element eines modernen Gesundheitswesens wird so weiterentwickelt, dass die Nutzung für Versicherte und Leistungserbringer deutlich attraktiver wird und den Weg in die Versorgung erleichtert.  Mit Blick auf die Nutzung von Gesundheitsdaten bietet die Digitalisierung ein erhebliches Potenzial, um Forschung, Innovation und Versorgung zu verbessern. Mit dem geplanten Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen adressieren wir genau diese Punkte und sorgen damit nicht zuletzt für mehr Effizienz im Gesundheitswesen.

heise berichtet in diesem Artikel zudem über die Pläne von Frau Warken zur Datenausleitung aus der ePA, um Terminvergabe und Zweitmeinung zu ermöglichen. Hört man doch gerne, wenn etwas besser und effizienter wird. Und wenn wir noch Kosten bei besserer Versorgung sparen, wer würde sich da verweigern wollen? Alleine, mir fehlt der Glaube, da die Niederungen der Praxis doch irgendwie eine andere Seite zeigen. Und Begriffe wie Datenausleitung machen mich irgendwie auch hibbelig – Ausleitung bedeutet "die Kontrolle geht verloren", egal, wie das verpackt wird. Mir klingt vieles im heise-Artikel wie "pfeifen im Wald" und weiße Salbe (alles wird gut, wir müssen uns nur ein wenig mehr anstrengen).

Digitalisierungshölle Deutschland – die dunkle Seite der Macht

Ich gestehe, ich werde immer ganz hibbelig, wenn ich Politik und Management über Digitalisierung Sonntagsreden schwingen höre. Die treffen in Zeiten, wo FAX die einzig funktionierende Kommunikationsform zu sein scheint, doch immer zuverlässig die am Wegesrand herum stehenden Fettnäpfchen. Bevor wir "in medias res" gehen, einfach so einige Digitalisierungsperlen, die ich aus dem Diskussionsbereich dieses Blogs heraus geklaubt habe. Gut, sind uralte Kamellen von gestern, sind wir doch längst drüber weg, KI und Digitalisierung machen das möglich.

Ich wolle Konto kündigen – für meinen Minderjährigen …

Es war der Rant eines anonym bleiben wollenden Blog-Lesers, der in "grauer Digitalisierungsvorzeit", im Januar 2024 hier als Kommentar eingeschlagen ist. Passt aber wunderbar als forensisches Fossil, wie "rückständig wir mit dieser Digitalisierung doch früher waren". Die Person wollte ein Konto eines Minderjährigen kündigen. Wie macht man das? Vor Digitalisierung hieß es: Beide Erziehungsberechtigte unterschreiben ein ausgefülltes Formular mit den Daten und fertig.

In grauer Digitalisierungsvorzeit, 2024 hieß es "macht man digital". Also das Kontokündigungsformular für den Minderjährigen als PDF ausgefüllt, und das Ganze per Volksverschlüsselungs-Zertifikat "digital unterschrieben". Dieser Vorgang wird von der Bank auch akzeptiert. Klappt super, wenn nicht so diese Niederungen der Praxis wären. Anerkannt Alleinerziehende haben es manchmal besser.

Im konkreten Fall musste die Ehefrau das Kontokündigungsformular auch unterschreiben. Dumm nur, wenn Frau kein "Digitalgedöns mit Volksverschlüsselungs-Zertifikat" hat. Das mal eben ausstellen lassen, ist auch nicht möglich – war das früher einfach, selbst mit gebrochenem Arm konntest Du drei Kreuze auf das Antragsformular setzen und alles war geregelt.

Die Digital-Na(t)ive meint "Druck halt aus, dann unterschreibe ich's" – und es fand sich, so der Leser, sogar noch ein Drucker im Haushalt. Dem Digitalikus saß der Schalk aber im Nacken, so dass drucken, unterschreiben, dann wieder scannen und versenden nicht in die Tüte kam. Ein Workaround musste her: Digitales Zeichentablet angeschlossen, die Unterschrift "digital" ins PDF gekritzelt und dann gehofft, dass die Bank das akzeptiert. Als der Kommentar gepostet wurde, war der Mensch ja noch guten Mutes! Seit dem hat man nie wieder was von ihm gehört. Wir sollten wieder mehr faxen.

Und wer sich nicht abschrecken lässt, für Hardcore-Fans: Es gibt im Personalausweisportal eine echt krasse Abhandlung über Die qualifizierte elektronische Unterschrift. Dabei wollte ich doch nur was unterschreiben …

Habe ich hier mal in den Beitrag aufgenommen, um zu zeigen, welche Hypothek wir uns mit Volldigitalisierung aufladen. Und nein, ich weiß nicht, wie es besser geht, aber in der analogen Welt ist vieles ganz einfach: Kugelschreiber, Formular unterschreiben, max. Ausweis zur Legitimation zeigen, und fertig. Solange das Formular nicht verbrennt, verloren geht oder verlegt wird, lässt sich der Vorgang nachvollziehen.

Du wolle Semesterticket – du kaufe neues Handy

Bezüglich elektronischer Patientenakte war für mich schnell klar, dass ich abseits der Datenschutzbedenken den Weg auch aus technischen Grünen nicht mitgehe. Als ich mir die Bedingungen der Krankenkassen-App, die zur Verwaltung der ePA benötigt wurde, vor längerer Zeit mal genauer durchlas, fand ich den Passus, dass die App bestimmte Betriebssystemversionen voraussetzt. War für mich ein No-Go, dass ich auf ein Mobilgerät, was alle paar Jahre aus dem Support fällt, angewiesen bin. Geräteunabhängigkeit, arbeiten am Desktop im Browser? Fehlanzeige.

Im April 2025 hat ein Leser den Kommentar "Kaufen Sie sich halt ein neues Handy" hier gepostet. Es ging um das Chaos beim digitalen Semesterticket der Berliner Hochschulen. O-Ton des Posters: "Es liest sich fast wie ein Scherz zum 1. April, aber nein, es ist ein neues Beispiel aus der typisch deutschen Digitalisierungshölle, in der man sich treffsicher für technische Lösungen entscheidet (wie bei der ePA), die garantiert nicht funktionieren." Studierende in Berlin, deren iPhone von 2016 oder früher datierte, konnten die Funktion zum Kauf eines Semestertickets nicht nutzen – die Geräte waren zu alt. Am Ende des Tages haben die Betroffenen dann eine Plastikkarte als Lösung bekommen. Die Berliner TAZ berichtet im Artikel Kaufen Sie sich halt ein neues Handy über den Sachverhalt.

Gut, die Geräte in Berlin waren da 10 Jahre am Markt, sowas hat niemand mehr, der studiert. Aber wer sagt denn, dass das immer so sein muss? Ich erinnere mich an das Beispiel der Ing-Banking-App, die irgendwann zur Autorisierung der Transaktionen verbindlich wurde (oder man hätte einen TAN-Generator gebraucht). Ich hatte die App gerade mal einen Monat "verpflichtend" auf einem Android-Handy eingerichtet, als die Meldung kam "Android 8 wird nächsten Monat nicht mehr bei App-Updates unterstützt, aber ohne App-Updates ist kein Banking mehr möglich".

Persönlich wäre ich mit dem Android 8-Handy noch Jahre ausgekommen – hab mir ein neues Android-Smartphone zugelegt, weil ich damals noch ein Android-Buch aktualisieren wollte. Geärgert habe ich mich trotzdem, weil ich astrein "in den Schornstein gehängt worden war". Seit diesem Erlebnis mache ich möglichst einen Bogen um alle Digitalangebote, die "nice to have" sind, aber Abhängigkeiten schaffen.

Und bezüglich der Ing-App-Episode: Um mich herum schlug die Falle bei "Rentnern" zu, die plötzlich von ihren Ing-Konten ausgesperrt waren und mich nach Tipps "für ein günstiges Android-Handy" fragten. Und auf meine spontane Frage "Biste Ing-Kunde" mit großen Augen ansahen, nickten und mir den Ruf eines "Hellsehers" einbrachten … Digitalisierung halt eben.

Und wird die ePA bzw. Digitalisierung uns Nutzen bringen?

Ist ja jetzt ein längeres "Vorspiel" geworden. Aber kommen wir zum Kern der Angelegenheit. Frau Warken gab sich eingangs ja überzeugt, dass die Digitalisierung mit Blick auf die Nutzung von Gesundheitsdaten ein erhebliches Potenzial bietet […] für mehr Effizienz im Gesundheitswesen [zu sorgen]. Prima, ich bin dabei, bleibe aber skeptisch: Ich muss jährlich einen Antrag bei meiner Krankenkasse stellen, dass diese per Abzug/Einzug überzahlten Beiträge für die gesetzliche Krankenkasse erstattet. Kriegt die Verwaltung, trotz Digitalisierung, nicht auf die Reihe, das selbst zu berechnen und korrekt abzuziehen bzw. selbständig Überzahlungen zu erstatten. Aber ich bin da ein Exot …

ePA-Nutzung weit unter 10 %

Bei der ePA beobachte ich seit zwei Jahrzehnten, dass nichts in die Hufe kommt. Seit 2021 gibt es konkret ePA (damals mit Opt-In) – die Nutzung der elektronischen Patientenakte lag bis Anfang 2025 bei 1 % der gesetzlich Versicherten. Seit Anfang 2025 haben über 90 % der gesetzliche Versicherten eine ePA (weniger als 7 % haben sich per Opt-out aktiv dagegen entschieden). Hätte doch ein absoluter Erfolg werden müssen, wenn 90 % der gesetzlich Versicherten eine ePA 3.0 haben. Die aktive Nutzung der elektronischen Patientenakte liegt nach meinen Informationen Anfang 2026 weit unter 10 % (eher bei 5 %) der ePA-Besitzer. Nennt man Abstimmung mit den Füßen.

Aber abseits der ePA haben wir ja noch Digitalisierung  mit KIM (Kommunikation im Medizinwesen). Da tauschen sich die Docs doch untereinander aus und es läuft? Heiner Lauterbach, oder war es doch Karl (?), sagte mal: "Mit der ePA werden wir Doppeluntersuchungen vermeiden und uns unnötige Behandlungen ersparen" – und beim Sparen sind wir dabei. Schauen wir mal auf die Niederungen der Praxis.

Das Kind, der Zahnarzt und der Kieferchirurg

Wie hieß doch oben so schön: "Mit Blick auf die Nutzung von Gesundheitsdaten bietet die Digitalisierung ein erhebliches Potenzial, um Forschung, Innovation und Versorgung zu verbessern. [… ] und sorgen damit nicht zuletzt für mehr Effizienz im Gesundheitswesen." Wie das so konkret ausschaut, hat mir ein Blog-Leser im Februar 2026 anschaulich per E-Mail beschrieben. ePA kommt dort übrigens nicht vor, die kann also nicht herhalten – es    geht rein um "Digitalisierung im Gesundheitswesen Anno 2026".

Der Leser war mit seinem Kind "wegen Weisheitszähnen" beim Zahnarzt. Der Leser hat mit dem Zahnarzt besprochen, welcher Arzt die Weiterbehandlung übernimmt. O-Ton des Lesers: "Der Zahnarzt sagte, wir schicken das sofort per KIM raus." – läuft dank Digitalisierung. Der Leser merkte noch an: "Haben uns aus gutem Grund geeinigt, dass ich nicht am Freitag wegen Termin beim Weiterbehandler anrufe. Es knirscht in dieser IT ja immer mal. Ich sag, Montag ruf ich an."

Montag gegen 8.30 Uhr der Anruf beim "Weiterbehandler". Der Status dort: Nichts per KIM angekommen, und keiner weiß was. O-Ton des Lesers: "Es war 'nur' die Diagnose und ein Röntgenbild. Von Donnerstag 16.00 bis Montag 8.30 kann so etwas nicht zugestellt werden. Am Ende war die Dame am Telefon auch noch pampig, warum ich keine Termine machen wollte."

Der Leser nannte einmal einen praktischen Grund für die Weigerung, einen Termin zu machen: "Dann bezahl ich womöglich die Untersuchung noch einmal, die eben erst gemacht wurde." und fügte einen medizinischen Grund hinzu: "Der Weiterbehandler will dann man noch einmal röntgen. Warum soll mal einem Jugendlichen in kürzester Zeit zweimal den Kopf durchleuchten. " Außerdem wollte der Leser wissen, ob da überhaupt etwas ankommt.

Könnte ja auch beim ersten Zahnarzt falsch gelaufen sein. Also den Zahnarzt angerufen und nachgefragt. Es gab die Bestätigung: "Ja, ist weggeschickt." Am Dienstag, wieder gegen 8.30, erneut beim "Weiterbehandler" angerufen. Endlich waren die Unterlagen angekommen (dauerte von Donnerstag bis Dienstag für die Übermittlung per KIM). Ein Glück, dass wir KIM haben – nichts auszudenken, wenn wir das per Brief versucht hätten. Halt, war es nicht so, dass früher ein Brief anderntags beim Empfänger war? Persönlich den Boten spielen wäre für den Leser gegangen, hätte aber 60 km Fahrt und eine Stunde Zeit gekostet – sparen beim Versicherten "am falschen Ende"? Nein, da hatte jemand dem Digitalisierungsversprechen geglaubt und nicht erwartet, dass die "Elektronische Übermittlung der Daten" Tage braucht. Aber deutsche Großprojekte sind schon immer etwas zäh.

Erst kein Glück und dann kommt DoctLib hinzu

Der Blog-Leser hat mich dann noch an Teil II seiner Erfahrung mit der Digitalisierung im Medizinwesen teilhaben lassen. Die "Ehefrau" sei sehr spät "aus ihrer Praxis gekommen", weil was mit der IT war (die Frau muss was mit Medizin zu tun haben). Es sei irgend etwas installiert worden, und es tauchte etwas neues in der Praxis-Software auf, hieß es. Zum Testen wurde noch eine Karte einer gesetzlichen Krankenkasse gebraucht.

Der Leser, wohl ein IT-affiner Mensch, schaute sich das Ganze an und meinte auf die Frage der Ehefrau, was das sei: "Doctolib" (also die Terminverwaltung eines kommerziellen Anbieters). Und setzte hinzu, dass "man die Hände davonlassen soll". Frau war schon gebrieft, dass Doctolib nicht unbedingt als vertrauenswürdig im Hinblick auf die Integration in eine Praxisverwaltungssoftware anzusehen sei (die Funktion hat da einfach nichts verloren). Für Leser und Leserinnen, die nicht so ganz im Thema sind, einfach die Beiträge Doctolib will Patientendaten für KI-Training nutzenDatenpetze: Doctolib reicht deine Daten an Facebook und Outbrain weiter und Doctolib, allgegenwärtig und immer für Ärger gut, neues Urteil wegen Irreführung zur Einstimmung querlesen.

Der Leser meint dazu: "So wie es scheint, ist dieses Doctolib direkt in die Praxissoftware integriert. Was soll ich noch sagen. Wie Hühnerhof mit offenem Gartentor. Bevor die Frage kommt, es ist x.isynet von medatixx."

Bei dieser Gelegenheit durfte sich der Leser auch diese KIM mal ansehen. Sein Fazit: Herzlich überfrachtet mit allerhand Funktionen, wo man fast ununterbrochen Personal braucht, das diese KIM managt. Die Aussage des Lesers: "Den einzigen Vorteil an dieser Digitalisierung für sich persönlich hat meine Frau auch beschrieben. Das digitale Rezept. Man sieht, ob der Patient das Medikament abgeholt hat und was die Apotheke rausgegeben hat. Das muss ja nicht immer das sein, was auf dem Rezept steht". Klingt irgendwie überzeugend – wir haben gesucht, und tatsächlich einen Vorteil gefunden.

Welchen Fuß hätten sie gerne geröntgt …?

Zweiter Fall von "wie es in der Praxis so läuft" und wie Doppeluntersuchungen vermieden werden, ist mir im August 2025 passiert. Großmutter wusste "Jungchen, kleine Lästereien werden vom Leben sofort bestraft". Als ich so vom Ranten überdrüssig den Rechner ausgeschaltet hatte, und für einen Nachmittagsspaziergang zur Bürotür raus wollte, bin ich mit dem linken Fuß umgeknickt und voll auf den Fußboden geknallt. Als ich alles durchgecheckt hatte – "nix gebrochen, tut nix richtig weh", hab ich sogar noch meinen Spaziergang gemacht. Statt 5 km sind es aber nur 3,7 km geworden und ich kam mit "meinem Elefantenfuß" kaum noch nach Hause.

Nach drei Tagen und Krücken musste ich doch Rat beim Doc einholen – dachte ein bisschen Verband und noch drei Tage Ruhe, dann wird es wieder. Aber die Diagnose "schwere Supination mit Unterblutungen, vermutlich Bänderriss, da röntgen wir sofort, und dann ist bestenfalls einige Wochen Orthese angesagt", war eindeutig. Also ließ ich mich, bewaffnet mit Krücken und ausgedruckter Überweisung von meiner Frau zum nächsten medizinischen Zentrum mit Röntgenpraxis in unserer Stadt fahren. "Haben sie einen Termin?" lautete die Frage an der Anmelden. Ich so: "Ich wolle keinen Termin, ich wolle Röntgen" … "Waren Sie schon mal hier?" lautete die nächste Fangfrage. Ich so "wissentlich nicht", Frau "vielleicht?", Fachkraft in der Anmeldung "ich sehe, sie waren schon mal da …" und ich war platt, war ich wissentlich nie in der Röntgenpraxis. Später löste sich das Rätsel auf, als ich die Röntgendaten ansah – 10 Jahre zuvor war ich in einer gänzlich anderen Praxis in einer anderen Stadt nach meinem Genickbruch mehrfach zum Röntgen. Die gesamten Röntgenpraxen in unserem Umfeld waren durch einen Betreiber aufgekauft, der die Daten noch vorrätig und zusammen geführt hatte. Du wird dir plötzlich bewusst: Du wirst plötzlich gläsern …

10 Minuten im Film vorspulen – ich liege auf dem Röntgentisch "welchen Fuß wollen wir denn röntgen?" Steht doch in der Überweisung "linker Fuß". Ok, sicher ist sicher, gut dass die Röntgenassistentin nachfragt und nicht den Kopf röntgt. "Röntgen wir den linken Fuß oder das linke Sprungelenk?" Hallo, bin ich der Doc? "Was steht dann in der Überweisung?" "Da steht linkes …" (irgend etwas unverständliches gemurmelt) "Moment, ich frage den Doktor". Ich hörte das Gespräch per Telefonat mit dem Röntgenarzt mit und dacht "wird schon seine Richtigkeit haben".

Röntgenaufnahme wurde gemacht, ich bekam einen Zettel mit QR-Code, über den ich die Aufnahmen abrufen könne und bin mit Krücken rausgehüpft. Frau, drei Wartezimmer weiter kam mir entgegen und meinte "Du bist aber auch immer ein Sonderfall, das ganze Wartezimmer hat euer Gespräch mitgehört und sich auf die Schenkel geklopft, als gefragt wurde, ob du schwanger wärst. Gut, dass es vorbei ist."

Die Röntgenaufnahmen ließen sich per QR-Code am Rechner abrufen, ich war begeistert und  kam per Eigendiagnose zum Schluss "nix gebrochen und Schwangerschaft kann auch ausgeschlossen werden". Ich anderntags hoffnungsfroh mit Krücken um die Ecke zum Hausarzt gehumpelt, der sich die Röntgenaufnahmen ansah und explodierte "was haben Sie sich den da röntgen lassen?" Ich so "was auf dem Zettel stand, und ein Röntgenarzt hat das noch bestätigt".

Der Hausarzt wollte das Sprunggelenk geröntgt haben, aber es war der Fuß abgelichtet worden. Irgend ein Diagnoseschlüssel muss wohl nicht so eindeutig gewesen sein. Da kann es schon mal sein, dass Du statt am Sprunggelenk geröntgt zu werden einen Ultraschall der Fettleber verpasst bekommst. Zeigt die Schwachstellen des Systems, die den Fachleuten bewusst sind: Vertippt sich jemand oder ist eine Diagnosekennziffer nicht eindeutig, fällt die ganze Theorie "wir machen das so" in sich zusammen.

Der Doc meinte "Fahren Sie sofort ins Krankenhaus nach …, gehen in die Notaufnahme, und lassen sie sich dort röntgen. Da habe ich bis vor kurzem gearbeitet, die wissen, was sie tun" und schrieb eine neue Überweisung aus. "Wir machen keine Doppeluntersuchungen", sagte mal Heiner Lauterbach – ach, ich glaube, ich verwechsele da was.

Lange Rede kurzer Sinn, die Notaufnahme mit Röntgenabteilung hat funktioniert, und ich durfte dem jungen Röntgenarzt erklären, welche Knochenschäden auf dem Röntgenbild vermutlich alt waren.

Spoiler: Es gab auch noch Tage später – auf Empfehlung des Röntgenarztes, noch ein MRT, um einen Bänderriss, der ggf. operiert werden muss, auszuschließen. Die MRT-Aufnahmen kann ich einsehen, die Diagnose des MRT-Arztes habe ich nie bekommen – möglicherweise im digitalen Nirvana verschollen. Hätte mit der ePA 3.0 aber auch nichts gebracht, da die Strukturen zur Aufnahme der Daten da nicht vorhanden sind.

Fazit: Wer sich verlässt, ist verlassen

Erkenntnis: Wenn Du nicht mündiger Patient bist, der nicht weiß, was Sache ist und Du dich statt dessen auf "die Medizineinrichtung" verlässt, bis Du verlassen. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ich habe in den letzten Jahren immer sehr engagierte Mediziner getroffen. Und es geht auch nicht um Besserwisserei. Aber wie willst Du eine informierte Entscheidung treffen, wenn Du keine wirklichen Informationen hast, um das alles bewerten zu können? Aus Erfahrung weiß ich: Behandlungen liefen immer dann optimal, wenn ich informiert und vorbereitet war und mit den Ärzten abwägen konnte. Manchmal wirst Du von einer Diagnose überrumpelt und dann von gut gemeinten Leitlinien "überfahren". Dann passieren Sachen, die unnötig sind und abgekürzt werden könnten.

Damit kommen wir wir zum Kernpunkt der ganzen Geschichte. Die Sonntagsreden über Digitalisierung im Medizinwesen und Effizienzgewinne höre ich zwar ständig. Die fokussieren auf Technik, wo funktionierende Strukturen gefordert wären. Daher hege ich arge Skepsis, dass wir in 10 Jahren wirklich weiter gekommen sind. Wir versuchen seit 20 Jahren Digitalisierung im Medizinwesen, die in ePA enden soll. Bisher mit überschaubarem Erfolg.

Viele Protagonisten am Trog

Es gibt einfach zu viele Protagonisten mit eigenen Interessen, die ihr eigenes Süppchen kochen und sich am Topf der Budgets der Krankenkassen und Mediziner bedienen möchten. Die Tage gab es bei heise diesen Artikel über ein weiteres Konsortium, welches sich neben IBM und Bitmark ein Speichersystem für Patientendaten zertifizieren lassen möchte. Laut heise.de hat die Telekom gerade angekündigt, ebenfalls ein ePA-System entwickeln zu anbieten zu wollen. Da scheint viel Geld zu locken. Was Gottfried Ludewig, Public Sector-Chef der Deutschen Telekom vorschwebt, ist eine ePA, die Daten aus unterschiedlichen Quellen nicht einfach nur sammelt, sondern sie intelligent zusammenführt, auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). Ein Mediziner, der mir gerade diese Information von der DEMA 2026 zukommen ließ, meinte dazu "früher hieß es 'können wir nicht was mit Blockchain machen, heute nehmen wir KI'".

Ein Digitalisierungs-Flickenteppich

Herausgekommen ist bisher ein Digitalisierungskonzept, welches mehr Flickenteppich als funktionierendes System ist. Wenn KIM steht, geht in den Praxen nichts mehr. Die oben erwähnte Episode, dass Doctlib als Funktion in ein Praxisverwaltungssystem integriert wird, ist symptomatisch. Doctlib hat da nichts, aber auch gar nichts verloren, aber da sieht jemand Dollarzeichen und sucht Wege zum Trog, um den Datenschatz zu heben.

Die Politik samt Entscheidungsträger hegen nach wie vor die Hoffnung, mit Digitalisierung irgend etwas in einem (zumindest von mir so empfundenen) dysfunktionalen System bewirken zu können. Und die Ärzte sowie die Therapeuten sitzen größtenteils hilflos vor der Situation, diese Systeme von den kassenärztlichen Vereinigungen aufs Auge gedrückt zu bekommen und zahlen zu dürfen.

Eindrücke frisch von der DEMA 2026

Gerade beim Schreiben dieses Beitrags flatterte mir die Mail eines Mediziners ins Postfach. Im Anhang ein Beitrag mit der obigen Information, dass die Telekom auch in ePA, aber mit KI, machen will. Und ein zweiter Beitrag des Ärztenachrichtendiensts von einer Diskussionsveranstaltung auf der DEMA 2026. Dr. Sibylle Steiner, in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) konstatierte, dass der ambulante Bereich zwar inzwischen stark digital angebunden sei. Anwendungen wie eRezept, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, und die elektronische Patientenakte (ePA) seien weit verbreitet (alle Praxen seien angeschlossen). Aber der Nutzen bleibe oft begrenzt, weil "zentrale Probleme wie fehlende Interoperabilität, instabile Systeme und vor allem anhaltende Medienbrüche, ungelöst seien. In vielen Praxen müssten Ärztinnen und Ärzte parallel digital und auf Papier arbeiten, heißt es.

Interessant finde ich die Aussage: "Die Versorgung dürfe nicht davon abhängen,
ob und wie vollständig eine ePA befüllt sei". Gefordert wird ein Versorgungsfachdienst  (muss noch geschaffen werden), über den Ärztinnen und Ärzte unabhängig von der elektronischen Patientenakte auf relevante Behandlungsdaten zugreifen können. Sprich: Die ePA 3.0 ist so kaputt, dass wir eigentlich was neues brauchen, was auch funktioniert.

Kritisiert wird auch, dass Krankenhäuser in diesem System an der Umsetzbarkeit der Digitalisierung scheitern, gegen die Wand fahren und Fristen reißen. KVB Vorstandsmitglied Steiner zieht das Fazit aus der Praxis und der Diskussionsrunde:
"Wir müssen erst die Versorgungsprozesse definieren und festlegen – und dann die digitalen Weichen stellen. Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren: Digitalisierung ist ein Instrument, ein Hilfsmittel." In den Sonntagsreden der Politik sehe ich Digitalisierung eher als "Fetisch und Hoffnungsträger", der alles richten soll, was schief läuft. Das wird aber nicht funktionieren.

Immer wenn ich als Blogger kurz Gelegenheit habe, tiefer hinter die Kulissen von Praxisverwaltungssystemen oder Organisationen zu schauen, schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. Was ich an Informationssplittern so mitbekomme, ist mit der Umschreibung "Katastrophe" oft noch geschmeichelt. Vielleicht sehe ich es zu dystopisch,  und hoffe inständig, dass ich mir absolut irre. Aber ich fürchte, wir sind in drei, fünf oder zehn Jahren nicht wesentlich weiter. Auch mit ePA 3.0 sind wir weit davon entfernt, dass die gesetzlich Krankenversicherten irgend etwas von den erhofften Vorteilen sehen oder begreifen.

Einige der obigen Beispiele sind zwar anekdotischer Natur, zeigen aber, wo es zwischen Theorie und Praxis hakt. Man könnte noch vieles schreiben, ich zäume die Geschichte aber mal vom gesetzlich versicherten Patienten mit einer schlichten Erkenntnis her auf: In Zeiten, wo Leute Jahrzehnte mit Rabattmärkchen, Payback-Karten und heute Einkaufs-Apps mit Rabattaktionen konditioniert wurden und jeden vermeintlichen Vorteil "mitnehmen", nutzen noch nicht einmal 10 Prozent der ePA-Inhaber und -Inhaberinnen dieses Mittel. Deutlicher kann man es doch nicht zum Ausdruck bringen: Die Leute stimmen mit den Füßen ab und lassen die ePA links liegen! Und dies, obwohl jeder Tausende in das System einzahlt. Aus der Ärzteschaft kann ich, bis auf einige Claqueure,  auch nicht wirklich Begeisterung erkennen – auch wird (zumindest gefühlt) aktuell kein Nutzen gesehen. Oder wie seht ihr das? Gibt es durchschlagend positive Beispiele? Sagt mir bitte, das sich mich in der Analyse fundamental irre.

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3 Kommentare zu DMEA 2026: Zukunftspläne zur ePA und "die Niederungen der Praxis"

  1. Anonym sagt:

    Haha, habe Tränen in den Augen. In einem vom Lachen, im anderen vom Weinen…

    Besonders die Kontoauflösung, hahah… Moment… Oh, die Auflösung des Ganzen kann ich beisteuern:
    "Als der Kommentar gepostet wurde, war der Mensch ja noch guten Mutes! Seit dem hat man nie wieder was von ihm gehört. Wir sollten wieder mehr faxen."
    Vermutlich wäre Faxen tatsächlich eine Option gewesen, denn: "Wir nehmen keine Aufträge in PDFs entgegen!" – ja, warum haben sie das nicht schon in der ersten Runde geschrieben?ß?ßß?
    Wir haben dann aufgegeben und einen BRIEF geschrieben, mit Briefmarke und so. Fast hätte ich dazu noch meine Erika Reiseschreibmaschine genommen – oder einen Füller, aber dann hätte nur ich es lesen können… ;)
    Aber es hat dann doch irgendwann funktioniert – Papier ist geduldig, und Banken konservativ.

    Nächste Runde: Frau wurde geröntgt, wollte dann den Arztbrief mitnehmen. "Nee, da sie ja keine ePA haben "(hatte sie abgelehnt!)", müssen Sie sich den beim Hausarzt abholen"… Naja, da muss sie sowieso hin, also kein wirklicher Verlust, nur schon wieder nervig…

    Aber manches Digitale funktioniert ja, wie dieses Blog :) Und da muss man schon Danke sagen, dass man nicht erst seinen Perso scannen muss, um hier was schreiben zu dürfen! Lieben Dank also an den Hausmeister :D

  2. Christian Krause sagt:

    Das digitale Rezept.
    Damals hatte man was in der Hand, und konnte es auch durchaus auf Fehler und Unstimmigkeiten kontrollieren. heute nicht mehr.

    Aber: Die private Impfung zahlt meine Kasse (HEK) nur, wenn man ihr ein Rezept nebst Quittung vorlegt.

    Es gibt aber nichts mehr, was man vorlegen könnte, also verweigert sie bis zur Vorlage die Erstattung. Und das, obwohl im Rahmen der Impfstoff Beschaffung in der Apotheke das Rezept digital existiert hat, die Kasse das Rezept also längst verarbeitet hat, so will sie es nochmal als Kopie.
    Reine Schikane, um nicht zahlen zu müssen.

  3. R.S. sagt:

    Positive Beispiele?
    Die könnte es geben, wenn bestimmte Sachen bei der ePA denn überhaupt vorgesehen wären.
    Beispielsweise, das Notärzte Zugriff drauf hätten, dann wüssten die z.B., wenn ein Notfallpatient eine Allergie gegen ein Präparat hat und könnten gleich die für den Notfallpatienten richtigen Medikamente verwenden.
    Aber so etwas ist bei der ePA nicht vorgesehen.

    Aber bei der ePA läuft es so, wie in vielen anderen Bereichen auch:
    Man bastelt an neuen Sachen herum noch bevor die alten Sachen richtig funktionieren und stabil laufen.

    Also nein, etwas positives kann ich nicht über die ePA berichten.

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