Zum 1. April 2026 hatte ich ja im Beitrag ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office? über eine neue "Initiative, ein europäisches Office" aus der Taufe zu heben, berichtet. Ich hatte den Beitrag nicht als April-Scherz gedacht. Inzwischen sind wir einige Tage älter, und es könnte sich herausstellen, dass das Ganze zu einem jahrelangen juristischen Tauziehen entwickelt. Und es gibt weitere Hypotheken im Gepäck.
Rückblick auf die Euro-Office-Ankündigung
Es las sich alles wie ein modernes Märchen: Ein Industriekonsortium, unter Führung des Cloud-Anbieters und Hosters IONOS, sowie dem Entwickler der Nextcloud, haben eine Kooperation zur Entwicklung einer europäischen Office-Alternative zu Microsoft Office angekündigt.
Das Projekt wurde am 27. März 2026 in Berlin vor dem Bundestag vorgestellt – ich hatte im Blog-Beitrag Konsortium um IONOS und Nextcloud plant "Euro-Office" berichtet. Der Ansatz des Projekts basiert darauf, das die ursprünglich in Russland entwickelte, nun aber von der in Riga, Lettland, ansässigen Firma Ascensio System SIA, vertriebene Lösung ONLYOFFICE als Basis zu verwenden und als Fork in die Entwicklung einzuspeisen.
ONLYOFFICE, bietet die grundlegenden Office-Funktionen (Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Präsentation), und angeblich ist Open Source, wird unter AGPL (GNU Affero General Public License) breitgestellt.
Russische und AGPL-Hypothek im Gepäck
Ich hatte es im Blog nicht so extrem aufbereitet, aber der Euro-Office-Ansatz kommt mit zwei gravierenden Hypotheken im Gepäck, die den Entwicklern und Kunden noch ziemlich auf die Füße fallen könnten.
Die russische Hypothek
ONLYOFFICE wird zwar von Ascensio System SIA vermarktet, ein Unternehmen, welches in der lettischen Stadt Riga firmiert. Aber ONLYOFFICE ist eine ehemals russische (OSS) Lösung. Die Webseite tutdomen.com hat im Artikel ONLYOFFICE – Russian company trying to hide einige Zusammenhänge aufgegriffen und seziert.
Die Aussage lautet, dass ONLYOFFICE ein russisches Unternehmen sei, das nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine einige Scheinfirmen gegründet hat, um nicht mehr als russisch zu erscheinen. Die Entwicklung und die Arbeit an ONLYOFFICE fänden jedoch weiterhin in Russland unter dem Namen "R7 Office" statt.
Golem hat hier die komplizierte Unternehmensstruktur beleuchtet. Es gibt die Onlyoffice Capital Group als Holding, die in Singapur sitzt. Die Holding ist 100-Prozent-Tochter der Ascensio System Ltd., die im Vereinigten Königreich angesiedelt ist. Die Ascensio System SIA in Lettland, die ONLYOFFICE vermarket, ist wiederum eine 100-prozentige Tochter der Ascensio System Ltd. Die lettische Firma wurde laut Golem bereits 2009 gegründet und ist heute Inhaber der Rechte an ONLYOFFICE. Komplizierter geht's (n)immer.
Die rechtliche Hypothek
Das Euro-Office-Konsortium hatte die oben angerissene "russische" Problematik sogar angesprochen. Daher wolle man die Quellcodes analysieren, von problematischem Code und ggf. Backdoors bereinigen und als "sauberes" Projekt weiter entwickeln, so die Aussage der Projektverantwortlichen.
Es deutet sich aber an, dass man sich rechtlich irgendwie "in die Nesseln" gesetzt hat. Ich hatte dies bereits im Artikel ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office? anklingen lassen. Das Euro-Office-Projekt sieht sich zwar auf "einer guten Seite", weil man Open Source unterliege und einen Fork gezogen habe. Das Konsortium verweist zwar auf rechtliche Stellungnahmen der Free Software Foundation (FSF), die den Fork als legitim ansehen. Und es gibt dieses GitHub-Commit mit einige Erklärungen.
Aber die Ascensio System SIA in Lettland, die das Copyright auf ONLYOFFICE hält, hat inzwischen einige Verlautbarungen und Schritte angekündigt, die das Euro-Office-Projekt mit seinem Fork mit einer rechtlichen Hypothek belasten. Ascensio System SIA beharrt auf speziellen Klauseln, die man der AGPL hinzugeführt hat (siehe ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office?). Inzwischen wogt der juristische Streit darum, ob das Hinzufügen dieser Klauseln an AGPL zulässig oder nicht ist.
Abgesprungen als Papiertiger und verpufft?
Sieht man sich alleine die obigen Hypotheken von der Herkunft und der rechtlichen Seite an, gewinnt man nicht den Eindruck, dass das alles ein Durchmarsch wird. Man kann es auch so ausdrücken, dass das Projekt bereits als "Papiertiger" abgesprungen ist und bereits verpufft, bevor irgend ein finales Produkt im Sommer 2026 bereit steht.
Mir ist zum 13. April 2026 der Artikel Euro-Office Diebstahl oder Robin-Hood-Aktion? mit einer umfassenderen Analyse von Golem zur aktuellen Situation um das Projekt untergekommen. Der Beitrag ist für 24 Stunden nach erscheinen frei abrufbar, soll dann aber hinter eine Paywall wandern. Der Beitrag ist auf jeden Fall sehr lesenswert, wirft er doch erhebliche Fragen technischer, politischer und rechtlicher Natur auf, die uns sicher noch eine Weile beschäftigen werden.
Damit sind wir wieder beim Thema Hypothek, die das Projekt belasten. Keine Ahnung, wo wir in 6, 12 oder 24 Monaten stehen – nach einem "smoothen Start" sieht mir das Ganze nicht aus.
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MVP: 2013 – 2016





Ich wünsch OnlyOffice weiterhin viel Erfolg mit ihrer Interpretation von OpenSource.