Digitale Souveränität: Die Schweiz probt den Microsoft 365-Exit

Die Schweiz probt die digitale Souveränität und will sich von Microsoft 365 verabschieden. Zur Dokumentbearbeitung schwenkt man auf Collabora Online um, Exchange wird durch Open-Xchange ersetzt, Cloud-Speicherung erfolgt über NextCloud.

Pilotprojekt M365-Exit der Schweizer Bundeskanzlei

Ich bin auf X über nachfolgenden Tweet auf den betreffenden Sachverhalt gestoßen, der durch eine Mitteilung des Schweizer Bundesrats vom 2. September 2026 bekannt wurde.

Schweiz; M365 Exit

Die Schweizer Politik sieht die digitale Souveränität der Verwaltung durch Abhängigkeiten von US-Techfirmen gefährdet. Daher stand die Frage im Raum: "Kann der digitale Arbeitsplatz der Bundesverwaltung auch mit Open-Source-Software funktionieren?" Dazu wurde eine Machbarkeitsstudie der Bundeskanzlei durchgeführt, die diese Frage mit einem grundsätzlichen «Ja» beantwortet hat.

Der Schweizer Bundesrat wurde in seiner Sitzung vom 2. September 2026 über die Ergebnisse informiert. Die Schweizer Bundeskanzlei wird ab Ende 2027 in einem Pilotprojekt rund 3000 Mitarbeitenden eine souveräne Arbeitsplatzsoftware mit Office-Kernfunktionen abseits von Microsoft 365 anbieten können. Diese Umstellung der Bundeskanzlei beinhaltet laut obigem Tweet folgendes Komponenten, die anstelle von Microsoft 365 und Exchange eingesetzt werden sollen:

  • Dokumentenbearbeitung: Collabora Online
  • E-Mail: Open-Xchange
  • Kalender, Kontakte, Aufgaben: Open-Xchange
  • Dateispeicherung: Nextcloud
  • Projektmanagement: OpenProject
  • Wissensmanagement (Wiki): XWiki
  • Audio- und Videokonferenzen: Nordeck (Jitsi)
  • Chat: Element
    Identitäts- und Zugriffsmanagement: Univention

In der Pilotphase des Programms für eine souveräne Arbeitsplatzsoftware konzentriert sich die Bundeskanzlei auf den Aufbau der Plattform, um Office-Kernfunktionen wie E-Mail, Kalender, Dokumente und Präsentationen, Telefonie sowie Audio- und Videokonferenzen bereitstellen zu können.

Die souveräne Arbeitsplatzsoftware soll als eigenständige Lösung, die parallel neben Microsoft 365 betrieben wird, bereitstehen. Das Programm richtet sich an ausgewählte Mitarbeitende aus verschiedenen Departementen und der Bundeskanzlei, die in besonders kritischen Geschäftsprozessen tätig sind.

Für diese erste Phase rechnet die Bundeskanzlei mit Kosten von schätzungsweise 9 Millionen Franken. Die Finanzierung erfolgt über Mittel, die das Parlament für eine aufzubauende souveräne Schweizer Open-Source-Plattform für die Büroautomation beschlossen hat.

Machbarkeitstudie sichert Migration ab

Die Basis für das Programm wurde mit der von der Bundeskanzlei lancierten, und oben erwähnten Machbarkeitsstudie PoC BOSS (Proof of Concept für eine Büroautomation mit Open-Source-Software) gelegt. Diese hatte den Auftrag, belastbare Schlüsse darüber zu ermöglichen, ob eine Open-Source-basierte Arbeitsplatzsoftware für definierte Anwendungszwecke geeignet ist. Dabei stand die Bundeskanzlei auch im Austausch mit dem deutschen Bundesland Schleswig-Holstein, das eine Open-Source-Arbeitsplatzsoftware bereits größtenteils eingeführt hat.

Für die Machbarkeitsstudie wurden 172 Testpersonen aus mehreren Departementen einbezogen. Positiv bewertet wurde insbesondere die Dokumentbearbeitung, Dateiablage, Kollaboration sowie die Mail- und Kalenderfunktionen. Die Bundeskanzlei folgert im vorliegenden Bericht zur Machbarkeitsstudie, dass die getestete Browserlösung für zentrale Standardprozesse grundsätzlich geeignet ist und auch einen substanziellen Beitrag zu einer Notfalllösung leisten kann, zum Beispiel bei einem Ausfall von Microsoft 365. Gleichzeitig zeigen sich auch Grenzen, weil der PoC insbesondere bei großen Videokonferenzen Einschränkungen offenlegt. Der Bericht ist auf der Webseite der Bundeskanzlei einsehbar.

Auch wenn die technische Machbarkeit belegt ist, bedeutet die konkrete Umsetzung im Rahmen des nun gestarteten Programms für eine souveräne Arbeitsplatzsoftware jedoch eine erhebliche Investition, teilen die Schweizer mit. So sind umfangreiche Anpassungen, Sicherheits- und Plattformabklärungen sowie der Aufbau von zusätzlichem Know-how notwendig. Zudem werden sowohl für den Aufbau als auch den Betrieb möglicherweise zusätzliche finanzielle Mittel benötigt.

Ob der Arbeitsplatz der Bundesverwaltung zu einem späteren Zeitpunkt vollständig durch eine souveräne Lösung bereitgestellt werden soll, wird im weiteren Verlauf des Programms geprüft und zum gegebenen Zeitpunkt entschieden. Eine grosse Herausforderung stellen dabei die zahlreichen Applikationen und Fachanwendungen dar, die eng mit der Microsoft-Architektur verbunden sind.

Dieser Beitrag wurde unter Office abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Hinweis: Bitte beachtet die Regeln zum Kommentieren im Blog (Erstkommentare und Verlinktes landet in der Moderation, gebe ich alle paar Stunden frei, SEO-Posts/SPAM lösche ich rigoros. Kommentare abseits des Themas bitte unter Diskussion. Kommentare, die gegen die Regeln verstoßen, werden rigoros gelöscht. Wegen Missbrauchs bin ich gezwungen, Name und E-Mail als Pflichtfelder beim Kommentieren zu aktivieren. Wählt ggf. einen (noch nicht benutzten) Alias-Namen und verwendet ggf. eine Dummy-Mail-Adresse (z.B. t@hotkev.com).

Du findest den Blog gut, hast aber Werbung geblockt? Du kannst diesen Blog auch durch eine Spende unterstützen.