Großflächige GPS-Störung in Europa durch Satelliten?

Stop - PixabaySeit Monaten kommt es zu großflächigen Störungen des von Flugzeugen, Schiffen etc. zur Navigation verwendeten GPS-Signals. Bisher wurde dies Störsendern (GPS-Jammer) in der russischen Enklave Kaliningrad, sowie sowjetischen Schiffen auf der Ostsee zugeschrieben. Nun gibt es Anzeichen, dass die Störungen von russischen Satelliten, die im Weltraum positioniert sind, ausgehen. Es stellt sich die Frage, ob dies eine neue Eskalation der elektronischen Kriegsführung darstellt.

Bisherige GPS-Störungen großflächig aber lokal

"Sucht man nach "GPS-Störungen in Europa", gibt es verschiedene Treffer in Medien. Aktuelle GPS-Störungen in Europa (bekannt als GPS-Jamming oder Spoofing) werden primär durch großflächige Störsignale verursacht, die bisher aus der russischen Exklave Kaliningrad und von Schiffen im baltischen Bereich der Ostsee gesendet wurden.

Insbesondere der Ostseeraum, Polen, das Baltikum und Finnland sind davon stark betroffen. Experten und Regierungsvertreter (wie die EU-Außenbeauftragte) werten die Störsignale als hybride Kriegsführung Russlands. Bekannt ist, dass starke Störsender GPS-Signale in einem Radius von bis zu ≈ 450 km stören oder verfälschen können. Die Zivile Luft- und Schifffahrt, also Flugzeuge und Schiffe, ist am stärksten betroffen. Dies führt im Cockpit oft zu fehlerhaften Gelände-Warnungen, woraufhin Fluggesellschaften bestimmte Warnsysteme im betroffenen Luftraum vorübergehend deaktiviert haben.

Neue GPS-Störung in großen Teilen Europas

Ich bin auf X über aktuelle Tweets auf den Hinweis gestoßen, dass die GPS-Störungen in den letzten Tagen eine neue Größenordnung angenommen haben. Lukasz Olejnik, der sich mit Sicherheitsfragen befasst, weist in nachfolgendem Tweet auf diese Entwicklung hin.

GPS-Störung in Europa

Großflächige Signalstörungen festgestellt

Er schreibt, dass die GPS- und GNSS-Störungen über Europa sich zu etwas weitaus Schwerwiegenderem als lokale Ausfälle zu entwickeln scheinen. Die Störungen gehen weit über zufällige Funkstörungen oder klassische Störsignale vom Boden aus hinaus. Die Vermutung: Ein Teil davon könnte mit aktiven elektromagnetischen Emissionen russischer Satelliten zusammenhängen.

Experten, die die Daten der Störungen von bodengestützten GNSS-Stationen aus aufzeichneten und analysierten, stellten fest, dass kurze Störimpulse gleichzeitig über ein riesiges Gebiet hinweg auftraten. Das Gebiet reicht von Europa bis nach Grönland und Kanada. Dieses Ausmaß passt nicht zu einer lokalen Quelle am Boden. Es deutet auf ein Objekt hoch über der Erde hin, dessen Geometrie erforderlich ist, um einen großen Teil des Kontinents abzudecken.

Das Signal trat sehr nahe an GPS L1 auf, dem zentralen GPS-Band, das von Millionen ziviler Empfänger genutzt wird. Sein Spitzenwert lag bei etwa 1577,5 MHz, während GPS L1 bei 1575,42 MHz liegt, mit einer Bandbreite von etwa 5 MHz. Die Daten zeigten zudem einen zweiten Impuls um 1558,5 MHz, in einem Band, das vom chinesischen BeiDou-System genutzt wird. In der Praxis verzeichneten Empfänger gleichzeitige Einbußen bei der Signalqualität bei GPS, Galileo und BeiDou, an einigen Orten um etwa 10 dB.

Verursacher ist wohl ein russischer Satellit

Verursacht wird diese Störung von einem russischen Satelliten. Der entscheidende Hinweis auf den russischen Satelliten Cosmos 2546 ergab sich aus dem Vergleich der Ankunftszeit des Impulses an zwei Stationen. Die Forscher nutzten diese Zeitdifferenz, um eine quasi-hyperboloide Fläche im Weltraum zu definieren, d. h. die Fläche, auf der sich die Quelle der Emission befinden musste. Als sie diese Fläche mit den Umlaufbahnen verdächtiger Objekte verglichen, ergab sich die beste Übereinstimmung mit Kosmos 2546, einem russischen Frühwarnsatelliten in einer Molniya-Umlaufbahn.

Implikationen, die sich daraus ergeben

Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, handelt es sich nicht mehr nur um ein technisches Problem. Es werde dann zu einer Frage der nationalen Sicherheit, der Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur und der Politik gegenüber Systemen, die für die Luftfahrt, die Schifffahrt, die Energieversorgung, die Telekommunikation, militärische Operationen und die präzise Zeitmessung von entscheidender Bedeutung sind.

Noch kein endgültiger Beweis

In obigem Tweet heißt es, dass die Messungen nicht beweisen, dass jedes GPS-Problem in  Europa von einem russischen Satelliten herrührt. Das Ereignis zeige jedoch, dass "eine Fähigkeit" vorhanden ist und wahrscheinlich getestet wurde. Die Schlussfolgerung: Wenn ein Störimpuls, der heute in seiner Frequenz neben dem GPS-Band liegt, morgen direkt auf dieses oder auf ein anderes Navigationsband verlagert wird, ist das Ergebnis möglicherweise nicht mehr nur eine kurzzeitige Verschlechterung der Signalqualität.

Es könnte zu einer echten Störung von Diensten kommen, die auf Ortung, Navigation und Zeitbestimmung angewiesen sind. Die sicherheitspolitische Schlussfolgerung für Europa ist einfach und unangenehm. Europa braucht eine kontinuierliche Überwachung der Funkfrequenzen, Backup-Quellen für Zeit und Ort sowie einen ernsthaften Umgang mit der weltraumgestützten elektronischen Kriegsführung als aktuelle Bedrohung.

Quelle auf YouTube
Chasing Lightning: Detecting, Characterizing, and Identifying a Powerful Space-Based GNSS Interference Source
Artikel auf Arstechnica

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25 Kommentare zu Großflächige GPS-Störung in Europa durch Satelliten?

  1. poiuz sagt:

    Das neueste Veritasium-Video (https://www.youtube.com/watch?v=tz23G_UXCGA) behandelt das Thema auch und erklärt noch sehr schön wie GPS eigentlich genau funktioniert.

  2. Luzifer sagt:

    SDI Releoaded ;-P Wann dann wohl die ersten Urannägel aus Satelliten abgefeuert werden?

  3. Micha sagt:

    – Für Flugzeuge und Schiffe sicherlich kritisch. Autopiloten könnten ausfallen.
    – Elektronische Fußfesseln werden nicht mehr funktionieren.
    – Notrufsysteme könnten ausfallen, da er die aktuelle Position nicht übermitteln kann.
    – Das Live Tracking des Paketlieferanten, geht dann nicht mehr.

    Ob es für die Telekomunikation kritisch ist, stelle ich in Frage. Wer hat den von uns schon ein privates Satelliten Telefon. Handynetze funktionieren erdgebunden. Festnetz und Internet auch. (außer Starlink)

    Auch im Auto, wird man ohne GPS an das Ziel kommen. Man muss dann wieder einen gedruckten Straßen Atlas für Europa nutzen und nach Verkehrszeichen fahren. Eine Route in Google Maps Planen und ausdrucken, sollte auch funktionieren.

    Wahrscheinlich trifft es aber die werbe treibenden am heftigsten. Jede menge präzise tracking Daten vom Kunden sind nicht mehr vorhanden. Nur noch ungefähre Ortung über Mobilfunknetz. Autohersteller werden sich auch ärgern. Man kann nicht mehr präzise erheben, wann und wo umhergefahren wird.

    Ob in Kraftwerken GPS verbaut ist, ist eine Interessante Frage.

    • Bastian sagt:

      Alles halb so wild. Gibt doch auch noch GLONASS und Galileo welche von vielen Geräten bereits unterstützt werden.

    • Anonymous sagt:

      >>>Ob es für die Telekomunikation kritisch ist, stelle ich in Frage. Wer hat den von uns schon ein privates Satelliten Telefon. Handynetze funktionieren erdgebunden. Festnetz und Internet auch. (außer Starlink)

      Telekommunikationsnetze, speziell 5G-Netze, benötigen für ihren reibungslosen Betrieb i.d.R. ein präzises Takt- und Zeitsignal und genau dies wird gerne und insbesondere an "entfernten" Lokationen per GPS / GNSS abgeleitet.
      Wenn das nicht gegeben ist ggf. für eine gewisse Zeit noch ein Fallback-Betrieb über einen synchronisierten Oszillator gewährleistet, irgendwann läuft der aber aus dem Ruder und dann ist Feierabend…

      RFC1925, Punkt 8: It is more complicated than you think.

      • Micha sagt:

        Und was ist mit dem DFC77 Signal aus Mainflingen bei Frankfurt?
        Meine Funkuhr geht richtig. Oder überlagert 5G das DFC77 Signal?

        Da die Masten zwangsläufig einen Netzwerkverbindung haben, könnte man die auch über Internet Synchronisieren. Der Zeitserver, kann die Zeit über einen Normalen DFC77 Funkempfänger bekommen.

        Ähnlich wie Uhrsysteme aus der Vergangenheit von Bosch/Telenorma. (Jetzt Peweta) Zum Beispiel von einer Telenorma Tenotime 2.

        Peweta hat auch Selbsteinstellende NTP-Uhren im Angebot. Man müsste also nur passende Infrastruktur im Mobilfunkmast einbauen um den Funkmast über Netzwerk zu synchronisieren.

        • ks sagt:

          Der deutsche Zeitzeichensender, den meine Funkuhren nutzen, hat das Rufzeichen DCF77. (Er wird nicht von einem Fußballverein sondern von Media Broadcast betrieben. – Die gesetzliche Zeit wird in Deutschland gemäß § 6 Abs. 2 Nr. 2 EinhZeitG von der PTB dargestellt und verbreitet – z. B. über DCF77 oder NTP.)
          Selbstverständlich überlagern sich elektromagnetische Wellen (Superpositionsprinzip).
          Ein "Empfänger", der Mikro- nicht einmal von Langwellen unterscheiden könnte, wäre erst recht ungeeignet, Sender in einem Wellenbereich zu trennen, also generell ungeeignet zum Empfang von Informationen wie z. B. hier Zeitzeichen.)

        • Anonymous sagt:

          DCF77, NTP und ähnliches hat bei weitem nicht die erforderliche Präzision, wie sprechen hier über eine erforderliche Genauigkeit im niedrigen Milli- bis Nanosekunden-Bereich (DCF77 ist maximal sekundengenau, NTP schafft ab v4 u.U. sub-Millisekunden – in beiden Fällen hast du aber nur Zeit und keine Phase / Takt).
          Schau dir gerne mal die verfügbaren Infos z.B. zu IEEE1588(v2) an, da bekommst du einen Eindruck.
          In jedem GPS-Satelliten fliegt eine Atomuhr mit und über den entsprechenden Abgleich mehrere Signale lässt sich eben die nötige Präzision erreichen.

      • Christian sagt:

        DAB+ in Gleichwellennetzen (SFN) ist auch GPS-synchronisiert. Wenn man zur Abdeckung eines Sendegebietes mehr als nur einen Senderstandort braucht, kann man das bei DAB/DAB+ frequenzökonomisch mit Gleichwellennetzen machen. Die Senderstandorte laufen dann auf dem gleichen Kanal und sind so präzise getimed, dass die unvermeidlich auftretenden Bereiche der "Selbststörung" (so will ich das einfach mal nennen) in möglichst dünn besiedeltem Gebiet, nicht aber in Ballungsräumen oder entlang der Autobahnen auftreten.

        DAB ist sowieso auf Robustheit gegenüber Mehrwegeempfang entwickelt worden, mit geringen Laufzeitunterschieden muss das System sowieso klarkommen – auch bei Einzelsendern, deren Signal man im Gelände teils auf Umwegen (Relexionen) nochmals empfängt – also das, was beim analogen TV wegen des Zeitversatzes "Geisterbilder" gab.

        Bei Gleichwellennetzen nutzt man diese Robustheit eben auch dafür mit, aber das geht nicht grenzenlos.

        Das größte Gleichwellennetz in Deutschland ist das auf Block 5C (Mittenfrequenz 178,352 MHz) – letztlich fast die komplette Fläche Deutschlands wird damit ausgeleuchtet über viele, viele Senderstandorte. Das ist das DAB-Paket mit dem DLF drin.

        Mir sind Sendersysteme eines deutschen Herstellers bekannt, die haben einen "Guard Time" genannten einstellbaren Timeout, nach dessen Ablauf der Sender off air geht. Trigger ist der Verlust des GPS-Signals bei bis dahin guter Frequenzstabilität. Man gibt dem Sender dann noch default 12 Stunden "Freilauf" auf eigenem Oszillator, bevor man ihn aus dem Gleichwellennetz rausnimmt (also abschaltet), da man dann nicht mehr garantieren kann, dass die Synchronizität noch ausreichend gewährleistet ist.

        Die Idee dahinter ist, dass man bei Sync-Verlust eine lokale Ursache (lokale Empfangsstörung von GPS, Antenne abgebrochen, whatever) unterstellt, so dass es für das Gesamtnetz besser ist, dieser eine Sender ist off air.

        Was aber, wenn die Ursache irgendwann eine zentrale Ursache ist, nämlich die nachhaltige GPS-Störung über lange Zeit? Dann gehen alle Sender off air…

        Und ja, man weiß darum, man ist seit dem Ukraine-Krieg sensibilisiert und man schaut meines Wissens nach auch nach Backup-Lösungen ausreichender Genauigkeit. Details kenne ich dazu aber nicht.

        • Micha sagt:

          Trifft das auch auf UKW Sender zu? Diese laufen ja alle auf unterschiedlichen Frequenzen. Sie sind aber auch Synchronisiert. Ohne Synchronisierung würde ja beim Frequenzwechsel im Autoradio das Programm springen. (So wie bei Radio Erzgebirge R.SA 107.7 zu R.SA.)

          • Christian sagt:

            Es geht bei dieser Synchronisation bei DAB/DAB+ nicht um die Synchronisation des hörbaren Audios, sondern um Synchronisation der HF-Aussendung. Einzelne Senderstandorte in einem Gleichwellennetz müssen zueinander zwar nicht unbedingt zeitlich exakt identisch sein, sie müssen aber ein definiertes und projektseitig geplantes Zeitverhältnis (Verzögerungszeit eines Senders zu einem anderen) ultrapräzise einhalten.

            Nehmen wir mal an, diese Zeitdifferenz sei wirklich exakt null. Dann schicken beide DAB-Senderstandorte tatsächlich exakt zeitgleich das gleiche "Hochfrequenz-Muster" über ihre 1536 Einzelträger in die Luft (mit der Ausnahme des auch übertragenen TII-Codes, der standortabhängig ist und die Identifikation des Standortes, der zuerst oder am stärksten an einem Empfangsgerät ankommt, ermöglicht).

            UKW-Sender sind wie schon von Dir korrekt angemerkt nicht für Gleichwellenbetrieb vorgesehen und auch nicht wirklich dafür geeignet. Man hat es versucht, es gibt auch UKW-Sendertechnik, die entsprechend synchronisierbar ist: https://www.2wcom.com/syncfm/ .

            Aber als analoges System, das kontinuierlich Audio liefern muss (im Unterschied zu DAB/DAB+ als digitalem System, das, weil Daten nunmal gepuffert werden können, "Lücken" im Datenfluss haben kann und auch hat, die zur Härtung des Empfangs gegen Laufzeitdifferenzen – https://de.wikipedia.org/wiki/Guard_Interval – genutzt werden), sind bei UKW sehr geringe Hochfrequenz-Laufzeitunterschiede schon tödlich für Stereoempfang, es zischelt dann scheußlich. Sind die Laufzeitdifferenzen noch größer, wird der Empfang völlig unbrauchbar, weil man – FM! – modulationsabhängig bis in den Bereich der völligen kurzzeitigen Auslöschung der Signalstärke kommt.

            Ich hatte das an einem vorherigen Wohnort mit dem dortigen Offenen Kanal, der, blickte ich vom Balkon gen Westen, aus ca. 3,6 km auf UKW herüberkam. Den Senderstandort konnte ich sehen. In Gegenrichtung hinter dem Haus war aber in ca. 100 m Entfernung eine Hochhauswand und dahinter ging der Berg hoch. Ich hatte an einem UKW-Dipol dermaßen brutale Reflexionen von hinten mit entsprechendem Laufzeitversatz, dass die HF-Signalstärkeanzeige des UKW-Tuners zur Audio-Pegelanzeige wurde. Das brach je nach momentaner Modulation richtig weg und krachte natürlich im Audio furchtbar. Ich hätte dort eine mehrelementige Richtantenne gebaucht mit entsprechend 12 dB bis über 20 dB Rückdämpfung.

            SFN auf UKW funktioniert also nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen, es gibt im analogen FM-System null Toleranz für sowas.

            Deshalb laufen im Empfangsbereich eines UKW-Programms idealerweise auf mindestens +/- 300 kHz keine weiteren UKW-Senderstandorte, auch nicht mit dem gleichen Programm. Ausnahme seit den 1990er Jahren: kleine Ortssender ("Funzeln"), die z.B. ein Tal versorgen, aber nicht weit ins eigentliche Sendegebiet eines leistungsstarken Senders auf gleicher oder benachbarter Frequenz reinstören.

            Die engste Koordinationen – sogar einst fürs gleiche Programm – die mir aus meinem einstigen Umfeld für Großsenderstandorte (jeweils 100 kW ERP) bekannt sind, sind 97,0 Geyer (Chemnitz) / 97,2 Inselsberg / 97,3 Dresden-Wachwitz / 97,4 Brocken, die einst alle mal Stimme der DDR waren, danach alle DS Kultur und heute in Sachsen DLF (Biedenkopfs Gattin wollte DLF hören, angeblich deshalb wurde DS Kultur damals in Sachsen abgeschaltet) bzw. in Sachsen-Anhalt und Thüringen DLF Kultur (Nachfolger von DS Kultur) sind. Es wird da mit Sicherheit Ortslagen geben, auf denen sich immer 2 dieser Frequenzen stören und man nur mit einer Richtantenne weiterkommt (oder mit nem TEF 6686, hehe…).

            Die Synchronisation zwischen UKW-Sendern mit gleichem Programm beschränkt sich auf "grobe" Synchronisation des Audio-Inhalts. Dabei reicht es völlig aus, wenn das exakter als eine Silbe ist. Es darf beim Umschalten halt nicht auffallen.

            Zuweilen gibt es da auch Störungen oder wochenlang unvermeidliche Abweichungen, die richtig auffallen – mehrere Silben, einige Sekunden. So z.B., als DLF / DLF Kultur ihre Signalzuführung änderten, das geschah nicht an allen Standorten gleichzeitig und man musste das erstmal wieder "einfangen", wenn man in einem Gebiet damit fertig war.

            Auch gibt es ja den Fall, dass Senderstandorte eines Programms unterschiedlich zugeführt werden. Im Falle des DLF gibt es z.B. eine Zuführung via Satellit (jahrelang Astra 23,5° Ost, im 2. Halbjahr 2024 umgezogen auf 19,2° Ost) auf einem extrem schmalen Teiltransponder (Symbolrate 940 kSymb/s, mit kaum irgendwelchem Consumergerät loggbar) mit 384 kBit/s MP2.

            https://de.kingofsat.net/tp16149

            Aber nicht alle Standorte laufen darüber. Manche Standorte laufen über eine IP-Zuführung (evtl. ist das sogar aptX als Codec). Der DLF 97,0 von Geyer läuft z.B. via Satellit, der auf 97,3 von Dresden auch, der auf 96,6 von Wiederau / Groitzsch ("Leipzig") ebenso. Aber DLF Kultur auf der 97,4 vom Brocken kommt nicht von Satellit, der kommt via IP. Einige Kleinstandorte sind Satellit, andere sind IP. Das muss untereinander ja auch synchron bleiben.

            Im Falle eines Ausfalls der Hauptzuführung kommt z.B. beim DLF eine Havariezuführung via extra dafür vorgesehenem Webstream zum Einsatz. Der hat sensationelle 48 kBit/s HE-AACv2, also mit Fake-Höhen und Fake-Stereo. Da geht es nur noch darum, ob Audio durchkommt.

            Die Encoder-Latenzen sind unterschiedlich. Bei Satellit gibt es den Muxer dazwischen und die Daten sind in eine DVB-TS-Struktur verpackt mit präzisen Angaben zum Timing (PCR, PTS). Rückempfangs-Receiver an den Senderstandorten (gerne verwendet z.B. sowas https://www.2wcom.com/de/products/flexdsr02/ ) haben auch Puffer und können sich sogar je nach Softwarestand unterscheiden. Dazu gibt es freilich noch die Latenz durch die lange Strecke zum Satellit und zurück.

            Das muss man alles im Auge behalten. Grob wird das durch entsprechende Vorverzögerung im Funkhaus erledigt: die einzelnen Zuführungswege bekommen entsprechend unterschiedliche Delays künstlich hinzugefügt. Angeblich wäre das Zeitzeichen im DLF-Funkhaus nebst der Uhrenanlage entsprechend auch minimal "vor der Zeit", damit es auf Empfängerseite zeitrichtig ankommt. Ob das stimmt, weiß ich aber nicht.

            Sowohl Sat-Strecken als auch IP-Strecken driften (das AAC-Satellitenradio der ARD driftete Ende 2021 erheblich mehr als der alte MP2-Hörfunktransponder, keine Ahnung, ob das immer noch so ist). Solange alles an Sat hängt, ist das ja kein Problem, dann driftet das Audio überall gleich. Wenn mit IP ein dezentraler Punkt-zu-Punkt-Weg dazukommt (IP ist halt kein Broadcast), wird es heikler. Man achtet da aber i.d.R. drauf und hat entsprechende Vorkehrungen getroffen. Es geht da aber keinesfalls um die Präzision, die DAB SFN erfordert. Es reicht bei UKW "wie gehört zeitglich".

            Interessant ist auch das Thema Synchronizität UKW/DAB+. Auch da soll es beim Umschalten ja nicht auffallen, das betrifft halt nur Autoradios. Wie man das macht, weiß ich nicht. Klassische analoge UKW-Empfänger haben eine Durchlaufzeit von grob 2/3 der Lichtgeschwindigkeit durch die Schaltung, also letztlich quasi "instantan". UKW-Tuner mit digitaler Demodulation können dagegen schon wieder ganz anders aussehen. Und DAB-Geräte haben je nach Chipsatz und Software auch unterschiedliche Puffergrößen etc. – eine einheitlich Einstellung UKW vs.DAB+, die alle Gerätekombinationen befriedigen würde, gibt es also nicht.

            Aber es gibt in kombinierten DAB/UKW-Lösungen für die Automobil-Branche das "Seamless Blending", das wohl nicht nur UKW und DAB im Empfangsgerät zeitlich aneinander angleicht, sondern auch in der Lautheit (was gar nicht so einfach ist, wenn das Audio für UKW und DAB+ unterschiedlich prozessiert wird beim Programmanbieter). Wie die das machen, weiß ich nicht. Wie gut das funktioniert, weiß ich auch nicht, da ich kein Auto besitze und nicht Auto fahre.

            Übrigens gibt es auch bei DAB+ unterschiedliche Zuführungswege mit teils dem gleichen Programmpaket. Das kann zu einem Senderstandort via Glasfaser kommen, zu einem anderen via Richtfunk und auch via Satellit geht das. Freaks haben sich darauf spezialisiert, solche DAB-Feeds via Satellit mit Linux-Rechnern und Schmalband-Sat-Tunerkarten zu "knacken":

            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=698
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=699
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=691
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=695
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=690
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=696
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=692
            https://digitalbitrate.com/dtv.php?lang=en&liste=2&live=697

            Auch so ein Zuführungs-Mix muss bei DAB GPS-präzise im SFN ausgespielt werden. Und das funktioniert dank Puffern und Timecodes in den Daten.

            • Micha sagt:

              Sehr interessant. So habe ich mich mit dem Radioempfang noch nicht beschäftigt.

              Einzig einen Qodosen DX286 (TEF6686) habe ich mir mal gekauft und eine 80cm Antenne angeschraubt.

              Mit dem Radio, kann ich mehrere Sender aus Calau (Brandenburg) empfangen. Auch Fritz (103,2) wenn er nicht von Radio ČRo Dvojka weggedrückt wird. In Dresden Hellerau in meiner Wohnung.

              Bei überreichweiten Wetter auch schon mal Radio SAW auf der 103,3 und 101,4 drin gehabt. In dem Fall drückt Radio SAW, Radio Blanik vom Jeschken weg.

            • ipsy sagt:

              Danke für diesen super Einblick.

  4. Yossarian sagt:

    Gibt dazu auch eine Karte:

    https://gpsjam.org/?lat=59.31299&lon=23.13447&z=3.7&date=2026-06-08

    Dort sieht man ganz gut, dass Russland auch innerhalb der eigenen Grenzen im Bereich St. Petersburg und Moskau das Signal stört. Ist halt hilfreich, um die Drohnennavigation zu erschweren…

  5. Bediener1 sagt:

    Ironie on:
    Naja jetzt fehlt nur noch das "Havanna Syndrom" per Satelit; theoretisch möglich (der sogenannte Frey -Effekt; den nicht alle hören, aber unter ehemaligen Radartechnikern nichts unbekanntes); ototoxische Cis-Platin aus dem Perlator der Wasseramatur etc…; wer mit Novishock herumhantiert; den trifft es unter Umstaenden…
    Soll ja Programme geben a la "learning from our enemies"…
    Was die elektronische Büchse der Pandora… Venezuela…; EMV-Waffen…
    Wie war das mit den Atomwissenschaftler der mit einem sattelitengestützen Maschinengewehr mit Gesichtserkennung und KI im Iran…
    In bestimmten Bereichen des Militaers ist KI schon lange …Realität
    Ironie offe

  6. Thorky sagt:

    Casus belli? Ein Angriff auf NATO-Staaten.

    • Gänseblümchen sagt:

      Im Prinzip führt Russland schon jetzt einen Krieg gegen die Nato, asymmetrisch, mit nicht tödlichen Waffen, sondern rein elektronisch, das aber auf allen möglichen Ebenen. Die Nato hat hierauf bisher keine öffentliche Antwort, ich hoffe aber, dass wenigstens unter der Oberfläche permanent ordentlich zurückgehackt wird.

      • Thorky sagt:

        Der wohl friedlichste Weg: Man könnte für die jeweiligen russischen Satelliten passende Faradaysche Käfige bauen, in den Weltraum befördern und sie damit einkapseln. 😁

  7. Grimeton sagt:

    Ist doch längst geklärt:

    https://www.youtube.com/watch?v=tz23G_UXCGA

    Gruß,

    G.

    EDIT: Ja super, gibt man in den Quellen genau das Video an das alles aufklärt.

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