Volksdroge Smartphone: Wir Senioren wollen nur telefonieren

Jeder von uns kennt das: In der Straßenbahn, im Geschäft, im Kaffee, nirgends ist man vor Smartphone-besessenen Teens und deren Haushaltsvorständen sicher. Da daddelt und simst es, was das Zeugs hält. Beim Einkaufen wird vor dem Regal lautstark per Telefon verhandelt, welche Packung Müsli es denn sein soll und was noch mitgekauft werden muss. Und gehst Du mal zum Arzt, ist das Wartezimmer überfüllt von Leuten mit Symptomen a là “Handy-Nacken” oder “SMS-Daumen”. Volksdroge Smartphone halt eben …


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Von Jahr zu Jahr steigt der Smartphone-Absatz in Deutschland. Statistisch gesehen, müssten wir wohl so gefühlt 500 Millionen Menschen in Deutschland sein, wenn jeder, vom Säugling bis zum Greis, ein Handy sein eigen nennt. Ist natürlich schamlos gelogen, laut Statista.de hatten wir im Mai 2014 41,1 Millionen Smartphone-Nutzer in Deutschland. Der Verband Bitkom gibt für 2013 allerdings schon 63 Millionen Handy-Besitzer an. Scheint ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Handy-Besitzer und Handy-Benutzer zu sein. Aber der Handy-Boom hat natürlich Folgen soziologischer, medizinischer, ökologischer und ökonomischer Art.

Gerade bin ich auf eine von YouGov im Auftrag von handytick.de durchgeführte Umfrage zur Smartphone-Nutzung gestoßen. Da tun sich ja Abgründe bezüglich der Handy-Nutzung auf. Ich dachte, die Infos möchte ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, ermöglichen diese doch einen tiefen Einblick in die Nutzungsgewohnheiten von “uns Handy-Besitzern”.

Der sogenannte „Handy-Nacken“ und der „SMS-Daumen“ werden, laut Pressetext (ich hatte diese Krankheitssymptome noch nicht), zunehmend als die modernen Technologie-Krankheiten diskutiert, die auf eine häufige Smartphone-Nutzung zurückgeführt werden können. Die zitierte, und unter 800 Smartphone-Nutzern in der Zeit vom 30.01. bis 04.02.2015 in Deutschland durchgeführte Umfrage zeigt nun, wie lange sich Smartphone-User mit ihrem Gerät durchschnittlich pro Tag beschäftigen.

Zwei Fünftel nutzen das Handy mehr als eine Stunde täglich

Rund zwei Fünftel (39 Prozent) der Smartphone-Nutzer in Deutschland geben an, sich mindestens täglich eine Stunde mit ihrem Smartphone zu beschäftigen. Jeder Neunte sogar drei Stunden oder mehr.

Aber es gibt Lichtblicke: Zu den Hardcorenutzern mit einer Nutzungsdauer von mehr als fünf Stunden täglich zählen drei Prozent der User. Wie ich mir hab sagen lassen, zählen wir Ü50-Nutzer wohl auch nicht zu dieser Gruppe  (die von diversen Forschern auch als Alterskohorte bezeichnet wird).

Frauen sind Handy-affin, Männer haben andere Interessen

Frauen beschäftigen sich täglich etwas häufiger mit ihrem Smartphone als Männer. Besonders Smartphone-abhängig sind die 18-24-Jährigen:

  • In der Gruppe 18-24 Jahre nutzt die Mehrheit (71 Prozent) ihr Smartphone mindestens eine Stunde am Tag, jeder Vierte (24 Prozent) sogar mehr als drei Stunden.
  • Bei den 25-34-Jährigen ist die tägliche Nutzung schon etwas geringer (59 Prozent mind. eine Stunde täglich).

Donnerwetter, eine Stunde Handy am Tag, da hätte ich aber weiß Gott besseres zu tun. Gut, wenn ich im Wohnzimmersessel sitze und Musik höre, geschieht dies meist per Smartphone oder Tablet. Der Rest der Zeit bleibt das Handy abgeschaltet …

Wir Senioren sind Handy-Muffel – so was aber auch


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Sag nicht ich, sondern die Studie. Zitat: Ältere gehören eher zu den Smartphone-Muffeln, denn die über 55-Jährigen machen davon eher weniger Gebrauch. Wozu auch, wer etwas von mir will, soll auf dem Festnetz anrufen – Bekannte kommen persönlich vorbei und mit meiner Frau pflege ich Face-to-Face zu kommunizieren. Einkaufen kann Sie auch alleine und muss nicht per Smartphone nachfragen, ob sie noch Milch mitbringen soll. Da wäre eher der umgekehrte Fall angesagt – aber ich habe nie ein Handy dabei – und falls zufällig doch, fehlt die Lesebrille, um das Teil bedienen zu können. Lebensuntüchtig bis zum Abwinken – und ein Handy-Fan werde ich in diesem Leben auch nicht mehr (obwohl auf meinem Schreibtisch gerade drei Exemplare zum Testen herumliegen).

Das Smartphone spielt aber trotzdem, laut Umfrage, eine wichtige Rolle bei der Kommunikation: Jeder Dritte findet es nützlich, durch sein Smartphone immer mit Freunden und Bekannten vernetzt zu sein. Bei den Jüngeren ist es sogar über die Hälfte (57 Prozent). Altersunabhängig schätzt jeder Vierte zudem den ständigen Austausch mit Freunden und Bekannten über das Smartphone.

Sehe ich zwar etwas anders, wie gesagt, Freunde und Bekannte besuche ich noch persönlich, so in Reichweite. Und der Rest wird über Festnetz gelegentlich angerufen – da brauche ich die “ständige Erreichbarkeit nicht”. Aber wie wusste schon Konrad Adenauer? “Ich stelle fest, ich bin einzig” – dem schließe ich mich an.

Der Fluch der Technik: Flucht vor der ständigen Erreichbarkeit

Aussage der Umfrage: So sehr die Nutzer ihr Smartphone auch ins Herz geschlossen haben, versuchen viele vor der ständigen Erreichbarkeit zu fliehen; jeder Neunte ist davon sogar genervt. Auch geben 22 Prozent der Smartphone-User an, ihr Gerät öfter einfach auszuschalten, um nicht erreichbar zu sein. Jeden Zehnten stresst die ständige Erreichbarkeit über das Smartphone obendrein. Dieser Aussage stimmen auch verhältnismäßig viele Ältere zu.

Ich habe ein noch einfacheres Rezept: Kaum einer hat meine Handy-Nummer – und bei den vielen SIM-Karten, die hier bei mir in Gebrauch sind, habe ich selbst nie versucht, mir die eigene Handy-Nummer zu merken. Wenn ich nach der Handy-Nummer gefragt werde, muss die Ausrede “Ups, weiß ich nicht, ich habe gerade auch meine Brille nicht dabei, kann ich also nicht nachschauen” herhalten.

Und was macht der Mensch nun mit dem Handy?

Das hat mich dann doch aus der Kurve getragen, so was hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet: am häufigsten wird mit dem Telefon immer noch telefoniert (68 Prozent). Am zweithäufigsten werden Messenger-Dienste wie WhatsApp oder iMessage genutzt (49 Prozent), gefolgt von der guten alten SMS (39 Prozent). Das letztgenannte Zeugs beschreibe ich zwar in meinen Büchern für die Zielgruppe der Senioren. Aber so richtig anfangen kann ich damit nichts – bin auch noch nicht darauf verfallen, mir mit WhatsApp eigene Nachrichten zu schreiben. Aber ich bin mir ja auch mit Konrad Adenauer einig, wir beiden sind einzig Zwinkerndes Smiley.

An vierter Stelle steht das Surfen im Internet (32 Prozent), auf Platz fünf liegen Social-Media Apps (19 Prozent). Surfen per Smartphone, da bin ich dabei – Social Media Apps kommen mir nicht in Gebrauch, bei Facebook bin ich nur alle Jubeljahre angemeldet, Twitter-Nachrichten meiner Blogs gehen automatisch raus und bei Google+ schaue ich im Browser nach, was es neues gibt.

Aber ich habe die Erklärung für mein Nutzerverhalten in der Umfrage gefunden: Es zeigen sich einfach große Unterschiede in der Handy-Nutzung bei den Altersgruppen. Bei den Jüngeren liegt die Messenger-Nutzung mit 76 Prozent auf dem ersten Platz, die SMS mit 22 Prozent auf Platz fünf, während bei den Älteren das Telefonieren (83 Prozent) und Simsen (49 Prozent) deutlich im Vordergrund stehen.

Ganz schön amüsant, dieses Zahlenwerk. Aber jetzt sehe ich, dass die Sonne scheint, also gehe ich raus, und das ganz ohne ‘’Händy in die Tasche’. Und wie schaut es bei Ihnen aus? Finden Sie sich in den Nutzergewohnheiten getroffen? Ist SMS das Kommunikationsmittel der Wahl? Oder heißt es: “Aber Seniora, isch ‘abe gar kein Handy”?


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8 Antworten zu Volksdroge Smartphone: Wir Senioren wollen nur telefonieren

  1. Wolfgang sagt:

    Interessante Statistiken….
    Ich bin 66 und nutze mein “Kluglaut” für meine Altersgruppe anscheinend zu oft ;-)
    Das liegt aber vielleicht daran, dass meine Kinder alle etwas weiter entfernt leben. Da ist Whatsapp Gerda richtig. Keine höheren Gebühren wie bei einer SMS oder MMS. Man kann sogar ein kleines Video versenden wie vor kurzem als unser vierter Enkel das Licht der Welt erblickte.
    Des weiteren sind meine Frau und ich oft für längere Zeit im afrikanischen Ausland.
    Dort nutze ich es auch für Skype, falls ich gerade zum verabredeten Telefonat kein Internet Café finde.
    Ansonsten ist das Smartphone gerade dort fast unverzichtbar, dient es doch auch noch als Geldbörse und zur Abfrage der Stromrechnung.
    Ja … und beim Geocachen ist es auch noch hilfreich :-)

  2. Gisela sagt:

    Hallo Herr Born,
    mir ist mein Smartphone sehr wichtig, wegen der Erreichbarkeit zu meinen Kindern die teilweise außerhalb studieren. Whats App und Facebook lehne ich ab, ich bin per Sms erreichbar, oder über Skype wo ich auch Fotos mit meinen Kindern austauschen kann. Ansonsten nutze ich mein Smartphone viel für das Internet, da bleibt mein Laptop oft aus. Es ist halt schon schön so wie jetzt auch mal faul auf der Couch zu liegen und hier seine emails anzuschauen oder bei Ihnen und Dr. Windows zu lesen. Ach ja und gerne höre ich Musik mit Spotify und einem Bluetooth-Lautsprecher. Für mich also unverzichtbar das Smartphone und eine schöne Bereicherung!

    • guenni sagt:

      Danke für die Rückmeldung. Hilft mir bei der Bewertung bestimmter Themen im Android-Ratgeber für die Zielgruppe 50Plus, den ich gerade schreibe.

    • Marc sagt:

      “Whats App und Facebook lehne ich ab”
      das muss eigentlich garnicht sein, denn es gibt ja div. Stufen der Nutzung.
      a.) nur an Familie “angebunden” – sprich: nur lesend (+ freut sich durch die Anteilnahme des alltäglichen “Familienlebens” was einem sonst vorenthalten bleibt)
      b.) sich nur mit der Familie bspw. unterhalten und prüfen dass ansonsten alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen sind
      c.) an Diskussionen außerhalb der vorgenannten Gruppe nicht teilnehmen

      was soll dabei sein, wenn man der Familie ein Gruss sendet usw., das kann doch der Nachbar oder fb oder … mitbekommen.
      Das ganze stellt man einfach auf die “persönliche Sicherheitsstufe” wie eine Postkarte, dann passt dies.
      Denn die Nichten, Neffen usw. nutzen “diese virtuelle Welt” und wenn man diese verweigert ist man ausgeschlossen/separiert.

  3. SiBu sagt:

    Ich bin 66 Jahre alt und so, wie in dem Artikel, hätte ich auch bis vor 1/2 Jahr gesprochen. Ich sah nur mit Kopfschütteln das Verhalten der jungen Leute und hatte mein Handy selten dabei. Dafür saß ich gerne fast täglich am PC, als ehemaliger IT-Lehrer kenne ich mich aus.
    Aber dann schenkte ich meiner Frau zum Geburtstag ein neues Samsung Smartphone und weil ich schon mal dabei war, kaufte ich mir selbst eins. Inzwischen weiß ich über die Faszination dieser Geräte:
    -das Telefonieren geschieht klar und deutlich, kein Vergleich mit meinem “alten” Handy
    -ich habe immer eine hochwertige Kamera dabei, auch hier kein Vergleich zur Handykamera
    -ein mp3-player für Musik und Hörbücher ist nicht mehr nötig
    -ich kann jederzeit ins Internet gehen, um mal schnell etwas zu googeln
    -als Fußballfan bekomme ich bei Spielen meiner Lieblingsmannschaft die Tore gemeldet
    -mit Brustgurt und entsprechender App kann ich meine Wander-und Radtouren nach verfolgen
    -über Whatsapp kann ich Freunden und Bekannten schnell Nachrichten und Bilder schicken und erhalten
    -die Memofunktion, auch gesprochen, ersetzt mit das Notizbuch
    -in der Dunkelheit habe ich eine starke Taschenlampe
    -über ankommende E-Mails werde ich sofort informiert
    -eine eingebaute Lupe hilft mir, wenn mal etwas sehr klein ist
    -meine Termine und Verabredungen werden alle im Kalender gespeichert
    -ein Passwort-Safe verwahrt Passwörter für Bank-und Kreditkarten sicher

    Das bedeutet doch nicht, dass man ständig auf das Gerät starren muss. Wir, meine Frau und ich möchten es jedenfalls nicht mehr missen. Wir fahren auch nicht mehr mit der Postkutsche.

    • guenni sagt:

      Danke für die Rückmeldung – da hat mein (provokativ flapsig geschriebener) Artikel doch Reaktionen gebracht ;-). Alle aufgeführten Punkte kann ich hier unterschreiben – auch wenn ich meine Termine auf Papier im Kalender führe – der leidet nie unter Akku leer.

      Interessant ist, das WhatsApp doch in der Zielgruppe häufig genutzt wird (ich schaue es mir jetzt bei Android wg. eines Buchprojekts an, werde es aber selbst aus Datenschutzgründen wohl nicht einsetzen).

      Nur mit dem “Passwort-Safe” sollten Sie nochmals überdenken. Ich traue den Apps keinen Schuss Pulver weit. Gibt in meinem IT-Blog Beiträge, wo Trojaner genau solche Passwort-Safe-Apps angeriffen und die Daten entwendet haben.

      • Marc sagt:

        “meine Termine auf Papier im Kalender…”

        dh. der ist immer nur ein Griff weit entfernt? also beim Sport, beim Arzttermin, beim Familientreffen?
        das Papier erinnert dich automatisch (!) an Termin, wie Massage, Krankengym. usw. bzw. an wiederkehrende wie Geburtstage, Müllabfuhr usw.

  4. CarpeDiem sagt:

    Ich nutze nach wie vor ein Nokia 515. Die Features muss ich nicht erläutern, die könnten für mich gerne weniger sein.
    Fast ausschliesslich geht es um’s Telefonieren und unbegrenzte Simsen (Telefon- und SMS-Flat, 16,95). Wesentlich für mich ist, dass ich unentdeckbar kommunizieren kann, und es auch nicht erkennbar ist, wann ich online war oder Nachrichten gelesen oder auch nicht gelesen habe. Wenn ich zB nächtens simse, kann mir am nächsten Tag niemand die Frage stellen, was ich zwischen zwei und drei online gemacht habe…Für gewisse Lebensaktivitäten sind Smartphones …. eindeutig (noch) nicht geeignet. Handyhersteller sind gut beraten, den Blick auf dem herkömmlichen Handy zu behalten.

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