Lime: eScooter-Verleih in Deutschland angeblich ‘profitabel’

eScooterEs sind gänzlich verschiedene Signale, die von diversen Quellen aus dem Bereich der Elektro-Tretroller-Verleiher kommen. Während der Anbieter Circ Leute entlässt, geht aktuell die Meldung um, dass der Anbieter Lime in Deutschland profitabel arbeitet. Mal hingeschaut.


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Ende November 2019 bin ich auf die Meldung gestoßen, dass Verleiher wie Circ und Coup sowie der Fahrdienst Uber mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen. Circ hat kürzlich 50 Leute in Deutschland entlassen und ist dabei, auf ein neues eScooter-Modell umzustellen (siehe Circ bringt neues eScooter-Modell). Manche Verleihfirmen sind nun in den Winterschlaf verfallen.

Tier Elektro-Tretroller
(Tier Elektro-Tretroller, Quelle: Tier)

180 Tage-Bilanz und die ‘Profitabilität im Kerngeschäft’

Kürzlich legt der Elektro-Tretroller Verleiher Lime eine Bilanz seiner ersten 180 Tage in Deutschland vor. Sowohl heise als auch die FAZ (siehe folgender Tweet) berichten jetzt darüber und titelten, dass der US-Verleiher Lime mit seinem eScooter-Sharing in Deutschland profitabel sei.

Eine sehr gute Nachricht, die bleibt im Gedächtnis, speziell ob der ganzen Unkenrufe. Man sollte deshalb schon sehr genau hinschauen, was die beiden Medien zusammenschreiben (oder aus einem Pressetext rausgezogen haben). Bei heise liest es sich so: Der Elektro-Tretroller-Verleih Lime macht ein halbes Jahr nach seinem Start in Deutschland nach eigenen Angaben in seinem Kerngeschäft keine Verluste mehr. Der Lime-Deutschland-Chef, Jashar Seyfi, wird folgendermaßen zitiert:

Das gilt insgesamt und auch für die meisten der 15 deutschen Städte, in denen wir im Moment aktiv sind, darunter die fünf für uns wichtigsten: Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt.

Genaue Zahlen zu Umsatz und Ergebnis in Deutschland nennt das Unternehmen, laut heise nicht. Sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – wird aber von den beiden Medien nicht hinterfragt. Was bedeutet Kerngeschäft? Denn nur dort macht man keine Verluste mehr (im Umkehrschluss aber auch keine Gewinne). Und wieso gilt das ‘für die meisten der 15 deutschen Städte’? Das hat mich stutzig gemacht …

Die FAZ weiß, dass Lime in Deutschland am 18. Juni 2019 startete und seine Flotte nach eigenen Angaben auf mehr als 25.000 E-Scooter ausgebaut hat. Mit den eScootern seien bisher 6,5 Millionen Fahrten auf einer Gesamtstrecke von knapp 12 Millionen Kilometern gemacht worden. Nur sagt mir das nicht, welche Farbe die Wurst hat, die es zu verteilen gilt.

Im Winter will Lime seinen Betrieb in Deutschland nicht einstellen, obwohl man durchaus einen Nachfragerückgang durch das Wetter spüre, so Seyfi. „Es ist ein saisonales Geschäft, aber die Kunden müssen sich auf den Service verlassen können.“

Kaum Vandalismus und Unfälle

Der Lime-Geschäftsführer sagte, dass man in den vergangenen Monaten mit Vandalismus oder Schäden durch Unfälle nur wenig Probleme gehabt. „Jeder kennt die Geschichten von E-Scootern, die mal in der Spree oder anderen Flüssen landen. Das hält sich aber zum Glück sehr in Grenzen“, sagt Lime-Deutschland-Chef, Jashar Seyfi. Auch die Zahl an Unfällen sei angesichts der 6,5 Millionen Fahrten „verschwindend gering“, schwere Personenschäden seien ihm nicht bekannt.

Nette Aussage und schön, dass die Lime-Leute wenig Ausfälle durch verunfallte eScooter haben. Gut, dass der Vandalismus gering ist – nicht ironisch gemeint. Es ist auch richtig, dass es in Deutschland noch keine Toten bei eScooter-Unfällen gegeben hat. Aber ob bei der Aussage ‘schwere Personenschäden seien ihm nicht bekannt’ Tunnelblick herrscht oder ob es die objektive Wahrheit wiederspiegelt, das ist Spekulation. Es gab schwere Unfälle mit eScootern, ob es Lime-Fahrzeuge waren, ist den Meldungen meist nicht zu entnehmen. Ende 2020 wissen wir mehr, da dann eScooter-Unfälle eine eigene Kategorie in der Polizeistatistik bekommen. Also alles juhu?

Da war doch noch was …

Ich hatte im Blog-Beitrag Circ, Coup und Uber wirtschaftlich am kämpfen über Probleme in der Branche berichtet. Dort las sich die ganze Geschichte doch etwas differenzierter. Ich hatte im Beitrag auf den CNBC-Artikel hier verlinkt. Der US-Anbieter Lime wollte (nach eigener Aussage des US-Zweigs) in 2020 ‘profitabel werden’ und aus dem Modus ‘Geld verbrennen’ raus kommen. Konkret bedeutet ‘profitabel werden’ laut CNBC aber, dass eine hauchdünne schwarze Null vor Berücksichtigung der Zinsaufwendungen und einigen Steuern geschrieben wird. Das wird dann unter ‘sonstige Kosten’ verbucht. So kann man auch profitabel werden – man pickt sich die Stars heraus und verbucht die Flops unter Altlasten. Solange die Bilanzen nicht auf dem Tisch liegen, ist das alles Pfeifen im dunklen Wald. Mag sein, dass die 2020 wirklich profitabel sind – alleine, man weiß es nicht. Unter dem Gesichtspunkt heißt es abzuwarten, ob an den eingangs zitierten Problemen der Branche was dran ist oder nicht.

Und nimm das noch …

Es ist immer das Mosaik, welches aus vielen kleinen Steinchen ein Gesamtbild ergibt. Ich kenne das Mosaik und das ganze Bild nicht, aber es fallen weitere Steinchen ins Bild. Im vorhergehenden Text habe ich die Aussagen der 180-Tage-Bilanz, die in der Presse ihren Niederschlag fanden, mit kritischer Brille gelesen und mit einem weiteren Blog-Beitrag verheiratet. Aber es gibt einen weiteren Fundsplitter, der Wasser in den Wein gießt.

Zeitgleich zum Schreiben dieses Beitrags hatte ich den Browser-Tab zu obigem Tweet offen. Weil die Lime-App für die Juicer vor einigen Wochen ausfiel, aktivierte das Unternehmen eine WhatsApp-Gruppe für diese Leute. Und da ging die Post in der WhatsApp-Gruppe ab: Die freiberuflichen Mitarbeiter von Lime tauschen sich über halblegale Möglichkeiten zum Strom tanken aus (mit speziellen Adaptern laden die Juicer an Schnellladestationen für E-Autos) oder verticken geklaute eScooter und so weiter.

Lime ist, laut WiWo, offenbar die Kontrolle über die freien Mitarbeiter ‘zumindest in Teilen’ entglitten. Mitarbeiter, die in pekären Verhältnissen arbeiten und dafür sorgen, das die Elektro-Tretroller geladen bereitstehen. Lime sieht in geklauten eScootern wohl kein gravierendes Problem, aber die Dinger verschwinden. Und das ‘Schnelladen’ an Stromtankstellen sei auch unbekannt und entspräche nicht den Vorgaben zum Laden der Batterien der E-Scooter.

Wieso erinnert mich das Ganze gerade an die obige Aussage ‘schlimme Unfälle mit Personenschäden seien dem Geschäftsführer persönlich nicht bekannt’? Anbieter von Stromtankstellen sind laut Wirtschaftswoche auch eher not amused und schreiben, dass diese ‘Zweckentfremdung nicht erlaubt sei’. Da tun sich Abgründe auf. Der Artikel E-Scooter: Wie Lime-Mitarbeiter illegal Strom tanken der WiWo ist äußerst aufschlussreich … und hinterlässt so einige Kratzer an der 180-Tage-Bilanz.

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