Teure Krebsmedikamente, Krankenkassen schlagen Alarm

GesundheitJährlich erkranken in Deutschland ca. 500.000 Menschen an Krebs. Die Medizin kann helfen, aber die Kosten für Krebsmedikamente sind in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen. Melkkuh Gesundheitswesen? Die Krankenkassen schlagen jetzt Alarm.


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Wir leben in einer Zeit des medizinischen Fortschritts, was gut ist. Und eine flächendeckende gesetzliche Krankenversicherung springt für die Kosten einer Krebsbehandlung ein. Das ist sei vielen Jahren so. Nun haben die Krankenkassen festgestellt, dass die Krebsmedikamente zur Behandlung der gut eine halbe Million Barmer-Krebspatienten in Deutschland Jahr für Jahr steigen. Deutschland ist bei den Kosten für Krebsmedikamente Spitzenreiter.

Krebsbehandlung
(Quelle: fotolia ©Lydie/Barmer)

Barmer Studie vorgestellt

Dies geht aus dem von der Barmer Ersatzkrankenkasse am 22. Juni 2917 in Berlin vorgestellte vorgestellten Arzneimittelreport 2017 hervor.

  • Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel (Krebsmedikamente) in der ambulanten Versorgung BARMER-Versicherter sind seit dem Jahr 2011 um 41 Prozent gestiegen.
  • Sie übertreffen damit deutlich die Kostensteigerungen aller anderen Arzneimittel ohne Rezepturen, die im gleichen Zeitraum um 20 Prozent wuchsen.

Fünf der zehn Arzneimittel mit der aktuell größten Umsatzsteigerung dienen der Behandlung von Tumorerkrankungen. Eine größere Anzahl an betroffenen Patienten kommt als Erklärung nicht in Frage, wie der Report angibt. Grund: Auf diesen Personenkreis entfielen seit dem Jahr 2011 lediglich acht Prozent der Kostensteigerung.

Deutschland zahlt Höchstpreise

Die gestiegenen Kosten werden durch die höheren Herstellerpreise verursacht. Die Autoren des Arzneimittelreports haben dazu die Kosten von 31 onkologischen Arzneimitteln in Europa, Australien und Neuseeland verglichen. Demnach ist Deutschland führend.

  • Bei 90 Prozent (28 von 31) würden die Preise hier über dem Median liegen, acht der 31 Krebsmedikamente kosteten sogar am meisten.
  • Die Preise für Krebsmedikamente stiegen in Deutschland zudem seit Jahren.

Lagen die Arzneimittelkosten für eine typische Chemotherapie in der ersten Therapiephase in den neunziger Jahren umgerechnet noch bei wenigen Tausend Euro, seien es zehn Jahre später einige Zehntausend Euro gewesen. Heute erreichten die Kosten in vielen Fällen eine Größenordnung von Hunderttausend Euro und mehr. Die Therapiekosten zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Hautkrebs hätten sich beispielsweise in fünf Jahren fast verachtfacht.

„Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz, unser Ziel ist im Interesse der Patienten und Beitragszahler ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis. Auch bei onkologischen Arzneimitteln, so segensreich viele von ihnen wirken, sind faire Preise wichtig“, sagte Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER. Medikamente sollten daher nach fünf Jahren auf ihren Nutzen überprüft und darauf basierend das Preis-Leistungsverhältnis bestimmt werden.

Ausweichstrategie der Hersteller


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Der Report belegt einen einen deutlichen Trend, dass Hersteller für onkologische Arzneimittel immer häufiger die Zulassung als sogenanntes „Orphan Drug“ beantragen, Das sind Medikamente zur Behandlung seltener Erkrankungen. So waren bereits ein Drittel der im Jahr 2015 neueingeführten Arzneimittel Orphan Drugs. Dabei erreichten Orphan Drugs bei nur kleinen Verordnungsmengen von 9,8 Millionen Tagesdosierungen ein Umsatzvolumen von 1,38 Milliarden Euro.

„Die Pharmafirmen haben offenbar ein großes Interesse daran, Krebsmittel als Orphan Drugs zuzulassen. Um eine solche Zulassung zu erhalten, müssen weniger Belege über Nutzen und Sicherheit des Arzneimittels vorgelegt werden“, betonte Studienautor Prof. Dr. Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken.

Bei jedem dritten Orphan Drug seien zum Zeitpunkt der Zulassung weniger als 100 Patienten untersucht worden, und randomisierte Vergleichsstudien fehlten meist. Die bei Zulassung geforderten klinischen Studien gebe es jedoch auch zehn Jahre später noch nicht. Zur Sicherheit der Patientinnen und Patienten sollten Orphan Drugs einer regulären frühen Nutzenbewertung unterzogen werden. Zudem müssten vor allem diese Medikamente auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut einer Bewertung unterzogen werden. „Alle Patientinnen und Patienten haben ein Recht darauf, zu erfahren, welche Risiken ein Orphan Drug hat“, betonte Grandt.

Zehn Millionen Euro für weggeworfene Arzneimittel

In der gesetzlichen Krankenversicherung fallen den Reportergebnissen zufolge jedes Jahr erhebliche Kosten für Arzneimittel in der onkologischen Behandlung an, die kein Patient erhalten hat. Gemeint sind Restmengen, die bei der Herstellung der Zytostatika-Rezepturen anfallen, die sogenannten Verwürfe. Allein bei den Barmer-Versicherten hätten im Jahr 2015 zehn Millionen Euro für ungenutzt weggeworfene Arzneimittel ausgegeben werden müssen.

Diese sogenannten Verwürfe fielen, laut Barmer-Report, je nach Packungsgröße, rezeptierter Wirkstoffmenge und Haltbarkeit des Wirkstoffes an. „Offenbar versuchen einige Pharmafirmen über Verwürfe ihren Gewinn zu maximieren, indem sie praxistaugliche Packungsgrößen mit Einzeldosierungen vom Markt nehmen und durch größere Packungen ersetzen. Auch die tatsächliche Haltbarkeit angebrochener onkologischer Arzneimittelstammlösungen scheint verschwiegen zu werden“, betonte Straub.

Selbstverständlich sollte aber die Verfügbarkeit praxistauglicher Einzeldosisstärken direkt mit der Zulassung verknüpft werden. Ebenso sollten Untersuchungen zur Haltbarkeit für die Pharmafirmen verpflichtend sein. Aktuell werden die Kosten dieser Untersuchungen unter anderem von den Kassen bezahlt.

Weitere Details lassen sich dieser Barmer-Mitteilung


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1 Antwort zu Teure Krebsmedikamente, Krankenkassen schlagen Alarm

  1. Andreas B. sagt:

    Tja, aber wirksam kontrollieren tun sie wohl nicht? – Ich meine die grässliche Sache mit dem Prozess gegen einen verbrecherischen Apotheker, der sich anderthalb Millionen in die Tasche gesteckt hat und den Krebspatienten Kochsalzlösung statt der teuren Krebsmedikamente angedreht hat. – Bis dahin dachte ich noch, sowas gäbe es nur in korrupten Drittweltländern.

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