Erinnerungen an die Wende und die Zeit danach …

Heute begehen wir wieder einmal den ‘Tag der deutschen Einheit’. Erinnert sich noch jemand da die Wochen und Monate vor der Öffnung der Grenzen? Wie wurde der historische Tag erlebt? Und wie war es kurz danach?


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Als im Westen geborener Einwohner Deutschlands erinnere ich mich noch an die Ereignisse in der Prager Botschaft samt der Ausreise per Sonderzug in den Westen, die Montagsdemonstrationen in Dresden sowie die Flucht über die offene Grenze Ungarns nach Deutschland. Es wurde in den Medien berichtet.

Die Ereignisse überstürzen sich

Die Meldung über die Öffnung der Grenze am 9. November 1989, allgemein als Mauerfall (Fall der Berliner Mauer) ins Gedächtnis eingegangen, habe ich im Rheingau mitbekommen. Wir waren auf einem Führungskräfteseminar und jemand schaltete das TV-Gerät im Aufenthaltsraum des Hotels ein, um die Nachrichten zu sehen. Plötzlich kam die Botschaft aus der Pressekonferenz von Günter Schabowski zur DDR-Reisereglung (siehe hier). Und später kamen dann die Bilder von Menschen aus der DDR, die über die offene Grenze nach West-Berlin kamen oder auf der Mauer saßen.

Eigene Erinnerung, kurz nach der Wende

Später kam ich dann direkt mit den Folgen der Wende in Berührung. Ich arbeite in einem Betrieb der Großchemie und es kamen erste Bewerbungen von Menschen, die aus den östlichen Bundesländern in den Westen geflüchtet waren. Ein junger Ingenieur gehörte zu den ersten fünf Familien, die per Trabi über die offene Grenze in Ungarn nach Österreich und dann nach Deutschland geflüchtet waren. Das DDR-Regime hatte ihm quasi die Promotion in Jena unmöglich gemacht. Die Bewerber wurden eingestellt – man merkte zwar, dass die in einem anderen Umfeld sozialisiert wurden. Aber es waren prima Kollegen und Mitarbeiter, vor deren Mut und Willen, was zu ändern, ich großen Respekt hatte.

Danach folgten ein beruflich bedingter Besuch in einer Maschinenfabrik in Leipzig, zur Abschätzung, ob etwas zu retten und zu erhalten wäre. Ich erinnere mich noch an die Taxi-Fahrt durch Leipzig. Als ich durch das Fenster schaute, sahen die Häuserfluchten mit einigen Geschäften im Erdgeschoss ganz passabel aus. Ich dachte noch so bei mir ‘so schlimm ist es doch gar nicht’. Dann beugte ich mich mit dem Kopf irgendwann ans Fenster, um mehr als die Erdgeschosse der Bauten zu sehen. Da kam der Schock: Im Erdgeschoss hatte man Spanplatten vor die Hauswände montiert und mit Farbe restauriert. Aber ab dem ersten Stock bis zum Dach bröckelten die Fassaden. Insgesamt war diese Reise ein sehr deprimierendes Erlebnis, da dort sehr viel Verfall zu beobachten war und wir das besuchte Werk als ziemlich hoffnungslos und nicht zu retten ansehen mussten.

Privat bin ich dann mit meiner Frau und meinen damals noch kleinen Kindern im Frühling 1990 nach Eisennach gefahren und war begeistert, die Wartburg und die Stadt besuchen zu können. Aber auch hier die bittere Erkenntnis, das abseits der Hauptviertel, die von der Bausubstand noch sehr anschaulich und wohl zu DDR-Zeiten noch restauriert worden waren, in den Nebenstraßen fast alle Gebäude im Zerfall begriffen waren.

Spätere Erinnerungen: Was war gut

In den Jahren seit dem Mauerfall und dem Anschluss der neuen Bundesländer an Westdeutschland habe ich so einige Gegenden in den östlichen Bundesländern besucht. Genial finde ich, dass jetzt allen Deutschen der Besuch der Ostsee-Küste möglich ist. Ich habe mit meiner Frau schöne Urlaube auf Rügen, in Kühlungsborn und Umgebung samt Stippvisite nach Usedom verbracht. Auch der Darß, samt dem ‘Bonzendorf’ Born, diente uns mehrfach als Urlaubsdomizil.

Besuche in Görlitz, als die Stadt bereits renoviert war, Stippvisiten nach Erfurt aber auch wandern in der sächsischen Schweiz, Bastei, die historischen Gebäude von Dresden sind schöne Erinnerungen. Und manchmal war es da, das Gefühl ‘hier ist der auch von dir gezahlte Soli doch gut angelegt worden’.


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Abseits der doch manchmal etwas unterkühlten Bewohner im Örtchen Born habe ich sehr interessante Gespräche mit ehemaligen DDR-Bürgern führen können. Es gab die Personen, die sich als ‘Wendeverlierer’ sahen und alte Verhältnisse zurück sehnten. Aber es gab auch im Osten viele Menschen, die mir sagten ‘es ist manches schwieriger geworden, aber wir wollen nicht zurück, die Freiheiten und Möglichkeiten, die wir heute haben, sind uns mehr wert`.

Auch großartige Köpfe wie Jan Josef Liefers, Claudia Michelsen, Nadja Uhl, Manfred Krug sowie viele andere Schauspieler und Künstler gehören für mich zu den Menschen, die nach der Wende gezeigt haben, dass man es schaffen kann. Man mag zu ihrer Politik stehen, wie man will, auch die Pfarrers-Tochter Angela Merkel, hat Deutschland stark geprägt.

Aber es gibt auch die Schatten

Leider wird dieses Bild von den im Osten stattfindenden rechtsradikalen Vorfällen inzwischen stark getrübt – diese Bereiche sind inzwischen ein No Go-Gebiet für mich. Mit Bedauern muss ich daher die ehemaligen Bürger der DDR inzwischen in zwei Gruppen unterteilen: Die Menschen, die das Leben in die Hand genommen haben und in Deutschland bzw. in der Gesellschaft angekommen sind. In dieser Gruppe sehe ich keine Menschen 2. Klasse. Und es gibt bedauerlicherweise die Menschen, die sich als ‘Wendeverlierer’ sehen, alles schlecht reden und sich selbst zum ‘Opfer’ stilisieren. Der Turm mit Jan Josef Liefers beleuchtet im Rückblick wie es damals war (Video Teil 1). Wer so etwas zurück sehnt, muss in meinen Augen schon speziell sein oder sich selbst belügen. Wenn ich dann noch Leute im Alter von 30 Jahren in dieser Gruppe sehe, fällt es mir sehr schwer, das zu verstehen.

So habe ich persönlich sehr gemischte Gefühle an diesem Tag: Es gibt viel schönes, auf das man blicken kann, und ich weiß auch, dass viele Leser meiner Werke aus den östlichen Bundesländern kommen. Aber es gibt auch Schatten, die nicht nicht weg zu diskutieren sind, und die ich sehr schade finde. Welche Gedanken hegen Sie an diesem Tag? Welche Erinnerungen an die Zeit kurz vor und nach der Wende gibt es? Wie stellt sich die Situation heute dar?


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