Wenn die SmartWatch oder der Fitness-Tracker zum Risiko wird

Gesundheit (Pexels, frei verwendbar)Für viele Menschen gehören Fitnessarmbänder (Fitness-Tracker) oder intelligente Uhren (die sogenannten SmartWatches) zum Alltag, um die Aktivitäten oder Gesundheitsdaten zu erfassen. Insbesondere die Erfassung von Herzrhythmusstörungen, wie sie manche SmartWatches bieten, können hilfreich sein. Aber die Geräte bergen auch Gefahren für die mentale Gesundheit der Träger.


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Überall trifft man auf Fitnessarmbänder, selbst Discounter bieten diese Geräte inzwischen an. Um den Arm getragen, erfassen sie die täglichen Bewegungseinheiten – und Bewegung wird ja allgemein als positiv und gesund angesehen. Über das Smartphone kann man dann sogar noch weitere Daten wie ggf. Puls oder Schlafdauer erfassen und mittels Apps auswerten. Manche dieser Geräte wie SmartWatches sind regelrechte Überwachungs- und Kommunikationszentralen geworden, über die sich sogar Anrufe und Nachrichten empfangen lassen. Und moderne Smartwatches können sogar die Herzfrequenz überwachen, ein EK anfertigen und den Träger bei Problemen alarmieren. Aber das ruft neue Gefahren herauf, speziell bei Hypochondern.

Eigene Erfahrungen

Ich selbst stehe mit diesen sogenannten Wearables etwas auf Kriegsfuß. Vor zig Jahren hatte ich die ersten Fitness-Tracker zum Testen in Gebrauch. Mein Problem: Ständig tragen mochte ich diese Teile nicht, und wenn ich dann zur täglichen Nordic-Walking-Runde aufbrach, habe ich vergessen, dass Armband mit dem Sensor anzulegen. Meist kam irgendwo im Wald die Erkenntnis: Mist, jetzt hast Du den Fitness-Tracker vergessen. Oder ich wollte das Armband schnell anlegen, musste dann aber feststellen, dass dessen Akku nicht aufgeladen war.

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Lange Rede kurzer Sinn: Ich brauchte Wochen, bis ich so ein Teil halbwegs getestet hatte. Und die Anbindung an ein Smartphone war auch nicht immer problemlos. Ich habe die Geräte meist verschenkt. Das letzte Exemplar hat meine Frau gelegentlich in Gebrauch. Es ist zwar erstaunlich, wie viele Schritte sie am Tag macht, wenn sie das Armband trägt. Aber auch da gab es regelmäßig Flüche, wenn der Fitness-Tracker nach einer Entladung und anschließender Aufladung plötzlich eine andere Uhrzeit einstellte und der Tracker mitten auf einem längeren Walking-Parcours plötzlich die Schrittzahl auf 0 zurückstellte, weil er glaubte, es sei Mitternacht. Meine Frau hätte die Uhrzeit ständig mit dem Smartphone synchronisieren müssen, was sie aber nicht machte. Nicht so ganz optimal, das Ganze – aber moderne Fitness-Tracker sind da möglicherweise besser handhabbar.

Ich selbst habe das Problem der Messung meiner Schrittzahl auf Nordic-Walking-Touren oder Spaziergängen anders gelöst. Aus Sicherheitsgründen habe ich da immer ein Smartphone dabei. Und auf diesem Smartphone läuft ein Schrittzähler als App mit. Man kann Accupedo oder ähnliche Apps für Android-Geräte verwenden. Ich selbst setze eigentlich seit Jahren Google Fit ein, auch wenn viele Leute das aus Datenschutzgründen als nicht so optimal ansehen (siehe Google Fit: Dein Android-Gerät als Fitness-Tracker). Da ich aber die GPS-Positionserfassung ausgeschaltet lasse und nichts mit Google-Konten synchronisiere, ist der Datenschutz für mich aktuell ausreichend berücksichtigt. Und nach einem schweren Sportunfall hat mir die App bei der Abschätzung, wie viele Kilometer ich so täglich zurücklegen konnte, und wie die Fitness war, geholfen.

Auch die Ermittlung der Kardiopunkte für bestimmte Bewegungseinheiten halte ich für hilfreich. Mit 150 Kardiopunkten pro Woche entspricht man den Empfehlungen der World Health Organization in Punkt Bewegung und Herz-/Kreislauf-Gesundheit. Oft habe ich diese Punktzahl bereits nach zwei oder drei Tagen erreicht. Und wenn ich mal eine Woche diesen Wert von 150 Kardiopunkten nicht erreiche, ist das auch kein Beinbruch – mein Jahr hat immerhin 52 Wochen.

Hinzu kommt, dass ich meinen Blutdruck über ein Messgerät so gut wie täglich erfasse und notiere, um ggf. auch die erforderliche Medikation anpassen zu können und eine Übersicht zum Langzeitverlauf zu erhalten. Gibt es mal eine Spitze nach oben, ist dies für mich nicht tragisch, es kommt auf den Trend an. Nur wenn der Blutdruck morgens bereits unter Schwellwerte wie 114/75 mm Hg sinkt, muss ich aufpassen. Denn dann laufe ich in Gefahr von Schwäche- und Schwindelanfällen. Dann muss ich nicht noch einen Blutdrucksenker einnehmen, der das Ganze weitere 10 mm Hg absenkt. Ein Glas Rote Beete-Saft sorgt für den Ausgleich. So fahre ich seit vielen Jahren in einem aus meiner Sicht optimalen Band an Blutdruckwerten.


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Aus den vergangenen Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein sogenanntes Monitoring spezifischer Gesundheitsdaten hilfreich ist, man sollte sich aber nicht zum Sklaven der Geräte machen und die Messwerte auch mit Sinn und Verstand interpretieren. Wenn ich halt mal einen Tag einen etwas höheren Blutdruck habe, der sich aber an den Folgetagen normalisiert, kann ich das sehr schnell sehen. Und wenn die Zahl der Schritte mal in einer Woche stark zurück geht, kenne ich in der Regel auch den Grund (Witterung schlecht, gesundheitliches Tief, keine Zeit, oder schlicht das Handy vergessen). Am Ende des Tages steht bei mir die Einstellung Immer schön locker bleiben, es wird schon, so dass ich die Möglichkeiten dieser modernen Technik als positiv empfinde. Das trifft aber wohl nicht für jede Person zu.

Risiko für die mentale Gesundheit

Ich hatte es bereits vor einigen Wochen mitbekommen, bin die Tage aber erneut über diesen Artikel auf das Thema aufmerksam geworden. Die US-Kardiologin Dr. Lindsey Rosman hat bereits im Jahr 2020 den Artikel When smartwatches contribute to health anxiety in patients with atrial fibrillation publiziert. Dort geht es um die Beobachtung, dass Smartwatches für Patienten mit Vorhofflimmern zu regelrechter Gesundheitsangst beitragen können.

Smartwatch und Gesundheit

Obiger Tweet verweist auf ein Interview, dass die Medizinerin im August 2021 mit einem amerikanischen Technik-Magazin geführt hat. In der oben erwähnten Studie führt die Kardiologin den Fall einer 70 jährigen Patientin mit Vorhofflimmern an. Die Dame hatte sich eine Smartwatch gekauft, die auch ein einfaches EKG durchführen kann (ich hatte im Blog-Beitrag Die EKG-Funktion der Apple Watch 4 ist ganz gut berichtet, dass die SmartWatch der Firma Apple diesbezüglich als ganz gut eingeschätzt wird).

Bei der Patientin erwies sich diese Smartwatch aber als kontraproduktiv, da die Frau nach einem Jahr regelrechte Gesundheitsängste entwickelt hatte. Die Smartwatch kann die Herzfrequenz überwachen und bei unregelmäßigem Herzschlag einen Alarm mit Benachrichtigung auslösen. Die Vermutung der Ärzte ist, dass die kontinuierliche Überwachung der Herzfrequenz und die dann auftretenden häufigen Benachrichtigungen der Smartwatch die Patientin schlicht nervös machten und aufregten. Infolge dieser Ängste stieg die Herzfrequenz, um später wieder zu sinken. Dies löst dann weitere Alarme der Smartwatch aus – ein Teufelskreis – und die Patientin entwickelte die Annahme, dass die Messergebnisse der Uhr mit der Verschlechterung ihrer Herzgesundheit einhergehen würden.

Arzt
(Quelle: Pexels/Pixabay CC0 Lizenz)

Die Ärzte versicherten der Frau, dass das Herz weitgehend in Ordnung sei und die Befürchtungen grundlos waren. Aber die Dame ließ sich davon nicht beunruhigen, am Ende des Jahres schlugen zwölf Besuche in Ambulanzkliniken und Notaufnahmen sowie in zahlreiche Telefonate mit Gesundheitsdienstleistern in Amerika zu Buche. Am Ende des Jahres hatte die Patientin eine hypochondrische Störung entwickelt. Und diese Patientin sei kein Einzelfall, gab die Kardiologin zu Protokoll.

Patienten mit Arrhythmien, Palpitationen und unregelmäßigem Herzschlag kämen in den USA immer häufiger mit regelrechten Stapeln an Daten ihrer Smartwatches in die Kliniken. Aber den Ärzten fehlt schlicht die Zeit, diese Unterlagen auszuwerten und auf die Ängste der Patienten einzugehen – das Vertrauen zwischen Arzt und Patient könnte Schaden nehmen. Auch im oben verlinkten Artikel wird auf diesen Beitrag des Sportsoziologe Robert Gugutzer hingewiesen. Dessen Aussagen:

Viele der Nutzer stellen diese Daten nicht selten über den Rat von Medizinerinnen und Ärzten. Hinzu kommt, dass Nutzer gerade dann, wenn sie sich erst kürzlich für das Self-Tracking entschieden haben, suchtartige Verhaltensweisen entwickeln können: Sie gehen zum Beispiel gegen Mitternacht noch einmal raus, um die an diesem Tag erforderliche Schrittzahl zu erreichen.

"Was die App sagt, ist Gesetz", zitiert der Sportsoziologe eine von ihm untersuchte Self-Trackerin. Das ist dann die große Gefahr von Fitnesstrackern und Smartwatches – wer sich zum Sklaven der Geräte macht, tut seiner Gesundheit schlicht nichts gutes. Also immer im Sinne von Ludwig Erhard Maß halten und einen großen mentalen Abstand zu den Messdaten halten. Wenn die Woche gut gelaufen ist, sollte man sich freuen. Wurden in einer Woche mal die geplanten Leistungsdaten nicht erreicht, sich zurücklehnen, vielleicht ergründen, woran es lag und dann die richtigen Schlüsse ziehen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, es gibt Phasen, wo in einer Woche plötzlich drei oder vier Tage kaum Bewegungen aufgezeichnet wurden. Dann kenne ich aber die Gründe (es hat vielleicht wochenlang in Strömen geregnet, es herrschte Eisglätte und Schnee, ich war auf Reisen oder hatte schlicht gesundheitlich eine schlechte Woche, wo wenig Sport möglich war). Ja, und es gibt auch die Fälle, wo ich schlicht irgendwohin gelaufen bin, aber das Handy zum Aufzeichnen der Schritte schlicht vergessen habe – ein Weg zum Bäcker schlägt am Ende des Tages mit 1,6 km zu Buche.

Die Tage bin ich zum Sport (die 1 Stunde intensive Bewegung wird vom Handy nicht aufgezeichnet) und dann im Anschluss zu einem Arzt, ein Rezept abholen, zurück zur Wohnung und dann zur Apotheke. Da ich alles in unserem Ort zu Fuß erledigte, waren anschließend um die 4 km aufgezeichnet worden. Und die vielen Schritte im Haus, die nicht aufgezeichnet werden, tragen auch zur Bilanz bei.

Mit der nötigen Gelassenheit kann man daher auf die aufgezeichneten Werte reagieren und weiß, ob man lediglich dem inneren Schweinehund nachgegeben hat, oder warum die eigenen Bewegungsziele nicht erreicht werden konnten.

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2 Antworten zu Wenn die SmartWatch oder der Fitness-Tracker zum Risiko wird

  1. Mance sagt:

    Unfaßbar was du uns, auch über deine eigenen Erfahrungen, hier erzählst. Und wenn schon Schrittzähler dann einen mech. den man am Hosenbund einklipst. Hab auch mal so ein Teil angeschafft aber hauptsächlich aus techn. Interesse. Wollte sehen ob man damit auch die zurückgelegte Laufstrecke messen kann. Hat nicht schlecht funktioniert. Nachdem ich ihn dann auch noch auseinandergebaut hatte um zu sehen wie der funktioniert, habe ich dann das Interesse daran verloren.
    Obwohl ich, wie schon an anderer Stelle berichtet, von meinem neuen Smartphone total angefixt bin, kommt dieses Segment bei mir nie und nimmer in Frage. Ich werde mir mein eigenes gutes Körpergefühl nicht von (sorry) so einem Mist versauen lassen. Es ist mir auch noch nie in den Sinn gekommen unterwegs mal meinen Puls zu messen. Solange ich noch ohne Luftnot laufen kann ist alles ok; der Puls wird schon richtig sein.
    Aber ich bin auch in meiner Jugend schon darauf geeicht worden. Damals, wo es diesen Krimskrams noch nicht gab wußte man, wenn man am Ende eines Wettlaufs kotzen mußte, dann war man nah an seine Leistungsgrenze gekommen.
    Mann, bin ich froh noch in einer Zeit aufgewachsen zu sein wo man das Leben auch ohne Computer gemeistert hat. Man hat dadurch eine ganz andere Sicht der Dinge wie die Generation, die ein Leben ohne Computer garnicht kennt.

  2. nook sagt:

    Ich hatte mich mal ein wenig eingelesen. Warum soll ich ein Konto einrichten, mich registrieren, Daten liefern? Pure offline Nutzung dieser Smartwatches wird schwierig.
    Landete dann bei Gadgetbridge (F-droid) als quelloffene Tracking App mit einigen kompatiblen Modellen und habe die Investition verworfen.

    Es gibt noch einen Punkt, der Datenschutz.

    Ist schon länger her als ich von joggenden Soldaten um ihren Standort im nahen Osten las.
    Die Bewegungsdaten in die cloud geladen, die Tracker app connected nebenbei noch facebook und schon weiß der Feind wie viele GI`s wo laufen.

    Dumm gelaufen … ;-)

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