Apotheker warnen vor Lieferengpässen bei Medikamenten (2022)

Gesundheit (Pexels, frei verwendbar)Es ist ein Drama: Wir sind ein reiches Land mit eigentlich guter Gesundheitsversorgung. Aber in Deutschland werden die Medikamente knapp. Das gilt für Krebstherapeutika, die nicht oder immer schwieriger erhältlich sind. Das gilt aber auch für Fiebersäfte für Kinder, wo Kinderärzte eine deutliche Warnung vor Engpässen aussprechen. Laut einer Warnung des Deutsche Apothekerverband sind aktuell 250 Medikamente nicht lieferbar. Und das sind keinesfalls Nischenprodukte, sondern auch Medikamente gegen Diabetes oder Bluthochdruck fallen bereits als "aktuell nicht lieferbar" auf.


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Das Thema beschäftigt die Fachleute bereits seit Jahren. Ich habe diesen Beitrag der Deutsche Welle aus 2020 gefunden, wo es um Medikamentenengpässe im Angesicht der Coronavirus-Krise ging. Dort wurde die Rückverlagerung der Medikamentenproduktion aus dem Ausland analysiert, um Lieferkettenprobleme zu vermeiden. Problem ist, dass viele Vorprodukte oder Wirkstoffe für Medikamente, oder die Medikamente selbst, aus Asien kommen. Fallen die Lieferketten aus, stockt die Lieferbarkeit der Medikamente in Deutschland. Zitat von Ulrike Holzgrabe, die an der Universität Würzburg Pharmazie lehrt, aus dem DW-Artikel: Lieferengpässe sind ein Thema, das jetzt schon seit Jahren gärt. Und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer.

Medikamente
(Quelle: Pexels, CC0 Lizenz)

Geht man auf die Internetseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), erfährt man, dass eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Paracetamol- und Ibuprofen-haltigen Fiebersäften für Kinder besteht. Eine Datenbank der Behörde listet eine Reihe weiterer Medikamente für den Einsatz im Humanbereich auf, für die es Lieferengpässe gibt. Auch die Gelbe Liste führt eine ganze Reihe an Medikamenten auf, bei denen es Lieferengpässe gibt.

Krebstherapeutika und Schlaganfall-Medikament

Im Frühjahr 2022 kam es bei Krebstherapeutika mit dem Wirkstoff Tamoxifen (wird bei Brustkrebs eingesetzt), zu einem gravierenden Engpass (siehe auch auf der BfArM-Seite, auf dieser Informationsseite und hier).

Das nächste Drama entwickelt sich beim Schlaganfall-Medikament Actilyse, welches von Boehringer Ingelheim im Werk Biberach hergestellt wird. Das Medikament wird von Medizinern bei Schlaganfällen zur Lyse, also der Auflösung des Blutgerinsels in den verstopften Adern eingesetzt. Aktuell ist es wohl so, dass die weltweite Nachfrage nach dem Medikament die Produktionsmenge übersteigt.

Zur Zeit werden die abgegebenen Packungsgrößen reduziert, um Abfall zu vermeiden. Zudem versuchen manche Kliniken die Dosierung bei Patienten zu reduzieren. Je nach medizinischer Indikation setzen die Ärzte aber auf andere Verfahren wie  Thrombektomie (der Blutpfropf wird per Katheder aus dem verstopften Blutgefäß entfernt). Die Zeit hat diesen Artikel rund um die aktuelle Situation veröffentlicht.

Der Deutsche Apothekerverband schlägt Alarm

Der Deutsche Apothekerverband hat die Woche Alarm geschlagen und der Vizevorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann, sagte der Nachrichtenagentur DPA:

Über 250 Mittel sind aktuell als nicht lieferfähig gemeldet. Das Problem ist schon sehr bedeutend, das muss man klar sagen. Lieferengpässe gibt es immer wieder mal, weil ein Produzent ausfällt, aber die Menge und die Länge des Ausfalls ist deutlich dramatischer geworden.


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Die Tagesschau, die die DPA-Meldung aufgegriffen hat, schreibt hier davon, dass es nicht nur Probleme bei Nischenprodukten gebe. Sondern Engpässe treten auch bei gängigen Mitteln gegen Bluthochdruck und Diabetes auf. Selbst Schmerzmittel wie Ibuprofen seien zeitweise nicht erhältlich gewesen. Vor fünf Jahren seien zahlenmäßig nicht einmal halb so viele Produkte betroffen gewesen, heißt es in diesem Bericht.

Verschiedene Gründe für den Mangel

Die Gründe für den die eingeschränkte Verfügbarkeit von Fiebersäften für Kinder mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen sind laut BfArM neben dem Rückzug eines Marktteilnehmers auch ein Verteilproblem. Zudem ist wohl der Bedarf nach diesen Mitteln gestiegen. Der absolute Mangel am Brustkrebsmittel Tamoxifen im April und Mai 2022 sei schon gesundheitsgefährdend für die betroffenen Krebspatienten und – patientinnen gewesen. Die Behörde empfiehlt als Reaktion auf den Mangel die Abgabe kleinerer Packungen.

Problem ist, dass die Herstellung mancher Medikamente (wie z.B. das Fiebermittel für Kinder) für die Hersteller nicht mehr wirtschaftlich sei. Grund seien Festbeträge und Druck der Krankenkassen auf die Hersteller. Vor 12 Jahren gab es wohl noch 11 Anbieter für Paracetamol-Säfte zur Fiebersenkung, heute ist noch ein Hersteller tätig. Das Problem, laut Branchenverband, warum die Hersteller aufgeben: die Festbeträge, die für die Medikamente gezahlt werden, sind seit zehn Jahren gleich, während die Preise für Energie, Logistik und Wirkstoffe in dieser Zeit gestiegen sind. Ob es nun ein Umdenken in der Pharma-Branche und im Gesundheitswesen gibt?


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