KI-Splitter #2: Fährt die Branche mit Karacho gegen die Wand?

CopilotDerzeit gibt es spannende Entwicklungen im Umfeld der KI-Blase. Um die hochfliegenden Pläne umzusetzen, müsste die KI-Branche Rechenzentren ohne Ende bauen, scheitert in den USA aber am Widerstand der Anwohner. Und es gibt noch eine Entwicklung: Firmen müssen ihr KI-Abon kündigen, weil Jahresbudgets binnen Wochen abgefackelt wurden. Sehen wir gerade, wie die KI-Branche mit Karacho gegen die Wand fährt?

Geht es nach den Prognosen oder dem Willen der KI-Apologeten stehen wir vor einem beispiellosen Wandel der menschlichen Arbeitswelt. Große Teile der heutigen Beschäftigten werden nicht mehr gebraucht, wie KI die Aufgaben übernimmt. Auf der anderen Seite müssten zur Umsetzung dieser Pläne KI-Rechenzentren auf Teufel komm raus in die Landschaft gebaut werden.

Ich hatte bereits frühzeitig auf einige Fehler in solchen Gleichungen hingewiesen, und unter anderem den Finger auf den wunden Punkt "Energieverbrauch" gelegt. Der prognostizierte Energieverbrauch der KI-Rechenzentren übersteigt alles, was Regionen und Länder überhaupt leisten können. Auch die Wirtschaftlichkeit der KI-Investitionen hatte ich mehrfach in Frage gestellt.

Ausbauflaute bei KI-Rechenzentren

Die am Beitragsende verlinkten Artikel geben einen Abriss dieser Aspekte. Im Beitrag Sehen wir gerade erste Zeichen, dass die AI-Blase platzt? hatte ich Anfang 2026 konstatiert, dass das aktuelle Jahr essentiell für das "Fortbestehen der KI-Branche" sei. Damals deutete sich an, dass der Rechenzentrumsbau in den USA stark gebremst wird und zum Erliegen kommen könnte.

  • Astronomische Preissteigerung bei der Hardware sowie fehlende Handwerker haben die hochfliegenden Pläne an der harten Realität zerschellen lassen. Inzwischen bezahlt jeder Verbraucher, der sich Smartphones oder Rechnerhardware zulegen will, die KI-Zeche über drastisch gesteigerte Hardware-Preise.
  • Vor zwei Jahren hörte man noch von phantastischen Plänen von Firmen wie Microsoft, die den Energiebedarf der KI-Rechenzentren ab 2028 mit Fusionskraftwerken decken wollten. Die Tage lese ich, dass die Firmen ihre CO2-Klimaziele kassieren, weil die Emissionen längst jegliches vernünftige Maß übersteigen. Und Anrainer von KI-Rechenzentren in den USA machen die unangenehme Erfahrung, dass sie die Zeche über höhere Stromkosten zahlen.

Aber nun gibt es eine weitere spannende Erkenntnis. Vor ca. zwei Wochen ging eine Meldung durch die Presse, dass ein vom US-Konzern Edgeconne geplantes (KI-)Rechenzentrum im hessischen Maintal erst einmal auf Eis gelegt hat. Hintergrund waren Proteste und ein Votum der lokalen Politik gegen das Projekt in der geplanten Form. Golem hat es zufällig die Tage in diesem Artikel nachbereitet – typisch deutsch, einfach gegen alles dagegen?

Das Wasserproblem

Es waren eine Reihe Tweets, die mir Anfang Mai 2026 von einem Kanal Rainmaker1973 unterkamen, die mich aufmerken ließen. Den Kanal verfolge ich seit Jahren und der Betreiber hatte mit KI nichts am Hut. In einem ersten Tweet wurde der Vorfall thematisiert, dass ein im Bau befindliches Rechenzentrum in Fayetteville, Georgia, heimlich rund 113 Millionen Liter Wasser über zwei nicht genehmigte Industrieanschlüsse entnommen habe, von denen der örtliche Versorgungsbetrieb nichts wusste. Ein Anschluss war ohne Genehmigung installiert worden, der andere war nicht mit einem Abrechnungskonto verknüpft. Golem hatte dies zum 12. Mai 2026 im Beitrag Rechenzentrum bezieht unbemerkt Millionen Liter Wasser aufgegriffen.

Die Tagesschau hatte bereits Mitte März 2026 das Thema Kühlwasser für Rechenzentren im Beitrag Umweltschäden in den USA: Wie Rechenzentren Utah trockenlegen berichtet.

Und das Energieproblem

Und dann gibt es noch das Energieproblem: Wo soll der Strom für den Betrieb der gigantischen Rechenzentren her kommen? Nachfolgender Tweet stach mir ins Auge, weil er ein riesiges neues Hyperscale-Rechenzentrumsprojekt namens "Stratos" in Box Elder County in Utah thematisiert. Das Rechenzentrum soll nach Planungen bis zu 9 Gigawatt Strom benötigen – mehr als doppelt so viel wie der gesamte Stromverbrauch des gesamten Bundesstaates.

KI-Rechenzentrum in Utah

Der Tweet versucht es plastisch darzustellen: Das sei täglich die Energiemengen von 23 Atombomben, die in Utah im Rechenzentrum in Abwärme umgesetzt werde. Der Tweet zitiert Robert Davies, Physikprofessor an der Utah State University, nachdem die Anlage zusätzlich 7 bis 8 Gigawatt Wärme erzeugen würde. Dies bedeutet eine Gesamtwärmeleistung von rund 16 Gigawatt an einem einzigen Standort. Die lokalen Temperaturen könnten tagsüber um etwa 2,8 °C und nachts um erstaunliche 15,6 °C steigen, und das in einem bereits sehr heißen Gebiet.

Einerseits sind Rechenzentren das Rückgrat der künstlichen Intelligenz, werden sie doch für jede KI-Abfrage, jedes Bild und jeden Trainingslauf unverzichtbar. Das Stratos-Projekt wirft nun eine entscheidende Frage auf: Kann die gewaltige Infrastruktur hinter der KI ausgebaut werden, ohne die Gemeinden und Landschaften, in denen sie errichtet wird, nachhaltig zu verändern und zu überlasten?

USA: Rechenzentren werden politisch gestoppt

Die Antwort auf diese Frage wird in den USA immer häufiger mit Nein beantwortet. Ich bin im gleichen Zeitraum auf folgenden Tweet gestoßen, der gestoppte Rechenzentrumsprojekte in den USA thematisiert.

KI-Rechenzentrum Stopp in den USA

Mit der Notwendigkeit, die lokalen Stromnetze und die Wasserversorgung zu schützen, als Begründung, wehren sich immer mehr Städte, Landkreise und Gemeinden vehement gegen das explosive Wachstum von KI-Rechenzentren.

Die Gemeinden sind alarmiert über den massiven Ressourcenbedarf dieser Anlagen: enormer Stromverbrauch, Millionen Liter Wasser für die Kühlung, steigende Versorgungskosten, ständiger Lärm und der Verlust der lokalen Kontrolle über die Landnutzung. Was einst als wirtschaftliche Entwicklung begrüßt wurde, löst nun heftige Debatten über Nachhaltigkeit und Lebensqualität aus.

Mindestens 69 Behörden in den Vereinigten Staaten haben Beschränkungen oder sogar vollständige Moratorien für den Bau neuer Rechenzentren erlassen – vier dieser Verbote wurden dauerhaft verordnet, heißt es in obigem Tweet.

Der Wendepunkt sei durch Michigan getriggert worden, wo ein riesiges KI-Rechenzentrumsprojekt, das von OpenAI und Oracle unterstützt wurde, trotz starker lokaler Opposition genehmigt wurde. Die Entscheidung löste einen Dominoeffekt aus, und benachbarte Städte beeilten sich, eigene Verbote zu erlassen, um ähnliche Entwicklungen zu verhindern.

Während die Tech-Giganten um den Bau der für fortschrittliche KI erforderlichen Infrastruktur wetteifern, stoßen sie zunehmend auf Widerstand von Gemeinden, die nicht bereit sind, ihre Umwelt und Ressourcen für die Expansion von Unternehmen zu opfern. Auch The Register hat das reinige Energieproblem kürzlich in diesem Artikel angesprochen. Und wie es der Zufall so will, n-tv hat die Entwicklung die Tage im Beitrag Ruf nach Regulierung: In den USA rollt eine Wutwelle gegen KI aufgefangen. Wut-Bürger in den USA? Die digitale Revolution kollidiert nun mit der Realität, und das nicht in Deutschland, sondern in den USA mit seinen angeblich grenzenlosen Möglichkeiten.

In diesem Tweet wird Goldman Sachs zudem zitiert, dass die KI bereits jeden Monat rund 16.000 Arbeitsplätze in den USA vernichtet. Die größten Verlierer seien Arbeitnehmer der Generation Z, da Unternehmen einfache Bürojobs zunehmend mit KI automatisieren. Da wird eine Generation an "Verlierern am Job-Markt" heran gezüchtet, die sich gegen die KI-Protagonisten stellen wird. Keine guten Aussichten.

KI-Kosten fliegen Firmen um die Ohren

Und es gibt noch eine Entwicklung, die die letzten Tage bekannt wurde, die zeigt, dass die KI-Blase so langsam auf einen Knall zu rast. Auf n-tv las ich die Tage in diesem Artikel, dass US-Unternehmen wie Amazon und Meta ihre Mitarbeiter dazu drängen, KI auf Teufel komm raus zu nutzen, koste es, was es wolle. Führt dazu, dass Mitarbeiter ihre Mails mit KI sortieren lassen, um den Nachweis der KI-Nutzung gegenüber dem Arbeitgeber zu erbringen. Erzeugt gigantische Kosten, die den Unternehmen auf die Füße fallen, was nachfolgender Tweet thematisiert.

KI-Kostenexplosion

Der freundliche Herr unten auf dem Foto ist doch der, der immer erzählt, dass die Anwender doch tunlichst KI in Microsoft-Produkten nutzen sollen, weil sonst die Welt untergeht. Auch in seinem Unternehmen der nette Herr Nadella seinen Microsoft-Mitarbeitern einen strammen KI-Kurs verordnete , wer nicht spurt, kann gehen.

KI-Kostenexplosion

Geht aber ins Auge, wie wir gerade lernen. The Next Web fasst es hier zusammen: Im Dezember 2025 teilte Microsoft Tausenden seiner Software-Entwickler, Produktmanager und Designer mit, dass sie "Claude Code", den Befehlszeilen-Codierungsagenten von Anthropic, auf Kosten des Unternehmens nutzen dürften. War ein voller Erfolg, das Tool setzte sich bei Microsoft durch.

Microsoft wird die meisten internen Lizenzen für Claude-Code von Anthropic bis zum 30. Juni 2026 kündigen. Die Nutzer müssen auf die eigene GitHub Copilot CLI umsteigen. Tieferer Grund sind (hinter vorgehaltener Hand) die steigende tokenbasierte Kosten durch die Nutzung.

Als Referenz wird die Mitteilung des CTO von Uber genannt. Dieser hatte kürzlich mitgeteilt, dass das Unternehmen sein gesamtes KI-Budget für 2026 bereits in nur vier Monaten aufgebraucht habe. Zurückgeführt wurde das auf die intensive Nutzung von Claude durch Tausende von Entwicklern. Andererseits stellt Microsoft bei GitHub seine Copilot-Nutzung ab dem 1. Juni auf eine nutzungsbasierte Abrechnung mit höheren Token-Preisen um (siehe Microsoft stellt GitHub Copilot ab Juni 2026 auf "Token-based" Billing um).

KI-Kostenexplosion

Das ist bislang deutlichste Anzeichen dafür, dass die Wirtschaftlichkeit der KI-Programmierung für Unternehmen bei den aktuellen Token-Preisen nicht funktioniert. Obiger Tweet thematisiert die Entwicklung und zitiert Anthropic CEO Dario Amodei, der prognostiziert, dass die Hälfte aller Claude-Code-Abonnements in den nächsten 6 bis 12 Monaten komplett wegfallen könnte. Heißt, dass die schönen Modellrechnungen, dass mit viel AI-Klimbim die Produktivität steigt, gerade pulverisiert wird. Es steigen nur die Kosten und die Risiken.

Der Vizepräsident für angewandtes Deep Learning bei Nvidia räumte ein, dass die Rechenkosten für sein Team mittlerweile weit höher sind als die tatsächlichen Gehälter seiner Mitarbeiter. Die Banker der Wallstreet glaubten, dass KI-Chips die Kosten dieses Problem automatisch lösen. Aber die KI-Agenten laufen diesem Ansatz entgegen. In diesem Tweet wird Gartner zitiert: Selbst wenn die Preise pro Token bis 2030 um 90 % fallen sollten, werden die Gesamtkosten für Unternehmen weiter steigen. Grund ist, dass aktive KI-Agenten kontinuierlich laufen und riesige Konversationsverläufe erneut senden. Dadurch erhöht sich der Token-Verbrauch pro Aufgabe bis zu 30-fach.

Sieht nach einer harten Bruchlandung für die Firmen aus. Und wenn diese Kennzahlen nicht stimmen, sieht es mit der Erzählung der gigantischen Investitionen in KI, die sich ja rechnen sollen, auch nicht mehr so rosig aus – obwohl Realisten schon immer die Zahlen und Ertragsmodelle der KI-Protagonisten angezweifelt haben.

Artikelreihe:
KI-Splitter #1: Die Enzyklika von Papst Leo XIV
KI-Splitter #2: Fährt die Branche mit Karacho gegen die Wand?

 

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5 Kommentare zu KI-Splitter #2: Fährt die Branche mit Karacho gegen die Wand?

  1. McAlex777 sagt:

    >> Fährt die Branche mit Karacho gegen die Wand?
    Vielleicht ist es am Ende des Tages für uns alle besser so …

  2. Chris sagt:

    KI ist nicht schlecht, aber zum Teil extrem ineffizient…

    Egal ob Claude, ChatGPT oder welches Modell auch immer, sobald es komplexer wird verbrennt man 50-75% seiner Token damit die KI Modelle anzuweisen seine eigenen Fehler zu korrigieren, oder doch bitte wieder Funktionen einzubauen, die das Modell im Zuge von Korrekturen unter den Tisch hat fallen lassen. Manchmal beschleicht mit das Gefühl, das die Modelle darauf trainiert sind Fehler zu machen um den Tokenverbrauch und damit den Umsatz zu erhöhen.

  3. M.D. sagt:

    Bitte WAS? Die erzeugen mit 9 GW elektrischer Leistung 16 GW Abwärme? Ernsthaft?

    • Günter Born sagt:

      Man könnte jetzt anfangen, zu rechnen – oder man nimmt sich die Berechnungen von Davis. Er postuliert, dass die 9 GW elektrische Leistung fast vollständig in thermische Leistung umgesetzt werden. Postuliert man nun noch 55% Wirkungsgrad zur Erzeugung des benötigten Stroms durch Gaskraftwerke, landen wir bei einer 16–17 GW thermische Eingangsleistung (Brennstoffenergie). Ok?

  4. xx sagt:

    Sieht eher nach einem unglaublichen Erfolg für die KI Firmen aus.
    Es schaffen nicht viele Firmen, Produkte zu bauen, die eine derart hohe Nachfrage haben, dass diese auf fundamentale Art nicht bedient werden kann.

    Natürlich hat ein dermassen starkes Wachstum auch zur Folge, dass manche Business Pläne nicht aufgehen werden.

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