Der beste Räucherfisch meines Lebens

Heute noch eine kleine Geschichte für Fisch-Liebhaber. Ein Urlaub an der Ostseeküste, auf dem Darß, und eine Fischräucherei, in der ich den bisher besten Räucherfisch meines Lebens bekommen habe.


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Man logiert in Born

Es ist schon einige Jahre her (konkret war es so um das Jahr 2005), als wir häufiger an die Ostsee (Kühlungsborn, Darß, Rügen) gefahren sind, um dort Urlaub zu machen. Zu DDR-Zeiten war das ja für uns Westler eine No-Go-Region. Zu den 'Ost-Reisen' gehörten auch mehrere Urlaubsaufenthalte auf Fischland, Darß, Zingst, die wir im Örtchen Born verbrachten.

Witzige Geschichte mit dem Ort, die für Verwechselungen sorgte. 'Name?' … 'Born'. Nein, ich meinte nicht den Ort Born, wo sie wohnen, sondern wie sie heißen. 'Senorina, isch 'eiße Günter Born'. Auf dem Meldezettel für die Kurverwaltung hieß es 'bitte tragen Sie unter Name ihren Familiennamen und nicht unseren Ortsnamen ein'. Nun ja, konnten wir klären. War ja auch eher Zufall, dass wir in diesem Ort Born gelandet sind. Bekannte von Bekannten hatten dort ein Ferienappartement, in welches wir uns eingemietet haben.

Haustür in Born/Darß
Haustür in Born/Darß

Das Örtchen Born war eigentlich Urlaubsresidenz der Parteibonzen in der früheren DDR, was ich aber nicht wusste – vor Ort aber an einigen Begebenheiten, lange nach der Wende, nachempfinden konnte. Ein Wahrzeichen des Orts waren besonders hübsch gestaltete Haustüren. Genial war, dass man vom Örtchen Born den gesamten Weststrand des Darß, von Arenshoop bis hoch nach Darßer Ort bequem erwandern konnte. Eine geniale Ecke, finde ich.

Darß: Weststrand
Darß: Weststrand

An was ich mich, außer geniale Landschaften im Naturschutzgebiet Weststrand (Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft), auch noch erinnere: Gut 100 Meter von unserem Haus gab es einen Fischhändler, der Räucherfisch verkaufte. War schon einen 'besondere Erfahrung', wenn ich in diesem Laden Butterfisch, Makrele etc. einkaufte. Der Chef bzw. Inhaber war in Ordnung – wenn aber die Angestellte da war, hatte man das Gefühl, da ist jemand beleidigt, weil sich ein Kunde zum Einkauf in den Laden verirrt hatte. Sei es drum …

Vom Fisch-Saulus zu Fisch-Paulus

Im Grunde ist es erstaunlich, dass ich jetzt im Alter eine Geschichte über Fisch schreibe. Als 'Kind der Eifel' kannte ich Fisch nur als 'stinkendes Etwas' in der Pfanne, mit dem sich ganze Landstriche entvölkern und Katzen anlocken ließen. Lediglich die eingelegten Bratheringe, die Mutter von einem fahrenden LKW, der auch Nudeln, Grieß, Sago, Kernseife und allerhand andere Sachen feilbot, kaufte, mochte ich wirklich. Rollmops gab es selten, konnte ich auch essen. Und Ölsardinen oder eingelegter Fisch aus der Dose.


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Aber irgendwann in meinen 20ern bin ich zum Fischliebhaber geworden. Ein Aufenthalt in Bremen hatte dafür gesorgt. Etwa 500 Meter von unserer Wohnung gab es einen Fischhändler, bei dem ich Samstags schon mal frischen Fisch oder Räucherfisch besorgte. Dieser Fischhändler legte die Basis für meine Liebe zum Fisch.

Und dann gab es noch den Kollegen, der mit mir in der Firma als junger Ingenieur angefangen hatte. Immer wenn wir nach Nordenham (gegenüber von Bremerhaven) in eines unserer Werke fuhren, um den Herstellprozess von Flugzeugbauteilen zu prüfen, kamen wir an am Straßenrand geparkten Fischbuden vorbei. Der Kollege musste regelmäßig anhalten, um sich ein Stück Räucherfisch zu kaufen. Und so bekam ich häufiger meine 'Ladung Fisch' ab.

Hinzu kam, dass es in jedem Discounter meist eine Frischfisch-Theke gab – und wir nicht nur häufiger Fisch, sondern auch Muscheln sowie Granat (ungepulte Nordseekrabben) kauften und verzehrten.

Meine Frau und meine Wenigkeit werden nie eine Episode vergessen. In Bremen-Aumund eröffnete ein neuer Supermarkt und als Angebot gab es 'Granat für 99 Pfennige'. Wir hatten keine Ahnung, was das wäre, verorteten dies aber ins Reich der Meerestiere. Meine Frau, die kurz nach dem Umzug nach Bremen auf Arbeitssuche war, nutzte das Eröffnungsangebot, um gegen 11:00 Uhr  'Granat zu kaufen'. War eine sehr angenehme Geschichte, in Bremen einzukaufen. Da stellte sich alles in die Schlange, niemand drängelte sich vor. Und als meine Frau dran war, antwortete sie auf die Frage 'Was darf es denn sein?' mit 'ein Granat'. Die Verkäuferin schaute verdutzt, berichtete meine Frau, hielt eine dieser kleinen ungepulten Krabben hoch und fragte 'Wirklich nur ein Granat?'. Meine Frau konnte dann die Situation retten, indem sie entgegnete 'na ja, so eine Hand voll – dass es für zwei Personen reicht'.

Na ja, wir waren jung, unerfahren und brauchten das Geld, wie es so schön heißt, wenn es um Jugendsünden geht ;-).

Und so haben wir nicht nur Granat und diverse andere Fische kennen gelernt – sondern unsere Wohnung war plötzlich Anlaufstelle, in der öfters mit Freunden oder beim Besuch der Familie aus der Eifel eine Pfanne Granat oder Miesmuscheln in Weißwein mit Baguette gegessen wurde. Ich glaube, ich war richtig gut, diese 'Muschel- oder Granat-Pfannen' zuzubereiten.

Mir ist auch die Begebenheit in Erinnerung geblieben, als bei meinem Arbeitgeber ein Projekt lief, bei dem der Vertreter eines Lieferanten aus Frankfurt bei uns im Werk in Bremen war. Als er nach Frankfurt zurück fuhr, übergab ein Kollege ihm drei Beutel Granat, die er auf Eis gepackt, mit nach Frankfurt nahm. Damals dachte ich noch so bei mir 'Haben die da nichts zu essen?'.

Als ich nach knapp 2 Jahren dann den 'Abflug' von diesem Arbeitgeber und meiner ersten Stelle als Ingenieur machte und nach Frankfurt zog, wurde mir plötzlich schmerzlich bewusst: Verdammt, mit Frischfisch, Granat und Miesmuscheln ist es jetzt vorbei – hättest Du deine Zeit im Norden doch besser genutzt. Frankfurt und Umgebung war 1981 diesbezüglich Diaspora, es gab nur einige wenige Geschäfte, wo es halbwegs frischen Fisch gab. Das hat sich inzwischen aber geändert, seit es lokale Wochenmärkte gibt.

Wenn ich in den Folgejahren den ehemaligen Kollegen besuchte – die Freundschaft hält seit 40 Jahren – ist unser erster Gang am Samstag-Morgen auf den Markt nach Bremen-Vegesack, um frischen Fisch zu kaufen. Der wird dann standesgemäß mit Weißwein, Dill, Knoblauch, Zwiebeln und Wurzelgemüse in einer Kasserolle gedünstet. Abschließend kann man wohl so sagen: Ich bin vom Saulus (Fisch stinkt und ist dazu da, um Katzen anzulocken) zum Paulus geworden. Denn inzwischen muss ich jede Woche wenigstens ein Mal Frischfisch essen – und kein Fischstand, an dem ich vorbei käme, ohne mir ein Fischbrötchen gekauft zu haben.

Die Fischräucherei in Wiek

Da meine Frau ungerne Rad fährt, haben wir die nähere Umgebung von Born, also nicht nur den Weststrand samt Naturschutzgebiet, Arenshoop etc., erwandert. Dazu gehörte auch eine Tour in den Nachbarort Wiek am Darß. Ich erinnere mich noch an eine längere Wanderung an einem Deich mit Schilf und an die Reet-gedeckten Häuser des Dorfes. Irgendwo sind wir dann in ein Gasthaus eingekehrt, um eine Kleinigkeit zu essen oder einen Kaffee zu trinken, genau weiß ich es nicht mehr. Am Nachmittag hieß es dann: Marsch zurück.

Als ich dann so durch die Straßen des Örtchens in Richtung Born trottete, muss meine Nase irgend einen Impuls an das Unterbewusstsein gesandt haben. Ich hatte, erinnerungsmäßig, den leichten Hauch eines Räucherofens vernommen. Flugs die Augen umherschweifen lassen und 50 Meter weiter ein winziges Schild mit einem Hinweis auf eine Fischräucherei in einer Nebenstraße entdeckt. Das ist inzwischen ein Phänomen: Egal, ob am Bodensee oder am Meer – irgendwie ziehen mich Fischräuchereien und -verkaufsstände magisch an. Ist wie ein Magnet, die können noch so abgelegen sein, schwupps hat's mich angezogen. Wenn ich da hunderte Meter entfernt vorbei trabe, gibt es plötzlich einen Drall und ich stehe unverhofft vor einer Fischbude oder Räucherei, da kann ich gar nichts machen. Vielleicht habe ich doch irgendwo ein 'Katzen-Gen', was auf Fisch anspricht.

Räucherfisch
Räucherfisch, Pixabay-Lizenz, kostenlose Nutzung

Ich so zu meiner Frau: 'Du, da irgendwo in einer Nebenstraße muss es eine Fischräucherei geben. Lass uns mal schauen, nehmen wir was zum Abendessen mit.' Nach etwas Suchen stand ich vor dem kleinen Verkaufsladen (könnte Ahrens Fischverkauf gewesen sein, sicher bin ich nicht) und die Verkäuferin kam gerade mit einer Stange, an der ein Satz frisch geräucherter Fische hing, zurück. Ich weiß nicht mehr, was es für ein Fisch war, möglicherweise eine Forelle oder eine Makrele. Ich orderte also einen der frisch geräucherten Fische und die Verkäuferin meinte 'Vorsicht, er ist noch warm', schlug das Ganze in Papier ein und gab mir die Tüte, die ich dann im Rucksack verstaute.

Als wir dann den Rückweg angetreten, aber noch nicht mal 50 Meter zurück gelegt hatten, stieg mir schon ein echt verführerischer Duft des Räucherfischs in die Nase. Ich so zu meiner Frau: 'Verdammt, dass riecht gut, wollen wir mal ein kleines Stückehen probieren, ist ja noch lauwarm, der schmeckt vermutlich gut?' Ein Nicken bewog mich, den Rucksack abzusetzen, den Räucherfisch auszupacken und uns beiden ein kleines Stück, abgeschnitten mit einem Taschenmesser, welches ich dabei hatte, zu gönnen. Während wir so dahin trotteten, war das Stück sofort weg und das Hirn schrie 'mehr'. Das warme Fischfleisch lockte – und so schnitt ich noch ein Stückchen ab, und dann noch eins.

Wir kamen an einem Spielplatz mit einem Tisch und zwei Sitzbänken vorbei. Kurzentschlossen habe ich den Tisch angesteuert, um ein paar Minuten zu rasten. Und plötzlich war der fürs Abendessen vorgesehene Räucherfisch weg – verputzt – und zwei saßen selig am Tisch. "Verdammt, war das gut", aber das Papier, wo der Fisch eingeschlagen gewesen war, war leer – muss eine Katze gefressen haben ….

Ich habe noch kurz mit dem Gedanken gespielt, zurück zum Fischladen zu laufen und noch einen Räucherfisch zu holen, habe es dann doch nicht gemacht. Wir sind dann nach Born zurück gelaufen und ich habe einen Schlenker zum Fischladen mit der unfreundlichen Verkäuferin gemacht, um ein Stück geräucherten Butterfisch zum Abendessen zu kaufen. Im Supermarkt direkt daneben gab es dann noch einen trockenen Kerner Weißwein aus Saale-Unstrut – und der Abend war gerettet. Aber dieser Räucherfisch aus der Räucherei in Wiek ist mir als 'bester Räucherfisch, den ich je gegessen habe' in Erinnerung geblieben, obwohl das bereits im Jahr 2005 gewesen sein muss.

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4 Antworten zu Der beste Räucherfisch meines Lebens

  1. Ulla sagt:

    Vielen lieben Dank, Herr Born, für die wieder zauberhafte Geschichte.
    Ihre Schilderung hat mich neugierig gemacht, und so werde ich den hübschen Ort Born als übernächsten Urlaubsort vorschlagen (seit Ende 2019 ist die "Lausitz" gebucht und im vergangenen Frühjahr auf Mai 2021 verschoben worden).
    Viele Grüße
    Ulla

  2. Stefan sagt:

    Ja nicht nur an der Ostsee gibt es einen Ort Born, sondern auch im Luxemburg zwischen wasserbillig und rasport.

  3. Michael sagt:

    Anfang bis Mitte der 60er Jahre war ich in einem Internat wo es freitags immer "Fisch" gab – es war Walfisch; der tranige Geschmack hat mich lange Zeit verfolgt.

    Erst mehrere Aufenthalte an der Nordsee – Granat direkt frisch vom Fischkutter, Backfisch mit Kartoffelsalat, Miesmuscheln in Weißwein – haben mich wieder auf den Geschmack gebracht.

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