Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 1

Momentan befinde ich mich in einem merkwürdigen ‘Zwischenzustand’ – nach über 50 Jahren geht ein Berufsleben zwar langsam aber sicher zu Ende (aktueller Plan: vielleicht kann ich es über einige Jahre auslaufen lassen). Da könnte man ja mal im Büro mit ‘aufräumen’ beginnen – so in Marie Kondō-Manier. Soll ja befreien, sagt meine Frau – und Marie Kondō meint das irgendwie auch …


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Marie Kondō: Behalte nur das, was Freude macht …

Marie Kondō ist eine japanische ‘Lebensberaterin’, die vor allem durch ihre vier ‘Aufräumbücher’ und die sogenannte Kondō-Methode Furore macht. Die Kondō-Methode des Organisierens ist als KonMari-Methode bekannt und besteht darin, alle seine Habseligkeiten, eine Kategorie nach der anderen, zu sammeln und dann nur die Dinge zu behalten, die “Freude machen”. Den Rest wirft man weg, verschenkt oder verkauft es.

Aber ich habe doch an allem Freude …

Und nun kommen wir zum Kernproblem: Ich bin so ein Mensch, der alles sammelt und brauchen kann. Meine Frau meint ‘Wenn Du mal in Rente bist, kannst Du erst den Keller aufräumen und dann auch dein Büro. Das macht dir doch bestimmt Freude, das befreit doch.’ Erinnert mich an den Managerwitz, wo ein Vorstand etwas überfordert zum Urlaub aufs Land geschickt wurde. Der Bauer nahm ihn mit zur Kartoffelernte und gab ihm die Aufgabe, die aufgelesenen Kartoffeln in zwei Körbe zu werfen. Die Dicken in den linken Korb, die Kleinen in den rechten Korb.

Dann fuhr der Bauer mit dem Kartoffelroder die Furchen entlang, um weitere Kartoffeln aus der Erde zu befördern (eine Tätigkeit, die ich als Kind kannte – und wegen dem meist schlechten Herbstwetter gehasst habe). Als der Bauer irgendwann nach dem Manager schaute, saß der mit zwei Händen voll Kartoffeln und hoch rotem Kopf vor zwei leeren Körben und war den Infarkt nahe. Der Bauer ging hin, ‘was’n los, ist doch ganz einfach, die Dicken nach links, den Rest in den rechten Korb’. Und der Manager stöhnte nur gequält: ‘Aber diese Entscheidungen’ …

Beschreibt perfekt mein Gefühl beim Aufräumen und Wegwerfen. Zu meiner Frau habe ich immer gesagt: ‘Du, ich muss noch dringend arbeiten – und in Rente gehe ich auch nicht. Wenn ich im Sarg aus dem Haus getragen werden, könnt ihr im Anschluss die von mir geschriebenen Bücher weg werfen.’

Ich habs getan und im Büro mit Aufräumen begonnen …

Da die Rente in 2021 kommt, und mein Büro die Anmutung eines ‘Technik-Messis’ annahm – sagt meine Frau – (überall Bücher, Rechner, Elektronik und, und, und), habe ich langsam (mal wieder) begonnen, doch mal auszusortieren. War es bei früheren Aktionen mit Sicherheit so: Warf ich ein mal gekauftes Fachbuch, welches ich wirklich 10 Jahre nicht gebraucht hatte, in die Altpapiertonne und die war geleert, kam einige Tage später mit Sicherheit die Situation ‘verdammt, da hätte es zum Nachlesen gestanden, jetzt hättest Du es gebraucht.’

Was mich besonders ärgert: Auf diese Art habe ich vor Jahren mal von IBM fotokopierte Dokumentation zu IBM-DOS weggeworfen. Das war eine Dokumentation, die noch von Bill Gates und seinen damals wenigen Microsoft-Angestellten zusammen getragen worden war. Fotokopiert deshalb, weil man die gedruckten Handbücher nicht fertig bekam. Der Hintergrund: Der erste IBM-PC XT, der von der Firma IBM nach Europa ausgeliefert wurde, ging für einen Kunden über meinen Schreibtisch. Die Dokumentation war einzigartig, so etwas gab es nie wieder. Und ich habe es weggeworfen …

aber das befreit doch, meinen meine Frau und Marie Kondō … die beiden haben keine Ahnung – ich ärgere mich heute schwarz, dass ich der Suggestion meiner Frau ‘räume mal dein Büro auf’ in einem Impuls ‘heute willst Du ein guter Mensch werden’ gefolgt bin.

Ist so ähnlich wie bei dem Mann, der alte Festplatten weggeworfen hat – später aber feststellte, dass dort Schlüssel für Kryptogeld drauf gespeichert sind. Die Festplatten mit diesen Schlüsseln sind heute Hunderttausende Wert.

… es hilft nix, wir haben jetzt ‘eine Situation’ …


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Aber nun ist die Situation da (wie der Italiener zu sagen pflegt), dass ich nicht mehr groß Computerbücher schreiben werde – nur noch auslaufende Restarbeiten und Bloggen sollen mir, so der aktuelle Masterplan, noch einige Zeit ein sinnvolles Tagesziel geben. Denn Hobbies habe ich (außer viel Sport, Nordic Walking, Spazieren gehen) nicht wirklich. Es gibt den Garten, wo ich Frau schuften lasse (ich mache das nicht ordentlich genug, ‘bleib mir da weg, mache ich lieber selbst’), und wenn ich in Laune bin, fotografiere ich mal – aber hab ich Zeit dazu?

Zum Thema ‘Zeit als Rentner’ fällt mir gerade eine Erfahrung aus meiner Zeit ein, als ich so ab 2003 ehrenamtliche Computerkurse für Senioren – und für junge Mütter, die nach der Kleinkindphase wieder in den Betrieb zurück wollten – gegeben habe. Die jungen Mütter haben mir nach der Kursstunde immer noch eine halbe Stunde Löcher in den Bauch gefragt. Die Senioren wurden um 5 Minuten vor 16:00 Uhr, wenn der Kurs endete, schon unruhig und scharrten mit den Hufen. Punkt 16:00 Uhr leerte sich der Schulungsraum blitzartig – die älteren Herrschaften hatten einfach keine Zeit. Wird also möglicherweise schwierig mit der Zeit zum Fotografieren (als ich Fotobücher gemacht hatte, gehörte das ja zum Beruf – ich brauchte ja Fotos).

Bin ich ein armer Mensch, so ganz ohne Hobbies und Ziel? Muss ich demnächst den Loriot geben, der mal eben zum Einkaufen geht und mit einem Großgebinde Senf nach Hause kommt (Papa ante portas, Teil III, Herr Lohse beim Einkaufen), weil er den Rabatt mitnehmen wollte?

Mache dein Hobby zum Beruf, und Du musst nie wieder arbeiten

Mitnichten – ich habe das große Privileg gehabt, vor 27 Jahren mein Hobby, das Schreiben von Computerbüchern, zum Beruf machen zu können. Mein Spruch: ‘Mache dein Hobby zum Beruf, dann brauchst Du nie wieder zu arbeiten’ ist voll aufgegangen. Ich habe zwar 27 Jahre lang täglich ‘mit dem Bär getanzt’ und auch mal ‘Federn gelassen’ – aber ein geiles und nie langweiliges Berufsleben gehabt. Gott, Himmel, wir sind gerade beim Aufräumen und nicht bei den Erinnerungen ans Berufsleben …

Wir werfen einfach mal weg …

Die um die 300 unter meinem Namen erschienenen Bücher, die in meiner Bücherwand stehen, kann ich nicht weg werfen. Es gibt zwar für die meisten deutschsprachigen Werke eine Kopie in der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig. Aber für Werke in fremden Sprachen gilt das nicht – und die Bücher sind schließlich ‘mein Lebenswerk’ – mögen die Erben die Titel entsorgen.

Aber ich habe damit begonnen, wenigstens Beiwerk zu entsorgen. Elektronik, die nicht mehr gebraucht wird, kommt zum Elektroschrott, alte Bücher und Manuskripte werden im Altpapier entsorgt. Immer wenn die Papiermülltonne geleert werden soll, kommen wieder einige Papierkörbe voll Altpapier aus meinem Büro hinzu. Was mir da dann an Erinnerungen begegnete – und warum das ‘alles wegwerfen’ oft nicht so einfach ist, das thematisiere ich morgen in Teil 2.

Artikelreihe
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 1
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 2
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 3

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3 Antworten zu Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 1

  1. Michael sagt:

    Das kenne ich nur zu gut: “Kann man sicher irgendwann mal brauchen”. Und genau dann, wenn man es endlich entsorgt hat, braucht man es tatsächlichh :-)

  2. Mance sagt:

    Der Vollständigkeit halber auch noch auf Deutsch

    https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Kond%C5%8D

    Na ja, wer’s braucht ;-)

  3. Die-Gedanken-sind-frei sagt:

    aus den Grundsätzen von Marie Kondō
    ….
    3) Entscheiden, was behalten wird, aufgrund der Frage: Macht es mich glücklich,
    wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?
    4) Jeder Gegenstand, den man behält, bekommt seinen Platz zugewiesen
    5) Alle Dinge müssen dort richtig verstaut werden

    Sehr gute Grundsätze, allerdings alles macht mich glücklich wenn ich es in die Hand nehme und es gibt auch immer einen Platz dafür, wo ich es richtig verstauen kann …

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