Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 3

Da die ‘Rente droht’, habe ich ja mit dem Ausmisten meines Büros begonnen. Wie ich in Teil 1 ausführe, waren sowohl meine Frau, als auch Maria Kondō, der Meinung, dass das befreit. Ich hatte den festen Wunsch, das zu glauben – aber dann haben mich beim Ausmisten und Wegwerfen plötzlich zahlreiche Erinnerungen aus deinem Leben eingeholt, wie ich in Teil 2 bereits erzählt habe. In Teil 3 löse ich weitere Rätsel auf und verrate auch, ob ich überhaupt zum Ausmisten gekommen bin …


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Wenn der Vater mit dem Sohne ..

Und dann fielen mir die Manuskripte in die Finger, in denen ich mit meinem Sohn, zum Ende und direkt nach seinem Studium einige Programmiersprachenbücher verfasst habe. War ein besonderes Erlebnis, wenn der Vater mit dem Sohn an einem gemeinsamen Projekt arbeitet. Die Jugend, immer ganz fix im Kapieren, während der alte Vater da immer etwas brauchte, bis es verstanden war. Ich brauchte 1996/97 geschlagene 6 Wochen, um die HTML-Beschreibungssprache für Webseiten zu kapieren (gut, ich habe seinerzeit eines der ersten deutschsprachigen Bücher zu dem Thema drüber geschrieben). Mein Sohn sollte mit 14 Jahre als Fingerübungen meine Webseiten pflegen – ich habe ihm das Buch gegeben und ihm erklären wollen, wie das in HTML geht – nach einer halben Stunde meinte Sohnemann ‘ist gut Vadder, ich hab’s kapiert, kannst jetzt gehen’ – Mann, war ich frustriert.

Zurück zum Buchprojekt. Der Sohn sollte bestimmte Beispiele, die ich aus einem meiner anderen Bücher vorgegeben habe, für das neue Buchprojekt in die dort behandelte Programmiersprache übertragen. Ich habe die restlichen 50 % der Beispiele übertragen und die Texte drum herum verfasst. Für die einzelnen Beispiele brauchte ich immer die dreifache Zeit, die der Sohn vermeintlich in die Programme steckte, bis sie erstmals liefen.

‘Ich bin fertig’, kam die Ansage des Sohnes, wenn ich kaum 1/3 meiner Beispiele durch hatte. Da ich aber die ‘Qualitätssicherung’ für das Buch übernahm, gab es die Situation, dass ich Sohnemann oft zwei oder drei Mal zum Nachbessern schicken musste, weil seine Programme dicke Fehler enthielten, während meine Übungen in der Regel im ersten Schuss saßen. Die Schnelligkeit der Jugend wurde durch die Erfahrung des Älteren kompensiert, da ich keine Umwege machen musste. Das erlebst Du nicht alle Tage – möchte diese Erfahrung aber nicht mehr missen.

Nachbemerkungen: Natürlich waren die drei Programmiersprachenbücher, die ich mit meinem Sohn verfasst habe, kein kommerzieller Erfolg. Alleine hätte ich die (aus wirtschaftlichen Gründen) auch nicht gemacht. Aber ich habe es als Fingerübung für mich betrachtet und die Chance gesehen, dem Sohn in seiner Vita etwas einmaliges zu ermöglichen. Die Schreibe ist nicht wirklich sein Ding – aber eines der Bücher hat ihm den ersten Job als Softwareentwickler verschafft. Als er im Bewerbungsgespräch gefragt wurde: ‘Wir wollen auf C# 2.0 umstellen, können sie sich vorstellen, darin zu programmieren und haben sie Kenntnisse in der Sprache?’, konnte er trocken kontern: ‘Ne, Erfahrungen in C# habe ich nicht wirklich, aber ich habe gerade mit meinem Vater da ein 600 Seiten-Buch zu geschrieben.’

Heute ist der Junge in diesem Bereich absolut top und ich könnte ihm bei Weitem nicht mehr das Wasser reichen. Mehr als 10 Jahre nach dem Erscheinen habe ich ihn beiläufig gefragt: ‘Wie siehst Du im Nachgang unsere Bücher?’ – worauf die Antwort kam: ‘Ich hätte vielleicht 3-6 Seiten heute anders geschrieben, aber der Rest passt, wir waren schon verdammt gut, obwohl wir keine Ahnung hatten.’ Was cooleres kann einem im Berufsleben doch nicht passieren – oder?

Ja, und da waren sie wieder, die Erinnerungen an die diversen Projekte. Immer wenn ich mit drei Tage Regenwetter-Gesicht aus meinem Büro nach unten kam, wusste meine Frau ‘Aha, er arbeitet an einem neuen Technologie-Projekt – nur nicht ansprechen und die Kinder aus dem Weg schaffen’. Wenn ich ein paar Tage später pfeifend aus dem Büro im 1. Stock nach unten in die Küche kam, meinte sie ‘na, läuft doch – Du änderst dich nie’. Und wenn dann in den letzten Tagen eines Buchprojekts ‘der Furor’ zuschlug – und ich ‘in the Flow war, nicht essen und nicht schlafen konnte, die letzten Seiten mussten geschrieben werden’, stellte sich ein unendliches Hochgefühl ein. Und so sind 600 bis 1.200 Seiten Manuskripte entstanden, wo ich kaum einen Satz zwei Mal anfassen musste – die Texte flossen so aus meinen Fingern über die Tastatur in die Textverarbeitung. Ich kann die Jungs und Mädels aus dem Bauhaus oder aus den Künstlerkolonien des 19. Jahrhunderts verstehen, wenn sie mal wieder mit einer Arbeit kurz vor Fertigstellung waren und weder Tag noch Nacht kannten.

Das Projekt hat mir das Genick gebrochen

Und es gab das Projekt, was mir buchstäblich das Genick gebrochen hat. Ein Android-Buch, ich hatte noch 2 Kapitel zu schreiben, ich war in einer Phase des Hochgefühls (wo Du glaubst, fliegen zu können), das Manuskript wäre in 2 Tagen fertig geworden – im Kopf standen die Texte für die Kapitel schon. Dann passierte es, am Donnerstag-Abend, den 12. März 2015 – ich war spät dran – ich wollte um 17:30 Uhr Sport machen. Also Computer ausschalten – Du schreibst nachher noch weiter – und bin die 1 km zur Sporthalle gesprintet.

Übermut tut selten gut – und so bin ich kurz nach dem Start der Sportstunde mit dem, was der Volksmund Genickbruch (auch wenn es medizinisch eine Luxation der Halswirbel war) nennt, in der Sporthalle gelegen. Als ich plötzlich kein Gefühl mehr in den Beinen hatte, und die Arme nicht mehr bewegen konnte, dachte ich ‘das war es’. Ein abgedrücktes Rückenmark im Nackenbereich führte zu einer inkompletten Querschnittssymptomatik. Da habe ich dann absolut in den Abgrund geschaut, nix ging mehr.


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Die Ärzte hatten nach drei schweren Operationen an der Halswirbelsäule schon die Bestellung für den Rollstuhl auf dem Tisch. Nun gut, so was läppisches wie eine Luxation der Halswirbelsäule wirft einen doch nicht aus der Bahn. Greif dir ein Notebook, sobald Du aus der Klink heraus bist, und schreib weiter …

Hat dann doch ‘etwas länger’ mit der Fertigstellung des Android-Buches gedauert. 4 Wochen Neurochirurgie mit drei Wirbelsäulen-OPs, danach gab es Tage, da musste ich gefüttert werden, weil ich mit einer halbwegs funktionierenden Hand nicht mal mehr einen Löffel zum Mund gebracht habe. Mehr als 2 Treppenstufen steigen ging nach drei OPs auch nicht mehr (aber den Rollstuhl konnten wir stornieren). Ich habe quasi einen Alterssimulator am eigenen Leib erfahren, der mich auf die Stufe eines 95 Jährigen katapultierte. Da war ich komplett ‘unten’. Von dort habe ich mich Schritt für Schritt ins Leben zurück gekämpft. 5 Wochen Reha und nochmals ca. 3 Monate on Top, bis ich wieder halbwegs laufen und die Arme über den Kopf heben konnte. Die restlichen Kapitel des Android-Buches habe ich danach meiner Frau diktiert.

Schwank an Rande: Vor 14 Tagen habe ich das druckfrische Exemplar der 4. überarbeiteten Ausgabe dieses Buches in den Händen gehalten.

Autoren sind unsterblich und manchmal unkaputtbar

Aber nach 18 Monaten Arbeitsunfähigkeit habe ich wieder am Schreibtisch gesessen – Anfangs nur 2-3 Stunden täglich – aber als Autor, der für seine Sache brennt, bis du literarisch nicht nur unsterblich, sondern auch physisch quasi unkaputtbar. Jetzt schreibe ich wieder viele Stunden pro Tag – wenn auch mit Pausen (und vorwiegend für meine Blogs).

PS: Seit Oktober 2016 mache ich (neben meinen täglichen Übungen wie Hanteltraining zur Kräftigung der atrophierten Nackenmuskulatur) auch wieder Sport – in der Halle, wo der Unfall passiert ist. Nur den Impuls, mal schnell einen Salto zu springen, ein Rad quer durch die Halle zu schlagen oder auf den Händen durch den Raum zu laufen, musste ich zu Beginn heftig unterdrücken – ich habe diesbezüglich wohl ‘keinen Schuss mehr frei’. Und mittlerweile zwickt es oft so dolle, dass der Impuls für Kopfstände, Salti oder ähnliches schlicht nicht mehr vorhanden ist. Alter und Zipperlein können auch ihre guten Seiten haben ;-).

Aber das Aufräumen und Wegwerfen macht dich – bei den oben geschilderten und vielen weiteren Erinnerungen – schlichtweg fertig – oder echt kaputt.

Erkenntnis: Marie Kondō hat nicht Recht

Und so kommt es, dass die Vergangenheit einen beim Aufräumen plötzlich ganz heftig einholt. Ach ja, es befreit(e) mich nicht, wie meine Frau und Marie Kondō so in ihrer Unbekümmertheit annehmen. Immerhin: Die Papiertonne war mit Manuskripten von mir gefüllt und wurde am Folgetag abgefahren – aus und vorbei – finito. Und im Bücherregel habe ich jetzt Platz, um andere Dinge, die sonst auf dem Fußboden des Büros lagen, dort hinein zu stellen. Frau ist übrigens zufrieden und glaubt, es hat mich innerlich befreit. Glücklicherweise liest sie diesen Blog nicht …

Es braucht aber noch einige Sessions, bis ich alles Entbehrliche entsorgt habe. Nur die Bücher, die unter meinem Namen erschienen sind und einige Klassiker aus der Studienzeit wie den Bronstein (Taschenbuch der Mathematik), oder den Gerdsen (Standardwerk der Physik) sowie natürlich meine Diplomarbeit, behalte ich weiter. Leben kann ganz schön schwierig sein. Immerhin bin ich bisher nicht wie der Manager auf dem Kartoffelacker geendet.

Klingt dramatisch? Nun ja, noch bin ich gut drauf, ist ja noch hin bis zum Unruhestand – zudem kann ich das ja mit dem Übergang steuern. Und falls die Langeweile zu groß wird, bekomme ich sicherlich ‘dieses Internet auch noch mit Nonsense-Geschichten wie dieser hier voll geschrieben’. Ach ja, entschuldigt, es ist irgendwie einfach mein erster Ruhestand, der droht – und ich übe noch …

PS: Immerhin hat meine Frau es gut getroffen. Die Situation anderer Frauen, deren Mann nach einem langen Berufsleben zum Renteneintritt plötzlich ‘immer zuhause ist’, die kennt sie ja seit 27 Jahren. Die Frage: ‘Wie hält man das aus, wenn der Mann immer zuhause ist’, kontert sie seit dieser Zeit grinsend mit ‘geht so’. Na ja, das Mädel ist auch unkaputtbar, hält es seit 45 Jahren neben mir aus und ist durch dick und dünn mitgekommen. Nur in den Theorien der Mari Kondō sind wir beiden irgendwie nicht kompatibel …

Artikelreihe
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 1
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 2
Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 3

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1 Antwort zu Ich hab die Marie Kondō gemacht … Teil 3

  1. Mance sagt:

    Hallo Du Schwerenöter ;-)

    Kurz zu der Aufräumgeschichte; wenn es nur die Bücher sind ist es bei mir auch so, dass ich mich (frag nicht warum) von meinen Fachbüchern nicht trennen kann. Habe sie in einer grossen Kiste verstaut und im Keller gelagert. So nehmen sie keinen Platz mehr weg und ich könnte trotzdem jederzeit darauf zugreifen.

    @Klingt dramatisch? Nun ja, noch bin ich gut drauf, ist ja noch hin bis zum Unruhestand – zudem kann ich das ja mit dem Übergang steuern.
    @ Und falls die Langeweile zu groß wird, bekomme ich sicherlich ‘dieses Internet auch noch mit Nonsense-Geschichten wie dieser hier voll geschrieben’.

    Eben, da hast Du einen Vorteil als Selbständiger. Für gewerbliche Arbeitnehmer ist das schon dramatischer. Von einem Tag auf den anderen brechen da Tagesstrukturen weg die ausgefüllt werden müssen. Am Anfang ist das noch rel. lustig, wird aber schnell langweilig und unschön. So war’s jedenfalls bei mir, da mein Hirn und mein Körper ohne eine gewisse “sinnvolle” Belastung rebelliert haben.
    Also nur Nonsense-Geschichten werden Dir vermutlich auf Dauer eher nicht helfen ;-) Ich denke Du wirst über kurz od. lang vielleicht doch ein od. zwei Hobbies generieren müssen.

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