Der Jung soll was anständiges lernen

Elektroverkabelung SicherungsschrankAktuell stehe ich ja am Ende eines langen Berufslebens, welches 1969 als Lehrling im Elektro-Handwerk in der rauen Eifel begann. Als ich so kürzlich zurückgeblickt habe, sind mir so einige Begebenheiten wieder eingefallen – wie ich quasi in meinen ersten Beruf „reingestolpert bin“, mein persönliches Waterloo einer vermasselten Zwischenprüfung als Lehrling erlebte – und dann am Ende des Tages dem Elektro-Handwerk sogar gänzlich „von der Stange ging“. Stoff für eine kleine Geschichte in die Abgründe meiner Jugend.


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Was ich mal für einen Beruf ergreifen wolle? Wenn mir diese Frage mit 12, 13 oder 14 gestellt wurde, musste ich mit den Schultern zucken. Während andere Jungs KFZ-Mechaniker, Schlosser, LKW-Fahrer  etc. werden wollten, hatte ich so gar keinen Plan. Selbst Lokomotivführer war nicht, war mir doch der Ferdi, mein Banknachbar in der 1. Schulklasse, schon nach wenigen Monaten abhanden gekommen. Er wohnte am Bahnhof, ganz in Nähe der Schule, und sein Vater fuhr eine Dampflok – wurde aber plötzlich versetzt und die Familie zog aus unserem Ort weg. Später ist mir mal „Du kannst zur Not ja auch reich heiraten“ eingefallen, aber selbst das hat nicht geklappt (wir waren bei der Heirat arm wie die Kirchenmäuse).

Werde bitte kein KFZ-Mechaniker …

Ob ich KFZ-Mechaniker hätte werden können oder sollen? Nicht so wirklich – mein jüngster Onkel väterlicherseits war gelernter KFZ-Mechaniker und wohnte bis zu seiner Heirat noch bei uns. In unsere Garage lagen Anfang der 60er Jahre immer verölte Anlasser, Vergaser und was weiß ich seines VW Karmann-Ghia  herum. War einerseits verlockend, sich diese „Technik“ mal genauer anzuschauen – das Demontieren habe ich immer hin gekriegt – nur wieder zusammen setzen, funktionierte irgendwie für mich als 10 – 14 jähriger nicht wirklich. Und schmutzige Finger bekam man auch …

Winker
Winker – gemeinfrei

Aber ich erinnere mich an Vaters VW-Käfer, der noch mit einem sogenannten Winker an den Türholmen ausgestattet war. Damit wurde die Fahrtrichtung angezeigt, wenn man abbiegen wollte. 1963 wurde aber eine Lichtblinkanlage an Front und Heck eines Fahrzeugs Pflicht, und ich erinnere mich, als sieben oder achtjähriger fasziniert auf unserem Hof beobachtet zu haben, wie der Onkel als KFZ-Mechaniker da eine Lichtblinkeranlage in den VW einbaute. Bin mir nicht sicher, meine aber, dass ein zweiter Onkel mütterlicherseits, seines Zeichens Elektriker, mit hinzugezogen wurde – war alles echt spannend …

.. als ich dann vor dem Ende meiner Hauptschuljahre (damals nannte sich das noch Volksschule) stand, meinte Mutter: „KFZ-Schlosser ist nichts, immer ölige, schmutzige Finger, und ich habe lange genug die verölten Blaumänner deines Onkels gewaschen. Lerne was anderes …“. Einige Schulkameraden waren irgendwie in der „Zollstock-Fabrik“ des Orts als Schlosser-Lehrlinge untergekommen – was aber bedeutete, dass die Kids 3 1/2 Jahre in Lehrwerkstätten im fernen Remscheid untergebracht waren.

Der Jung soll was anständiges lernen

War aber alles an mir vorbei gegangen, und nur ich hatte irgendwo keinen Plan, was ich nach der Schule als Lehre machen sollte. Metzger ging gar nicht – ich kannte ja das Erlebnis der Hofschlachtungen mit dem Töten der Tiere – nix für mich. Maurer oder Dachdecker war nicht so meine Leidenschaft. Maler wollte ich nicht (die waren immer mit Farbe bekleckert und Tapete kleben war irgendwie uncool), Schreiner oder Schlosser war es auch nicht, und Schmied schon gar nicht, war ich zu schmächtig für. Angestellter bei einer Bank war auch nicht mein Ding … war also alles schwierig.

Die Berufsberatung in der Schule war irgendwie auch zum Knicken: Ich musste einen Draht nach Vorlage biegen, irgendwo auf Fragebogen Drehrichtungen von Zahnradgetrieben einzeichnen oder die Zuordnung von geometrischen Figuren vornehmen. Etwas rechnen gehörte auch zum „Begabungstest“.


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Meine Antwort auf die Frage des Berufsberater, „was ich mal werden will“, beantwortete ich mit einem Schulterzucken und einem fragend dahin geworfenen „reich?“. Konnte der aber nix mit anfangen und als Ergebnis hieß es: „Kann was technisches machen“. Damit war ich genau so schlau wie vorher. Viehdoktor oder Zahnarzt waren irgendwie auch nicht so meine Traumberufe – und Landwirt auf unserem Hof, das war Vater und mir auch klar, wäre eine klassische Fehlbesetzung geworden. Wenn Oma sagte: „Du bist der Älteste, Du machst den Hof“, hatte ich immer einen Kloß im Hals. Erst als Vater sagte „Jedes meiner Kinder macht eine Ausbildung – wenn danach Lust besteht, kann es den Hof übernehmen“, fiel mir Buchstäblich ein Felsblock vom Herzen. Nur was für eine Lehre machen?

Elektroverkabelung Sicherungsschrank
Elektroverkabelung Sicherungsschrank, Quelle: Pexels, freie Nutzung

Und so ergab es sich, dass der örtliche Elektromeister einen Lehrling suchte, beim Lehrer nachfragte und plötzlich auf unserem Hof aufkreuzte und nach Vater fragte. Der Handel war schnell besiegelt, der Jung macht was anständiges und lernt Elektriker. War im Grunde mein Ding, schnöde Elektroinstallationen zwar nicht so – aber die Theorie und vor allem Steuerungen sowie Motorschaltungen, die viel Logik erforderten, waren für mich irgendwie eingängig. Solche Steuerungen gab es in kleinen Industriebetrieben in der Umgebung. Wo der Altgeselle mit gekrauster Stirn und Null Durchblick vor Schaltplänen stand, hatte ich dies alles binnen weniger Augenblicke erfasst und durfte bereits im zweiten Lehrjahr bevorzugt in diesem Bereich Anlagen installieren/in Betrieb nehmen und auch bei der Fehlersuche musste ich ran.

Mein Waterloo: Die Zwischenprüfung

Und dann näherte sich irgendwo auf der Mitte des Weges zur Gesellenprüfung mein persönliches Waterloo. Gut, genau betrachtet, gab es diese Waterloos ständig, eben wähntest Du dich noch „als nach den Sternen greifen können“, und schon kam der nächste Nackenschlag samt Absturz. Aber „der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist, genau einmal mehr aufstehen, als hinzufallen“, also hieß es, sich aufrappeln und weiter machen. Dabei habe ich das alles nicht kommen sehen …

Nach 1 1/2 Jahren stand die Zwischenprüfung für Lehrlinge im Elektrohandwerk an. War ein Klacks, die Theorie hatte ich echt drauf und war schnell durch die Aufgaben durch. Die praktische Prüfung sollte auch kein Problem sein – der Meister hatte mich so nach dem ersten halben Lehrjahr in der Regel alleine auf Baustellen abgesetzt, wo ich vor mir her wursteln durfte – technische Fehler leistet ich mir keine, das Licht brannte, die Steckdosen hatten Strom, was willst Du mehr …

Gut, als ich die Arbeitsprobe bei der Zwischenprüfung ablieferte, dachte ich noch „sieht Scheiße aus, was du da hingefrickelt hast, aber vielleicht reicht es“. Statt die Kabeleinführungen an einer Verteilerdose sauber auszustanzen hatte ich meine „eigene Methode“ genutzt und die Löcher mit einem eigenen Messer ausgeschnitten. Ging leider schief, so dass ich das dann etwas „gröber“ bereinigt hatte, damit es besser aussähe. Sahen die Prüfer aber leicht anders …

Und so war ich wohl der „deutschlandweit einzige Vogel“, der es schaffte, in der Zwischenprüfung im Elektroinstallateurs-Handwerk mit theoretisch 1 zu bestehen, aber praktisch durchgefallen war. Hat das gerappelt, als ich das den Eltern beichten musste. „Ist aber auch Mist, ich lern ja nix“ war meine Antwort – die ich Vater in der Futterküche im Durchgang zu den Viehställen entgegen hielt (an die Szene erinnere ich mich auch noch nach fast 50 Jahren).

Und plötzlich stand der Elektromeister unbemerkt hinter mir … er hatte das Ergebnis vernommen und wohl gedacht „da ist die Hütte am Brennen, fahr mal zur Familie“. Jedenfalls war er unbemerkt in unsere Futterküche gekommen und hatte die Diskussion wohl mitbekommen. Er besprach mit meinem Vater das Weitere. Meine Bedenken waren, dass ich jetzt die 1 1/2 Jahre wiederholen müsse, was aber falsch war.

Nun gut, für mich bedeutete das: Der Warnschuss war zur rechten Zeit gekommen – und der Meister hatte den Knall auch gehört. Wenn ich später stundenlang mühsam eine Elektroleitung verlegt hatte, kam er, schaute es sich an, riss das mit einem Ruck von der Wand und meinte „das kannst Du besser“. Nach einem weiteren halben Jahr blieben die Elektrokabel an der Wand, Meister war zufrieden.

Die Niederlage wettgemacht …

Zwei Jahre später kam dann die Gesellenprüfung und als Gesellenstück hatte ich die Elektroinstallation eines Kellers in einem Neubau gewählt. Lief nach meinem Gefühl astrein, die Leitungen gerade verlegt, die Schalter und Steckdosen genau mit Wasserwage ausgerichtet, die Drähte in den Verteilerdosen sauber angeordnet – müsste reichen.

Um die Theorie hatte ich mir eh keinen Kopf gemacht – und am Prüfungstag hatte ich die betreffenden Prüfungsaufgaben binnen kürzester Zeit durch. Hätte damals nach der Abgabe der Arbeiten „eine rauchen gehen können“ – habe aber nicht geraucht. Mich interessierte nur „haste am Ende des Tages den Lappen“, wie wir den Gesellenbrief so nannten. Mein Meister war sich auch sehr sicher, dass mein Gesellenstück der Prüfungskommission zum Bestehen reichen würde.

Als dann die Prüfungsergebnisse verkündet wurden, war klar: Ich hatte bestanden – es hatte auch praktisch gereicht. Auf dem Gesellenbrief stand bei fachtheoretische Prüfung die Note Sehr gut, für die praktische Prüfung war ein Gut vermerkt und in den allgemeinen Prüfungsfächern reichte es für ein Gut. Also konnte ich die Lehre abhaken … Meister war zufrieden, und Eltern wohl auch  …

Bei der Verkündung der Prüfungsergebnisse meinte der Berufsschullehrer und der Leiter der Prüfungskommission, dass ich wohl das beste Gesellenstück des Jahrgangs im Kreis abgeliefert hätte. Gut, war zwar schön zu wissen, „Schmach von Zwischenprüfung getiltgt“, aber war eh Schnee von gestern. Mir war der Lappen in Form des Gesellenbriefs wichtiger, Lehrlingszeit und vor allem -gehalt adieu (gestartet bin ich mal mit 60 Mark pro Monat, was später aber auf erinnerungsmäßig 320 Mark / Monat im letzten Lehrjahr, aufgestockt worden war). Jetzt kommt die dicke Kohle …

Der fährt Porsche, will ich auch …

Die Geschichte ist aber noch nicht wirklich zu Ende. Mit der dicken Kohle war es nicht so, gab ein langes Gesicht, als ich die erste Lohnabrechnung bekam. Aber es gab bei mir eh schon andere Pläne, denn so als kleiner Lehrling hatte ich ein spezielles Erlebnis. Während ich eines Tages schwitzend in der Nähe eines Brennofens in einer Ziegelei des Ortes Elektroleitungen verlegte, fuhr plötzlich ein Porsche vor und ein Mann in Anzug stieg aus, um mit dem Meister über Elektroinstallationspläne zu schauen und Anweisungen zu geben, was wie zu machen sei. Setzte sich ins Auto und brauste von dannen. Donnerwetter, dachte ich so bei mir – Du reißt dir hier den Arsch auf und der kommt im feinen Zwirn …

Bei Arbeiten auf einem benachbarten Militärflugplatz der Amerikaner musste ich auch feststellen, dass es da jemanden gab, von dem geraunt wurde, dass er auf der „Ingenieurschule in Trier“ gewesen sei … aber wohl nicht bestanden habe. Aber der junge Mann saß im Büro, wälzte Pläne und gab meinem Meister Anweisungen, was dieser zu tun habe. So ganz schlecht konnte dieser „Ingenieur-Beruf“ nicht wirklich sein.

Auf der Berufsschule hatte mich mein Berufsschullehrer auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, parallel zur Lehre die mittlere Reife in einer Abendschule zu absolvieren. Ein Klassenkamerad in der Berufsschule, wohl aber ein Jahr älter, zog das durch. Mir war das aber zu aufwändig. Doch nach dem extrem guten Abschluss der Lehre hatte ich mich für den zweiten Bildungsweg in Vollzeitform entschlossen – zwei Jahre locker vom Hocker in der ehemaligen Berufsschule absitzen, dann wäre das geritzt – „Ingenieurstudium, ich komme“.

Für die sogenannte Berufsaufbauschule (BAS), die mit dem Abschluss der mittleren Reihe endete, musste man sich mit Zeugnissen bewerben – und es hieß: Es gibt da eine schwierige Aufnahmeprüfung, schafft kaum einer. Das Kontingent war auf 60 Plätze begrenzt und immer zu viele Bewerber vorhanden. Aber 14 Tage nach meiner Bewerbung hatte ich die Zusage für einen Platz im nächsten BAS-Jahr. Die Plätze für eine halbe BAS-Klasse waren auf Grund der Abschlussnoten bei der Gesellenprüfung direkt und ohne Eignungsprüfung vergeben worden.

Und so kam es, dass ich mich als frisch gebackener Geselle im Elektrohandwerk „vom Acker machte“, um wieder die Schulbank zu drücken (übrigens als einziger meiner Berufsschulklasse). Waren aber echt harte sechs Monate zum Start der BAS-Klasse. Meine Finger waren es gewohnt, armdicke Kabel zu verlegen oder einen schweren Fäustel (Hammer) samt Meißel zum Stemmen von Mauerdurchbrüchen zu verwenden. Aber plötzlich musste ich einen dünnen Bleistift oder Kugelschreiber halten. Hinzu kamen technisches Zeichnen mit Mantelabwicklungen von Kegeln oder Zylindern – für Schlosser kein Problem, für einen Elektriker spanische Dörfer. Dann Algebra, Mengenlehre, deutsche Grammatik und Englisch etc. Bei so mancher Klausur musste ich zittern, ob ich wohl bestanden hätte – war nicht das erwartete „eays going“. Gut die Hälfte der Schüler beider Eingangsklassen hat dann auch während des ersten halben Jahres „das Handtuch geworfen“ und aufgesteckt. Da standen plötzlich eine Menge leerer Stühle und Bänke in unserer Klasse – der Schwund war aber wohl einkalkuliert.

Meister geworden, und doch wieder nicht …

Aber das Elektrohandwerk ließ mich noch nicht los. Da war die Möglichkeit, an Wochenenden „eine schnelle Mark zu verdienen“, indem ich bei einem jungen Elektromeister im Dorf ausgeholfen habe (mein Lehrbetrieb hatte keinen Bedarf an stundenweiser Aushilfe). Einige Monate später, ich besuchte bereits die Berufsaufbauschule, trudelte ein Brief ein, ich möge in die Kreishandwerkerschaft der nahen Stadt Trier kommen, weil ich wegen des Gesellenstücks am Wettbewerb der Handwerksjugend teilnehmen könne. Ich habe dann in der Schule früher frei genommen und an einem Nachmittag in den Elektrowerkstätten der Kreishandwerkerschaft eine weitere Arbeitsprobe für den Wettbewerb angefertigt. Die Labors kannte ich sogar von meiner Ausbildung her, hatte ich dort doch im Rahmen einer betriebsübergreifenden Ausbildung mehrfach Kurse in Elektronik-, Schaltungs-, Digital- und Steuerungstechnik absolviert.

Gab dann einige Wochen später die kurze Rückmeldung, dass ich auch den Wettbewerb der Kammer gewonnen hätte und ich jetzt am Landeswettbewerb von Rheinland-Pfalz teilnähme. Dachte noch so „Mist, schon wieder eine Schaltung zusammen klöppeln, nimmt das denn nie ein Ende“ – doch einige Wochen später kam die Information, dass ich Landesmeister von Rheinland-Pfalz im Elektrohandwerk geworden sei. Donnerwetter, nach dem Waterloo zwei Jahre vorher war ich doch noch „Meister“ geworden. Mein Ex-Chef war stolz wie Bolle und die Urkunde als Ausbildungsbetrieb hängt noch heute prominent im Büro der Firma.

Ich habe dann noch am Bundeswettbewerb in Oldenburg teilgenommen, war da aber chancenlos. Ich hatte ja bereits über ein halbes Jahr die Schulbank gedrückt, war also aus dem Beruf raus. Zudem trat ich als Elektroinstallateur (Allrounder) gegen Mitbewerber an, die seit vier Jahren nichts anderes als quasi täglich Schaltanlagen gebaut hatten. Mir fehlte aber die praktische Erfahrung, so dass ich in dieser Runde mit meiner Arbeitsprobe (eine komplexere Motorsteuerung aufbauen) aus genau diesem Bereich nicht mehr punkten konnte – mir war die Zeit zu knapp gewesen, um fertig zu werden.

Von der Elektroinnung wurde mir später ein einbändiges Lexikon mit einer kleinen Urkunde und Gratulation zum Landessieger zugeschickt. Anbei lag noch ein Brief, in dem stand, dass ich bei Vorlage eines Meisterbriefs im Elektrohandwerk den sagenhaften Betrag von 500 DM als Prämie bekäme. Die wussten nicht, dass ein Porsche – auch in der damaligen Zeit – doch etwas teurer gewesen wäre …

PostScript: Doch noch Ingenieur geworden …

Ich habe dann die Abschlüsse der Klassen 10 (BAS) und 12 (Fachoberschule) erfolgreich absolviert (der Teilnehmerschwund lag in der Berufsaufbauschule bei 50%). Habe mich sozusagen aber durchgebissen und die Fachhochschulreife sogar mit einem super Notendurchschnitt erlangt. Zusammen mit den Noten des Gesellenbriefs reichte es, das ich mir meinen Studienplatz für ein Ingenieurstudium quasi aussuchen konnte. Damals wurden die Studienplätze per Zentralstelle für Vergabe von Studienplätzen (ZVS) vergeben – aber meine Erstpräferenz erteilte kurz nach meiner Anmeldung bereits den Zuschlag. Praktika brauchte ich wegen meiner Berufsausbildung nicht nachzuweisen.

Und so habe ich zwischen 1976 bis 1979 ein Studium der Physikalische Technik in einer Rekordzeit von 3 Jahren hingelegt (dort kamen auch nur so um die 35% der Studenten durch) und besitze den Abschluss als Diplom-Ingenieur. Das Turbo-Studium zahlte sich für mich auch aus, da mir vom Staat ein großer Teil meiner als rückzahlbarer Kredit gewährten BAFÖG-Studienförderung erlassen wurde – der Rest war, dank meines Jobs, binnen weniger Monate zurück gezahlt.

Ich fand während meines Studiums sogar noch Zeit, nebenbei als Elektriker zu arbeiten, um den Unterhalt für meine Frau und mich zu verdienen bzw. aufzustocken und konnte auch sonst einige Aktivitäten mit „den Computern der Fachhochschule und der nahen Kernforschungsanlage Jülich“ durchziehen. Mein Matheprofessor, der auch die Vorlesungen in Programmiersprachen gab, hatte mir die Zugänge zu diversen Computern ermöglicht. Ich erinnere mich auch noch, in den letzten Monaten des Studiums die dortigen Bibliotheken nach allem an Computerliteratur, was ich in die Finger kriegen konnte,  durchforstet zu haben – denn Computer waren 1979 in der Wirtschaft noch etwas besonderes, die heutigen PCs gab es so noch nicht.

Nach Abschluss meines Studiums folgten zwei Jahre als Ingenieur im Flugzeugbau sowie 12 Jahre in der Großchemie, wobei ich mich dort schwerpunktmäßig mit Computertechnik befasste. Da konnte ich mich mit meinen Interessen ausleben. In dieser Zeit hatte ich nebenberuflich auch einige Semester Informatik, Mathematik und Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert, das aber vor einem weiteren Abschluss aus Aufwandgründen abgebrochen (genau gesagt hatte ich mir eine Pause auferlegt, um mir klar zu werden, was ich die nächsten 30 Jahre zu machen gedenke).

Und dann fiel der Entschluss, ich wollte irgendwann schnell reich und berühmt werden. Der Gedanke: „Junge, jetzt hast Du dich genug auf der Schulbank geknechtet, mache was draus, Zeit, Geld zu verdienen“. Ich hatte quasi aus Jux neben meinem Angestelltendasein als Ingenieur ein Computerbuch geschrieben, um zu sehen, ob ich das könnte. Ok, ich wollte damit auch meinen ersten PC finanzieren – ist aber in die Hose gegangen, wie man hier nachlesen kann. Aber aus dem einen Buch wurden dann zwei, drei … und viele (ca. 300 Titel, habe irgendwann mit dem Zählen aufgehört).

Daher habe ich meinen Job als Ingenieur an den Nagel gehängt und mein Hobby, das Schreiben von IT-Büchern, zum Beruf gemacht. Seit 1993 habe ich hauptberuflich meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Computerbüchern – die teilweise international publiziert wurden – verdient. Und seit 2016 kann ich von den Einnahmen meiner IT-Blogs leben – wobei ich aber zum 1. März 2021 eigentlich Rentner bin (wenn es auch noch nicht so ganz geklappt hat).

War ein weiter Weg vom kleinen Lehrling, der 1969 gestartet ist, bis zum heutige „Pseudo-Rentner„, der dieses Internet mit so doofen Geschichten wie dieser voll schreibt. Den Spruch „Mache dein Hobby zum Beruf, dann musst Du nie wieder arbeiten“ konnte ich aber für mich mit Leben füllen. War eine geile Zeit, mein Berufsleben, angefangen vom Lehrling, über den Ingenieur bis zum Schreiberling. Das ich für Cheffe den Hühnerstall als Lehrling Samstags ausmisten, Autos waschen und auch sonst ziemlich ackern musste, konnte ich aber ganz gut ausblenden (die Gnade des Vergessens hat halt zugeschlagen).

Auch das mit dem „schnell reich und berühmt werden“ hat nicht ganz so geklappt – aber ich mag nicht meckern, Familie ist immer satt geworden  – und berühmt zu sein, hat bestimmt auch seine Schattenseiten (wenn Du mit offener Hose beim Aldi von Paparazzi abgelichtet wirst und anderntags in der Bild-Zeitung erscheinst, ist das irgendwie nicht so der Burner) – konnte ich also gut drauf verzichten.

In die „Bild am Sonntag“ habe ich es übrigens sogar geschafft – fast – also nicht ich persönlich, sondern eines meiner Bücher. Ich weilte mit meiner Familie so 2007 zum Wochenendbesuch bei meinen Eltern in der Eifel und bei Vater lag die „Bild am Sonntag“ auf dem Küchentisch. Habe die interessehalber durchgeblättert und mich traf der Schlag. Im Innenteil wurde ein Buch von mir als Empfehlung der Redaktion vorgestellt. Die Verkaufszahlen gingen ab wie die Post. Aber bei meinem Talent, immer den ungünstigsten Ast zu erwischen, hat mir das Leben auch da einen Wehmutstropfen in den Wein fallen lassen. Es war mein erfolgreichstes Buch, der Verlag hat die 100.000er Verkaufsmarke angepeilt. Leider sind wir bei 99.890 verkauften Exemplaren stehen geblieben, weil seinerzeit Microsoft sein Windows 98 eine Woche zu früh auf den Markt gebracht hat. So kamen einige hundert Rückläufer aus dem Buchhandel an den Verlag zurück und die „über 100.000 verkauften Exemplare“ schrumpften dann auf den obigen Wert. Junge, so wird das nix mit deinem Porsche …

Und wat is mit dem Porsche?

Irgendwo in obigem Text ist uns ja der Ingenieur mit dem Porsche über den Weg gelaufen. Die Erinnerung ist mir schon im Gedächtnis hängen geblieben. Gut, den Ingenieurstitel  habe ich erworben, aber der Porsche fehlt noch immer. Ein Mit-Lehrling, ein Jahr früher fertig, der mit mir Samstags die Autos des Meisters waschen musste, war immer ganz begeistert vom BMW des Chefs. Er hat den gleichen Weg wie meine Wenigkeit beschritten, den zweiten Bildungsweg und dann ein Studium als Elektroingenieur absolviert. Danach ist er Flugingenieur bei der Lufthansa geworden. Als ich ihm, damals als Ingenieur im Flugzeugbau, quasi seinen Arbeitsplatz als Flugingenieur wegrationalisierte, hatte er auf Pilot umgeschult. Wie es das Leben so will, traf ich ihn vor gut 35 Jahren – als ich in der Mittagspause das Chemiewerk meines damaligen Arbeitgebers verließ, um in die Stadt zu gehen. Der Junge hatte eine Ex-Flamme von mir im Schlepptau, die er als seine Ehefrau vorstellte. Und im zweiten Satz meinte er „und ich habe einen BMW, war schon als Lehrling mein Traum, als wir den BMW vom Chef gewaschen haben“. Leben kann schon seltsam sein – die Begegnung war weit abseits der Eifel, wo wir beide gelernt haben. Hatte der Zufall mal wieder gewürfelt.

Und wat is mit dem Porsche? Da gilt das Kölsche Grundgesetz „Et kütt wie et kütt“. Als ich die Kohle für den ersten, zweiten und ggf. dritten Porsche hatte, war der Reiz, so was zu besitzen, einfach nicht da (war wohl nie vorhanden). Vor Jahren telefonierte ich mal mit meinem Schulbanknachbarn, mit dem ich den zweiten Bildungsweg zur Fachhochschulreife beschritten hatte. Dabei stellte sich heraus, dass dieser mit Kollegen ein Ingenieurbüro im Rhein-Main-Gebiet betrieb. Er meinte „nachdem mein Bruder gerade mit Mitte 40 an einem Herzinfarkt gestorben ist, hab ich mir jetzt einen Porsche gegönnt“. Ließ mich aber irgendwie kalt, mein Auto muss vier Räder haben, die sich drehen – fertig. Jahrelang habe ich sogar teilweise arg verbeulte Kleinwagen gefahren. Und dafür sich bis zum Ingenieur quälen, Junge, Junge, Du machst Sachen.

Auch da kennt der Kölner die tiefenpsychologische Erklärung: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet“. In diesem Sinne:  Et es wie et es – und Do laachste dech kapott – aber so ist halt Leben.

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2 Antworten zu Der Jung soll was anständiges lernen

  1. Mance sagt:

    Jo, wenn da ald bisch kasch’d was verzella ;-) Wirklich ein Zeitzeugnis. Viele Paralellen zu meiner Vita. Bei mir begann das Dilemma schon als Viertklässler als die Entscheidung anstand, ob ich auf’s „Gemnaseom“ gehen wollte (sollte). Mein Vater (Schuhmachermeister mit eigener Werkstatt) hat damals gesagt – „isch mir egal, dur wa da widd“. Das hab‘ ich mir nicht zweimal sagen lassen und auf das Risiko, raus aus dem Gewohnten, verzichtet und in der Volksschule weitergemacht.
    Als es dann an die Berufswahl ging, stand ich genau so im Wald wie du. Ein Onkel von mir war im Zollern-Werk (gehört wirklich dem Fürst von Hohenzollern/Sigmaringen) Meister in der Metallgießerei und mein Cousin war ebendort als Former beschäftigt. Also war klar, „du wirschd au Former“. Gottseidank hat dann damals bei der Einstellung der Personalchef erkannt, daß das weit unter Wert für mich war und mich als Werkzeugmacherlehrling eingestellt. Meine damalige Vorstellung von einem Werkzeugmacher war, daß der Hämmer und Zangen und so’n Zeugs macht. Aber ich hab’s dann gelernt und die Gesllenprüfung mit zwei glatten Einsern gemacht.
    Nach einigen Jahren im Formenbau der Feingußabteilung (Wachsausschmelz-Vefahren) bin ich dann schon mit 22 Vadd’r geworden und habe eine Familie gegründet. Zwar vorne und hinten kein Geld, aber egal mich hat’s nicht gestört. Endlich mein eigener Herr.
    Beruflich ging es dann so weiter, daß ich in’s Konstruktionsbüro einer neuen Abteilung meiner Fa. (Hydraulikpumpen und Planetengetriebe) wechselte. Dort wurde ich von einem Kollegen überzeugt doch die Technikerschule zu besuchen. Nebenher und dazwischen immer wieder verschiedene Fernkurse von Christiani. Maschinenbau, Konstruktion, Elektronik-Labor, Oszilloskop-Labor und Mathematik. Hat ehrlich Spaß gemacht. Mit dem Einzug von MS-Excel ging es dann voll aufwärts. Das war was für mich, da konnte ich mein inzwischen angesammeltes Wissen voll in die Entwicklung von Berechnungsprogrammen für die techn. Berechnungen unserer Abteilung umsetzen.
    Ja und heute, immer noch ein ruheloser Geist. Momentan entwickle ich mich auf dem Fotosektor weiter. Nachdem ich mir bspw. Gimp und Darktable draufgezogen habe beschäftige ich mich momentan mit Fokus Stacking. Nur spazierenlaufen ist nichts für mich ;-)

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