Mein R4 und der erste Urlaub in Holland

Renault R4, Quelle: WikipediaIn Meine "Schrauberjahre"-Teil 3: Ein Auto wird gebraucht … hatte ich ja aus meinem Leben und über eine Phase mit den ersten Autos geplaudert. Mit 18 Jahren hatte ich also einen gebrauchten Renault R4, hellblau, auf dessen Ladefläche man Ziegenböcke, Schafe und viel mehr transportieren konnte. Und man konnte damit in den ersten Urlaub fahren, was in ein unglaubliches Abenteuer ausartete. Von Polizei mit Maschinenpistolen im Anschlag umstellt bis hin zum Auto streikt auf einer sich nach oben klappenden Zugbrücke über eine Gracht war alles dabei. Zeit für eine Geschichte, die sich meine Enkel noch in zwanzig Jahren am Lagerfeuer erzählen. So wie Oppa nach Holland fuhr und fast nicht wiedergekommen wäre.


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Wann merkst Du, dass Du wohl alt wirst? Na ja, wenn Du aufs Leben zurück blickst und dir die unglaublichsten Geschichten wieder einfallen. So war auch die Zeit mit 18 Jahren eine Besondere. Ich hatte meine Lehre als Elektroinstallateur abgeschlossen (Der Jung soll was anständiges lernen) und beschlossen, wieder zur Schule zurück zu gehen. Ziel war es, über den zweiten Bildungsweg die Mittlere Reife (10. Klasse) und dann die Fachoberschule (12. Klasse) nachzuholen, um an einer Fachhochschule ein Ingenieurstudium absolvieren zu können. Und ich hatte nach meiner Moped-Zeit mein erstes eigenes Auto, den besagten hellblauen Renault R4 (hatte ich im Beitrag Meine „Schrauberjahre"-Teil 3: Ein Auto wird gebraucht ja vorgestellt).

Auf einem Bauernhof gibt es keinen Urlaub

Als jemand, der auf einem Bauernhof aufgewachsen war, kannten wir keinen Urlaub. Die Eltern mussten halt immer das Vieh versorgen – ich erinnere mich, dass ich während meines Studiums irgendwann mit den beiden Geschwistern ausgemacht hatte: "dann und dann komme ich eine Woche nach Hause, dann versorgen wir das Vieh, melken kann ich, die Eltern sollen dann ein paar Tage Urlaub machen." Gut, ist dann noch ein Kurzurlaub von Mittwoch bis Sonntag geworden, wo die beiden mit dem Auto nach Holland gefahren sind. Die konnten zwei Jahre lang Geschichten erzählen, was sie alles im Urlaub erlebt haben. Von der Übernachtung in einer umgebauten Garage über den Besuch des Keukenhofs bis hin zum Gang am Strand der Nordsee.

Später, im Ruhestand, sind die beiden dann doch häufiger gereist – wie ich überrascht feststellen musste, als ich anlässlich der Goldenen Hochzeit in einem Dia-Vortrag die Reisen (Capri, Ischia, Rom, Mallorca, Santiago de Compostella, Balaton, Rom, Venedig, Lago Maggiore und was weiß ich alles) zeigte. Lediglich zum Nordkap hat es mein Vater nicht mehr geschafft. War sein Wunsch in den Jahren vor der Rente, aber als ich eines Tages sagte "buche die Reise zum Nordkap, ich zahle alles" meinte er "ich bin zu alt, das wird deiner Mutter und mir zu beschwerlich, ist aber auch kein Problem, wir haben viel von Europa gesehen".

Wir könnten ja nach Holland fahren …

Das war so Situation, in der ich mich befand – Urlaub war ein Fremdwort in der Familie. Andererseits hatte ich gerade meine Lehre abgeschlossen, wollte zur Schule zurück, und begann flügge zu werden. Den Eltern war also klar, dass ich auch mal in die Welt hinaus musste.

Und nachdem bekannt wurde, dass ich wieder auf die Schule wollte, um die Fachhochschulreife nachzuholen, waren Erwin (mit dem gleichen Familiennamen wie ich, und zudem ein Schulkamerad aus der Grundschule) sowie Alois (genannt Babs, und ein Schuljahr jünger) zu lockeren Freunden mutiert.

Beide gingen in der nahen Stadt aufs Gymnasium und man traf sich weitgehend in den Kreisen der angehenden Abiturienten. Wenn ich so drüber nachdenke, änderte sich auch bei mir der Freundeskreis, weg von den früheren Kumpels aus Volksschule und Handwerk, hin zu den Leuten, die auf das Gymnasium gingen. War nichts gezieltes, das ergab sich so.

Wir standen also so im Sommer mal wieder zusammen um zu quatschen. Die Jungs hatten Sommerferien und ich hatte vor der Rückkehr in die Schule auch Urlaub. Irgendwann meinte einer der beiden Kumpels: "Wir haben ja frei, eigentlich könnten wir nach Holland fahren, Amsterdam besuchen und das Meer sehen. Du hast ja ein Auto." Ich war etwas überrascht – da war schon der Gedanke "was machst Du mit der Zeit, im Sommer, bevor es zur Schulbank zurück geht?" – daher meinte ich "ich kläre es".


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Bei den Eltern nachgefragt: "Spricht was dagegen, dass ich mit dem und dem für einige Tage nach Holland fahre?" – und als kein Widerspruch kam, war die Sache gebongt. Die beiden hatten was von zelten gesagt, aber ein Zelt besaß ich nicht. Auch kein Problem, die beiden hatten ein Zwei-Mann-Zelt, und ich den R4 mit breiten Sitzen.

Renault R4, Quelle: Wikipedia
Renault R4, Quelle: Wikipedia, Von AlfvanBeem – Eigenes Werk, CC0

Also habe ich an einem Wochentag eine Decke, eine Tasche mit frischer Wäsche, Zahnbürste, Handtuch und Seife gepackt, etwas Geld eingesteckt und den Straßenatlas mit der Karte der Eifel, Belgien und den Niederlande studiert. Dann in den Nachbarort geschüsselt, die Beiden mit ihrem Zelt und den Rucksäcken eingeladen und schon ging es los.

Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn …

Ich erinnere nicht mehr so genau, um welche Uhrzeit wir losfuhren. Aber es muss späterer Nachmittag gewesen sein. Es ging nach Bitburg, in Richtung Lüttich, in Belgien. Die heutige Eifelautobahn (Bundesautobahn A60) gab es noch nicht, damals war es die ausgebaute Europastraße E42, die dann auf die A2 in den Niederlanden überleitete.

Jedenfalls ist mir noch in Erinnerung, dass wir guten Mutes gegen Holland fuhren. Ich bestaunte die Ausläufer der Ardennen in Belgien, las Sankt Vith, bekam mit, dass die Straße einige Kilometer über die Rennstrecke von Spa-Francorchamps führte, und wunderte mich, dass die Häuser plötzlich so ganz anders als in der Eifel aussahen. Auch machte ich mir so einige Gedanken, wie schmutzig es in der Umgebung von Lüttich war (wir fuhren durch industrienahe Bereiche) und schon kam die niederländische Grenze.

Vermutlich wurden wir von einem gelangweilten Zöllner sowohl an der belgischen als auch an der niederländischen Grenze durchgewinkt – Schengen gab es noch nicht. Wie wir das mit den holländischen Gulden geregelt haben, weiß ich nicht mehr – vielleicht wurde an der Grenze in einer Wechselstube etwas umgetauscht.

Und dann ließ ich es auf der A2 in den Niederlande gegen Norden, Richtung Amsteram, "rollen" – Mastricht, Maasmechelen, Sittard, Roermont, Weert, Eindhofen waren Autobahnschilder, die mir noch in Erinnerung geblieben sind.

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich gut zwei Jahre später, nahe dem holländischen Weert, im Örtchen Büdel, meine Grundausbildung als junger Wehrpflichtiger absolvieren und durch die Sanddünen der südlichen Niederlande marschieren und robben würde. Und auch der Eurostrand in Valkenswaard, den wir während dieser Zeit an den Wochenenden und nach Feierabend besuchten, war mir noch kein Begriff. Die 6 Wochen Büdel waren nicht so ganz schlecht, die Ausbilder waren in Ordnung, es gab doppelten Wehrsold und steuerfreie Zigaretten – die ich dann verkaufen konnte. Vier Jahre später bin ich sogar mal als Student mit meiner Frau von Jülich für einen langen Sommertag an den Eurostrand nach Valkenswaard gefahren.

Von Polizei mit MPs umstellt …

Aber zurück zur Fahrt in den Urlaub. 's-Hertogenbosch, dann Utrecht flogen vorbei und ich bestaunte die flache Landschaft mit Kanälen, die durch Erlen oder Pappeln gesäumt waren. Sah so ganz anders als bei uns in der Eifel aus, wo ich von einer Anhöhe auf unseren Feldern über sanfte Hügel bis zum Moselgraben am fernen Horizont schauen konnte.

Der Masterplan war, die erste Nacht in Amsterdam zu verbringen und ein Hotel zur Übernachtung zu suchen. Irgendwie waren wir aber zu spät losgefahren, oder ich hatte den Zeitplan nicht im Kopf – Navis mit Zeitangabe der Fahrtstrecke gab es 1973 noch nicht. Es war lange vor Utrecht schon Abend und dann dunkel geworden.

Als es schon nach 21:00 Uhr war, und Amsterdam immer noch nicht in Sicht kam, meinte ich zu den beiden Jungs "Wird schwierig, um 10 oder 11 Uhr nachts in eine fremde Großstadt zu fahren, dann noch ein billiges Hotel suchen … sollen wir nicht irgendwo am Straßenrand halten, etwas pennen und morgen in die Stadt fahren. Dann können wir immer noch ein Hotel suchen." Gab sofort Zustimmung und ich fuhr nach einem Parkplatz Ausschau haltend weiter.

Irgendwann war da neben der Straße ein Bereich mit festgefahrenem Sand und viel Platz – bot sich gerade zu an, da zu halten und zu rasten. Ich hatte noch mitbekommen, dass da in der Nähe eine Autobahnbaustelle war und einige Meilenkipper herum standen. Die Baustelle ruhte, da längst Feierabend war. Wir kurz was getrunken, draußen ausgetreten und dann im Auto hingelegt, um zu schlafen. Richtig komfortabel war es zwar nicht, aber ich bin sofort eingepennt.

Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein, als ich von einem lauten Klopfen am Fenster der Fahrseite, gegen die ich meinen Kopf gelegt hatte, wach wurde. Alle Scheiben waren beschlagen, also schob ich die Seitenscheibe des R4 nach vorne, so dass ich raus schauen konnte. Ich erkannte einen niederländischen Polizisten, und um das Auto herum standen eine Reihe weiterer Polizisten, eine Maschinenpistole im Anschlag und auf unser Auto zielend. Schlaftrunken fragte ich auf deutsch, was los sei. Der Polizist wollte Führerschein, Fahrzeugpapiere und Ausweis sehen, die ich ihm aushändigte. Er studierte diese kurz und fragte, was wir vorhätten. Als ich ihm sagte, dass wir einige Tage Urlaub in Holland machen und erst einmal nach Amsterdam fahren wollte, kam sofort die Frage, warum wir das denn nicht täten. Ich erklärte ihm, dass ich einerseits müde geworden sei und um 22:00 Uhr nicht mehr in eine mir gänzlich fremde Stadt mit dem Auto fahren wollte, um mir dann noch ein Hotel zu suchen.

Die Argumentation leuchtete dem Mann ein, und er gab mir die Papiere zurück. Die Polizisten, die das Auto umringt hatten, entspannten sich und gingen zu einem Polizeibus zurück. Der kontrollierende Polizist meinte dann auf Deutsch "Gut, schlafen Sie weiter, aber fahren Sie morgen zügig weiter" und verschwand ebenfalls im Bus, der dann abfuhr. Einem meiner Begleiter dämmerte es dann. Wir standen am Straßenrand in einer Art erweiterter Baustelle – hätte keinen gestört. Aber in der Nähe war der Flughafen Schiphol/Amsterdam, was wir nicht wussten. Und es es war die Zeit der Rote Armee Fraktion (RAF) mit Terroranschlägen. Das am Straßenrand in Nähe des Flughafens stehende deutsche Auto hatte wohl Terroralarm ausgelöst.

Also wurde ein Bus schwer bewaffneter Polizisten zur Kontrolle losgeschickt, und als dann noch drei junge Kerle im Auto ausgemacht wurden, wuchs die Nervösität bei den Männern wohl spürbar. Als bei der Kontrolle die Hintergründe klar wurden, entspannte sich die Situation und unser Parken wurde geduldet.

Amsterdam, steile Treppenstiegen und mehr

Am frühen Morgen fing gegen 6:00 Uhr bereits die Tätigkeit auf der Baustelle an. Wir haben erinnerungsmäßig noch etwas gedöst, etwas gefrühstückt und sind dann gegen Amsterdam gefahren. Ich erinnere mich noch, dass wir schnell ein billiges Hotel mit einem 3-Bett-Zimmer an einer Gracht fanden. Die steile Treppe zum Zimmer ist mir immer noch vor Augen. An Amsterdam habe ich nicht mehr viele Erinnerungen. Gegessen haben wir in einem "Wimpi", ein Fast-Food-Restaurant auf Franchising Basis, die Babs wohl kannte (da können wir preiswert essen, war die Aussage). Ja, und ich hatte "die Welt" gesehen, kannte ich das doch überhaupt nicht.

Wir waren wohl auch im Rijksmuseum Amsterdam, sicher bin ich aber nicht, da ich später als Student dort auf Exkursion war (vielleicht vermischen sich da die Erinnerungen). Und ich erinnere mich an einen Gang durch das Rotlichtviertel, wieso wir da rein geraten waren, keine Ahnung. Die beiden anderen waren ganz heiß auf Coffe-Shop, um sich da Marihuana zu kaufen – was sie doch nicht taten. Ich hatte bloß Muffe, dass die was nach Deutschland mitnehmen wollten und wir an der Grenze eingesackt würden. Viel mehr erinnere ich nicht, selbst das holländische Frühstück ist mir nicht mehr gegenwärtig, aber die steile Treppe, die wir mit Taschen und Rucksäcken hoch und runter balanciert sind, die ist noch vor Augen.

Zeltplatzidylle oder auch nicht

Am nächsten Tag ging es aus Amsterdam raus und nach Zandvoort ans Meer. Dort gab es auch eine Rennstrecke, wie mir Babs eröffnete. Aber für mich war der Ausblick aufs Meer, was ich noch nie gesehen hatte (ich denke auch die beiden anderen nicht), das erhebendste Ereignis. Muss den beiden Begleitern auch so gegangen sein. In Erinnerung ist mir noch der Ausspruch von einem meiner beiden Begleiter "Boah, was ist das ein Ding, dieses Meer".

Hatte was von dem Road-Movie Knockin' on Heaven's Door aus dem Jahr 1997, mit Til Schweiger und Jan Josef Liefers in den Hauptrollen, die kurz vor dem Krebstod noch das Meer sehen wollen. Makabrer Zufall, Babs ist leider nur wenige Jahre nach unserem Besuch am Meer freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich habe es durch Zufall bei einem Heimatbesuch als Student von den Geschwistern gehört.

Nach dem Besuch am Strand ging es auf einen Camping-Platz, wo die beiden Begleiter ihr 2 Mann-Zelt aufbauten und das für die Nacht fertig machten. Da ich kein Zelt hatte, habe ich auf der durchgehenden Vorderbank des R4 geschlafen. Handbremse und die Revolverschaltung waren ja am Armaturenbrett angebracht. Schlafen ging mit angewinkelten Beinen irgendwie, obwohl sich bequem anders schreibt. Liegesitze hatte das Auto keine und ob die Rückbank umklappbar war, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich vorne geschlafen.

An was ich mich auch noch erinnere: Wir hatten in einem Supermarkt Weck oder Brot, etwas Brotaufstrich, sowie etwas zu trinken (keine Ahnung, ob es Cola oder Mineralwasser war) gekauft. Ich hatte immer ein Taschenmesser dabei. Abends saßen wir mit geöffneten Türen im Auto und haben was gegessen. Und am Morgen fand das gleiche Ritual statt. So richtig erhebend fand ich das Camping jetzt aber nicht.

Wenn ich jetzt so rumspinne: Schatz, lasse uns ein Dachzelt kaufen, dann können wir immer und überall campieren, lacht meine Frau. Mit mir nicht, Du schnarchst und dann dein Rücken. Das kannst Du alleine machen. Also bleibt das Dachzelt ein ferner Traum.

Auf zum Käsemarkt nach Alkmaar, und der Unfall

Am letzten Tag war ein Besuch des Käsemarkts in Alkmaar geplant. Also Campingplatz nach dem Frühstück verlassen, um die kurze Strecke nach Alkmaar zurückzulegen. Lief auch alles echt gut, war alles beschildert und die zahlreichen Blitzer, die heute die dortigen Straßen säumen, gab es noch nicht. Schon kamen wir in Alkmaar an und ich fuhr durch verschiedene Straßen, um irgendwo den zentralen Platz zu finden, wo der Käsemarkt stattfand.

Irgendwann musste ich auch eine Gracht überqueren, wofür ich mir eine Zugbrücke auserkoren hatte, denn die Straße führte da drüber und wir mussten mit dem Auto auf die andere Seite der Gracht. Als ich so langsam auf die Zugbrücke fuhr, ging diese plötzlich hoch, weil ein Kahn auf dem Wasser passieren wollte. Ob ich eine Ampel übersehen hatte, oder ob es keine gab, weiß ich nicht. Ich war aber noch ganz am Anfang des beweglichen Brückenteils, ließ also das Auto einen Meter rückwärts rollen, machte den Motor aus und wartete, bis die Zugbrücke wieder runter ging.

Wir waren das erste Auto, welches an der Brückenzufahrt wartete und bald standen weitere Fahrzeuge wartend hinter uns. Das erste Auto hinter mir war ein VW-Käfer, das erinnere ich noch. Die Zugbrücke ging herunter und ich wollte meinen Renault R4 starten. Aber der Anlasser drehte, das Auto sprang aber nicht an. Mehrfach probiert, keine Chance. Da ich die Fahrbahn blockierte und niemand auf der Fahrspur über die Brücke kam, ließ ich das Auto langsam bei gelöster Bremse die etwas rechts und links zum Brückenaufgang abschüssige Pflaster-Straße zurück laufen. Der Masterplan war, die Fahrbahn soweit frei zu machen, dass der Verkehr über die Brücke fließen konnte. So hätte ich Zeit, mir das Problem in Ruhe am Straßenrand anzusehen.

Leider hatte ich meine Rechnung ohne den Fahrer hinter mir gemacht. Ob er nur sehr nahe herangefahren war, oder schon anfuhr, während ich das nicht mehr startende Auto rückwärts laufen ließ, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte ich nicht genug in den Rückspiegel geschaut, jedenfalls machte es Bums, und ich war mit der Rückstoßstange des R4 gegen die vordere Stoßstange des VW-Käfers geprallt. Na prima, jetzt hast Du auch noch einen Unfall gebaut, was wird Vatter sagen, der zwar zum Urlaub genickt, aber "pass auf, bau keinen Unfall" gemeint hatte.

Ich stieg also aus und sah scheinbar die Bescherung: Stoßstange an Stoßstange, am VW hing eine Vorderlampe am Kotflügel heraus. Ein Mann, vermutlich tamilischer oder molukkischer Abstammung war laut fluchend und gestikulierend ausgestiegen, während der restliche Verkehr um uns herum auf die Brück fuhr. "Ups, gleich wirst Du geschlachtet, was das wieder kostet" schoss es mir durch den Kopf. Gut, wenn zwei Autos im Schritttempo mit den Stoßstangen aneinander stoßen, passiert nicht wirklich was. Wusste ich, verdattert wie ich war, nicht. Der Mann schaute sich die Sache an, sah, dass die Stoßstangen und die Autos keinen wirklichen (Blech-)Schaden davon getragen hatten. Auch ich überzeugte mich, dass wirklich nichts, außer der aus dem vorderen linken Kotflügel des VW-Käfer heraushängenden Frontlampe kaputt war.

Während ich noch überlegte, wie ich das nun mit der "kaputten Lampe" regeln könnte, ließ der Mann noch einen Schwall Flüche vom Stapel, griff sich die heraushängende Lampe, steckte diese in die Öffnung in der Karosserie, hieb kräftig mit der flachen Hand dagegen, schwang sich hinter das Steuer und brauste über die Brücke davon. Da schwante mir, dass dies seine tägliche Übung gewesen sein musste, denn so routiniert wie das ablief, konnte es nicht anders gewesen sein. Die Halterung der Lampe war wohl weg gerostet und der VW wäre in Deutschland nicht mehr über den TÜV gekommen.

Nachdem Problem #1 mit dem Unfall sich in Luft aufgelöst hatte, konnte ich mich Problem #2, dem nicht mehr anspringenden Motor, widmen. Im Beitrag Meine „Schrauberjahre"-Teil 3: Ein Auto wird gebraucht hatte ich ja ausgeführt, dass ich in meinen Schrauberjahren steckte und aus meiner Moped-Zeit mit Motoren umgehen konnte (eigentlich war ich ein "halber Autoschlosser", hatte ich doch einen KFZ-Mechaniker-Lehrling im Freundeskreis durch die Prüfungen gebracht und einiges gelernt). Also die Tasche mit dem Werkzeug aus dem Kofferraum gegriffen, Motorhaube geöffnet und in den Motorraum hineingebeugt. Wasser stand keines unter dem Auto, ein überhitzter Motor durch ausgelaufenen Kühler konnte es nicht sein. Gewohnheitsmäßig hatte ich mir angewöhnt, beim Firmenwagen im Lehrbetrieb, der Montags nie anspringen wollte, die Zündkabel und den Zündverteiler zu kontrollieren.

Als ich das beim R4 machte, merkte ich, dass eine Zündkerze locker in einer Zylinderöffnung des Motors saß. Ich hatte die mal vor der großen Fahrt mit einer Leere auf Abstand der Zündkerze kontrolliert und wohl nicht fest genug eingeschraubt. Die Zündkerze hatte sich gelockert und der Motor war nur noch auf 3 Zylindern gelaufen. Also mit einem Zündkerzenschlüssel (der wundersamer Weise in der Werkzeugtasche dabei war) die Zündkerze neu eingeschraubt und festgedreht. Auf den Fahrersitz gewechselt, den Anlasser betätigt, und das Auto sprang auf Anhieb an. Werkzeug eingepackt und über die Zugbrücke, die in der Zwischenzeit schon mal hochgegangen war, über die Gracht auf die andere Seite gewechselt, in der Nähe des Käsemarkts einen Parkplatz gesucht und sich in das Getümmel auf dem Markt gestürzt.

War schon eine Sensation die Holländer zu sehen, wenn zwei Käseträger eine Tragbahre mit Käselaiben auf den Markt zum Waagplein (Wiegeplatz) tragen, wo der dann aufgestapelt wird. Handys und Digitalkameras gab es noch keine, Analogkamera hatte ich keine mit, so dass es keine Fotos gibt. Ich erinnere mich aber noch, dass ich einen kleinen, runden Käse für erinnerungsmäßig 20 oder 40 Mark für die Eltern als Mitbringsel gekauft habe.

Und danach ging es am Nachmittag wieder zurück in die Eifel, unsere Heimat. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, muss wohl ereignislos verlaufen sein. Jedenfalls hatten wir kein "Gras" dabei, denn an der Grenze wurden wir nicht kontrolliert. Irgendwann habe ich die beiden Begleiter im Dorf von deren Elternhäusern abgeliefert und fuhr auf unseren Bauernhof zurück. Die Eltern waren froh, dass ich wohlbehalten zurück war.

Aus der Welt zurück …

Und damit war mein erster echter Urlaub zu Ende – ich war in der Welt gewesen, und hatte Abenteuer erlebt. Die wurden mir aber erst viel später wirklich gewahr, ich glaube, ich war damals ziemlich unbekümmert und wollte die Welt erobern. Erwin und Alois haben mich dann Wochen später noch nach Wittlich ins Gymnasium geschleppt, wo die niederländische Gruppe Ekseption an einem Samstag Abend auftrat (siehe auch Musik zum Sonntag: Ekseption … Toccata).

Ab da verlieren sich die Kontakte mit Erwin und Babs, da ich mehr an den Schülern der Berufsaufbauschule und später der Fachoberschule orientierte, danach zur Bundeswehr und später zum Studium ging. Für mich war 1973 der erste, und für Jahre der letzte Urlaub.

Im Mai 1976 ging die (um 1 Jahr verspätete) Hochzeitsreise, ich hatte gerade meine Bundeswehrzeit fertig und wollte bald studieren, zwar für 2 Tage nach Belgien (Brügge, mit einem Schnakenloch als Hotel, und Nordseestrand, auf's Atomio in Brüssel wollte meine Frau wegen den schnellen Fahrstuhls nicht), was aber nicht wirklich Urlaub war.

Danach hatte ich als Student wenig Geld, erst 1978 oder 1979 müssen wir dann mit einem Bus für fünf Tage nach Paris, in die Stadt der Liebe, gefahren sein. War auch ein schöner Urlaub mit einigen Erinnerungen. Aber so richtig in Urlaub fahren und beruflich reisen, ging erst mit dem Eintritt in den Beruf als Ingenieur los. Der erste eigene Urlaub ist mir aber als besonderes Ereignis in Erinnerung geblieben. Vermutlich wird jeder von Ihnen da seine ganz eigenen Erinnerungen haben. Kommentare sind immer willkommen.

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